M: Der Anfang vom Ende

Niklas grinste, als er die Verkehrsvideos beobachtete. Dort fuhr er. Matt. Er schien es eilig zu haben. Zu eilig.

Dieser dumme, dumme Kerl.

Nachdenklich gab er ein Kommando auf seinem Rechner ein. Er bezweifelte, dass sein einstiger Handlanger den Wagen gecheckt hatte. Nicht, wenn er so die Straßen runter raste. Er musste nur den richtigen Moment abpassen, um-

Enter.

Stumm beobachtete Niklas, wie das Fahrzeug mit der Restgeschwindigkeit auf einen LKW zuraste. Es hatte kaum Platz, um zu rangieren – kaum Zeit, um zu reagieren. Sicherlich war Matt zu überrumpelt, um etwas zu unternehmen. Ha! Wie Spielzeuge krachte das Auto in den Laster. Leute sprangen herbei. Jemand wedelte mit den Armen.

Seelenruhig tippte der Struwwelpeter weitere Zahlen in den Computer. Er würde Michael von einem seiner Krankenwagen abholen lassen. Wenn er ihn erstmal in seinem Krankenhaus hatte, wäre es ein Kinderspiel, auch Lucifer und Angeline anzulocken. Er würde-

Noch ehe er die Botschaft abschicken konnte, klopfte es. Nachdenklich hielt er inne. Dann rief er die Überwachungsvideos auf. Sah, wie Hard Rock sich über die Tunnel Zutritt verschafft hatte. Dass ihm jemand gefolgt war. Eine Frau. Eine Vixen?

Warum brachte er seine Fußabtreter her?

Gereizt öffnete Niklas ein neues Texteingabeprogramm und tippte seinen Missmut hinein: Wichtig?

„Ja“, erklang es aus den Lautsprechern, „Leider.“

Etwas hinter ihm quietschte.

Das Geräusch klang ungewohnt. Dennoch glaubte der Struwwelpeter, es zu kennen. Er fokussierte sich auf die Frau, die hinter Hard Rock stand. War das …? Nein. Sie war an der Halsbeuge tätowiert. Das war definitiv eine Vixen. So viel konnte er erkennen. Aber das, in ihren Armen … Das war ein Kind, oder? Ein Baby?

Noch einmal schaute er auf die Zahlen, die er eigentlich absenden wollte, damit Matt abgeholt werden würde. Doch könnte er die Notrufe nicht mehr sauber umleiten. Nein. Das wäre ein zu großer Aufwand. Der Bursche war bislang ja nicht mal dem Wagen entstiegen!

Damit wandte Niklas sich ab und schaltete die Monitore in den Stand-by-Modus, ehe er seine Gäste empfing.

„Unangekündigt, während oben ganz Merichaven tobt?“, grüßte er grinsend, obwohl er sich eher zornig fühlte.

„Du wolltest Berichte zu den Jades immer persönlich“, gab Hard Rock zu bedenken und wirkte nicht minder begeistert.

Allerdings fehlte der sonst so hochnäsige Tonfall.

Etwas stimmte nicht.

„Und was hast du zu berichten?“, fragte der Struwwelpeter lächelnd.

Diesmal wank Hard Rock die Vixen näher. Er ließ sie das Baby in ihren Armen präsentieren. Ein schiefes, unförmiges Ding. Es war winzig. Wirkte zittrig. So verletzlich …

Für einen Moment erinnerte sich Niklas an Danbi. An Danbi und ihren Abschiedsbrief. An das Kind, das sie damals unter dem Herzen getragen hatte. Das nun in einem Waisenhaus mehrere Meilen entfernt lebte – unwissend, wer seine Eltern waren. Unwissend aber sicher vor dem Chaos dieser Stadt.

Ob sein Sohn damals genauso klein gewesen war?

Der Struwwelpeter musste die Gedanken zwanghaft verdrängen, ehe er sich wieder Hard Rock zuwenden konnte.

Danbi war tot. Ihr Sohn hatte nichts mit seinem Leben zu tun. Dieses Leben musste er sich weder aufbürden noch genießen. Nicht, seitdem Gemma ihre kleine Familie zerrissen und das Leid in dieser Stadt dirigiert hatte!

„Ich höre“, erklärte er mit erhobener Augenbraue.

„Nachdem Lucifer entkam und Poppy mir von der toten Richterin erzählte, bin ich zu ihrem Apartment, um Angeline und die Bälger abzuholen“, die knurrende Stimme schien sich anzuspannen, als er auf das Baby wies, „Das Mädel war aber nicht ganz richtig im Kopf. Ich … Ich habe sie zurechtweisen wollen – ich habe wirklich nicht doll zugeschlagen – jedoch hat sie sich danach nicht mehr bewegt. Also musste ich übereilt mit nur einem der Plärrgeister fliehen, ehe man mich bemerkt … Aber hey! Dadurch haben Sie nun endlich eine Jade in ihren Händen. Sie-“

Niklas hatte genug. Stumm hob er die Hand, damit der riesige Kerl endlich die Klappe hielt. Dann wank er die Frau näher.

„Das ist Angelines Kind?“, fragte er nochmal.

„Ihre Tochter! Ich würde nicht lügen – nicht bei so etwas. Sie-“

„Und Angeline ist tot?“

„…ja?“

Niklas spürte Wut in sich auflodern. Er wusste nicht warum. Er empfand nicht so, weil das Mädchen seine Nichte gewesen war. Nein. Diese Familienbande waren für ihn nur Worte. Worte, mit denen er sie manipulieren konnte. Aber-

Es würde erklären, warum Matt so unvernünftig gehandelt hatte. Genauso wie Niklas selbst, als man ihn Danbi und ihr ungeborenes Kind nahm. Als man auf seiner Zukunft rumgetrampelt war-

Nur gab es hier kein friedliches Waisenhaus, oder?

Stumm nahm er der Vixen das Baby ab. Er hatte nicht viel für solche Mini-menschen übrig. Nicht umsonst befahl er Geiselnahmen und Entführungen meist bei Kindern. Sie waren nur Krücken. Krücken, die das Leben erschwerten, bis sie irgendwann mal auf eigenen Beinen stehen konnten.

„Niklas- Ich- Wenn es wegen Ange-“

„Ich wollte Angeline verwenden, weil sie vielversprechend war. Vielversprechender als Radix zu ihrer Zeit. Und du hast mir mein Spielzeug kaputt gemacht. Du weißt, was ich davon halte, oder?“, fragte der Struwwelpeter und setzte ein schiefes Lächeln auf.

Schluckend trat der Riese einen Schritt zurück.

„Wenn sie wirklich so vielversprechend gewesen wäre-“

„Nicht in Form von Muskeln. Vielversprechend in einem subtileren Maß. Also wirklich“, er schnalzte mit der Zunge, ehe sich eine neue Idee in ihm festigte, „Bete lieber, dass dieses Kind in ihre Fußstapfen treten kann. Denn ansonsten werde ich dafür sorgen, dass du einen angemessenen Preis für deine letzten Fehltritte bezahlst.“

Hard Rock nickte stumm, ehe er und die Vixen gingen. Hinter ihnen fiel die Tür schwerfällig ins Schloss. So schwerfällig, dass das Baby von dem Geräusch zusammenzuckte.

„Auch so geräuschaffin wie deine Mutter?“, fragte Niklas leise.

Am liebsten wollte er das Kind von sich werfen. Es auf den Boden knallen und das Weite suchen! Aber je öfter er es anblickte, desto mehr musste er an Danbi denken. An seinen Sohn, den sie Jae nennen wollte. An die vertauschten Briefe. An seine eigene Mutter, die damals alles für den Struwwelpeter getan hätte. An diese bedingungslose Liebe …

War er nun dran, alles für ein Kind zu geben?

Seufzend rief er die einzige Person an, die er wohl je als Freund bezeichnen konnte. Er musste das Baby abholen lassen. Gewiss hatte es noch keinen richtigen Doktor gesehen. So klein, wie es war und nach Kims Erzählungen über die Paranoia seiner Nichte … ja. Es wäre das beste, wenn das kleine Ding erstmal in ein Krankenhaus käme. Genau! Und Mr. Tie sollte schnellstmöglich jemanden finden, der auf das Kind aufpassen könne. Keine Stiefmutter oder so. Nein. Sie war ja eine Jade. Sie war-

Niklas stockte.

Das Kind war die Tochter seiner Nichte. Es war Radius‘ Enkelkind. Es war eine Jade. Aber sie fühlte sich nicht wie die restlichen Teufel ihrer Familie an. Wenn er sie in seinen Armen hielt, erinnerte sie ihn an Danbi. An seine Mutter.

Yelena …

„Was ist?“, rissen ihn Mr. Ties Worte aus den Gedanken.

„Sonderauftrag. Ich möchte, dass du dir eine Pflegemutter findest, bei mir ein Baby abholst, es ins Krankenhaus bringst und durchchecken lässt. Nimm dir jede Unterstützung, die du für nötig erachtest. Und suche mir eine Erzieherin oder Lehrerin für die Kleine. Sobald du die perfekte Person hast, kann ich mich darum kümmern, dass sie keine andere Wahl hat, als ein gutes Jobangebot anzunehmen. Höchste Priorität“, befahl er.

„Nik …“, zum ersten Mal seit langem klang der andere Mann unschlüssig, „Hat sich etwas geändert? Du kannst doch nicht-“

„Sie ist nicht meine Tochter. Sie-“, der Struwwelpeter starrte auf das Baby, „Ihr Name wird Yela sein. Und wenn sie sich als brauchbar beweist, werde ich sie als meine Erbin deklarieren. Sie … Sie ist Angelines Tochter.“

Der andere seufzte still. Es klang erschöpft und erleichtert zugleich. Genauso wie damals, als er sich dagegen entschieden hatte, Dr. Devisons Sohn für die Taten seines Vaters hinrichten zu lassen.

„Ich verstehe“, Mr. Ties Stimme wurde leiser, „Ich bin in zehn Minuten da.“

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