
„Wenn du ein neues Leben beginnen möchtest, so folge mir. Weder ich noch meine Familie werden sich von dir abwenden“, erklärte Mira dem winzigen Kind vor sich.
Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt. Ihre Lumpen erinnerten sie an ihre eigenen. An damals. Als sie in den Wald gejagt wurde. Fort, von den scheußlichen Menschen. Zu der einzigen Mutter, die sie bedingungslos annahm.
„Du bist eine … Hexe?“, flüsterte die Kleine.
„Miracula“, korrigierte sie sanft, „Möchtest du auch eine werden?“
Das Kind stolperte einen Schritt zurück. Sie schaute über ihre Schulter. Schien inne zu halten.
Nickte.
Erst dann ließ sich das Kind tiefer in den Wald führen. Sie war nicht die erste. Die zwölfte, um genau zu sein. Die zwölfte und letzte, die Mira nach den Regeln ihrer Mutter aufnehmen konnte. Mehr könne Nyx im Notfall nicht beschützen.
Das hatte ihre Mutter prophezeit.
Als sie an dem ersten Obstbaum vorbeikamen, wank Mira nach oben. Sie wandte sich direkt an die prallen Äste. An die dicken Früchte, die dort hingen. Und artig ließen sich zwei in ihre wartenden Hände fallen.
„Hier. Du musst ja schon ganz ausgehungert sein, oder?“, bemerkte sie, während sie das Essen weitergab.
Das Mädchen streckte die Hand aus. Hielt inne. Streckte sie erneut aus. Zitterte.
Mira kannte das Verhalten von den früheren. Von jenen, denen man erzählt hatte, dass die Hexen in den Wäldern Kinder mästeten, um sie zu verspeisen. Es waren so alberne Gerüchte, die in den umliegenden Dörfern kursierten. Über die meisten davon konnte sie herzlich lachen. Sie waren einfach zu albern!
Jedoch nicht jene, in denen ihre Mutter beschimpft wurde.
„Das sind nur normale Birnen. Schau“, sie biss in beide hinein, um es zu beweisen. Eilig kaute sie die kleinen Bissen herunter, ehe sie die Früchte erneut anbot. Sie wollte dem Kind ja nichts wegessen.
Ihr Vorhaben ging auf. Sobald sie ihren leeren Mund präsentierte, stürzte sich das Mädchen auf das Obst. Gierig verschlang sie den Rest. Mira konnte gar nicht so schnell gucken, da waren die kleinen Hände wieder leer.
„Du … du bist nett“, murmelte das Kind.
„Nicht so, wie du dir vorgestellt hattest?“, lächelte Mira, während das Mädchen den Kopf einzog, „Keine Sorge. Wir alle wurden einst verstoßen. Mutter hat uns danach aufgenommen und gesegnet. So haben wir unsere Kräfte freigesetzt und unsere Träume erfüllt. Nichts weiter. Keine Menschenopfer. Kein Mitternachtssnack. Keine giftigen Katzen. Obwohl … Cula liebt es, wenn sie den gewöhnlichen Tieren mehr Verstand schenken kann. Sie könnte Katzen beibringen, Gift zu verwenden. Also, wenn sie irgendwann mal Sand von Mehl unterscheiden kann!“
Endlich lachte das Kind auf. Sie schien sich unter den Worten zu entspannen. Genauso, wie die anderen ausgestoßenen Mädchen, die Nyx über die Jahre aufgenommen hatte. Mittlerweile glaubte Mira, dass diese Entspannung von ihrer Magie ausgelöst wurde. Dass sie ein ihrer Kraft war. Immerhin war ihre Macht mit dem Wald verbunden. Sie konnte mit ihm sprechen. Ihn lenken. Hören, sobald ein Kind ausgesetzt wurde.
Ob dieses Kind dann auch dem Wald gehörte? Konnte sie es daher so leicht beruhigen? So-
„Besuch? Oder zukünftige Familie?“, krächzte es aus dem Baum und sofort sprang das Kind hinter Mira.
„Aura! Du hast ihr Angst gemacht!“, rief Mira sofort nach oben.
„Dann sollte sie mehr nach oben sehen“, murrte der schwarze Vogel.
„Aura?“, sie verschränkte die Arme vor der Brust, „Ist das eine Entschuldigung?“
Brummend stieß sich der Vogel ab und segelte nach unten. Obwohl er nicht so groß wie ihre Mutter war, so war er genauso groß wie Mira. Bald würde Aura sie gewiss überthronen – genauso wie ihre restlichen fedrigen Geschwister. Denn Nyx hatte ihr Wort gehalten: Sie hatte sie alle gemeinsam aufgezogen. Ihre Küken ebenso herzlich wie die Mädchen, die aus den umliegenden Dörfern ausgestoßen wurden. Sie alle waren eine Familie. Eine Familie, die sich nach den Regeln des Waldes Birch nannte.
„Verzeihung, winziger Nacktaffe“, Aura schaute langsam an Mira vorbei, „Ich wollte nur sehen, wie der neuste Winzling aussieht.“
„Also wirklich!“, Mira lachte, „Lass dich nicht von ihr ärgern, ja? Komm. Wir gehen zu Mutter und stellen dich ihr vor. Ach ja. Du darfst dir selber aussuchen, wie du bei uns heißen möchtest – dein jetziger Name muss also nicht der deinige bleiben. Du darfst gerne einen Neubeginn versuchen. Aber sobald du ihr einen Namen nennst, bleibt dieser bestehen, ja? Das ist wichtig.“
„Ich-“, das Kind krallte sich an Miras Umhang fest, „Ich-“
„Du brauchst keine Angst zu haben“, sie strich über die Stirn des Mädchens, dabei spürte sie eine Unebenheit. Sachte lenkte sie ihre Hand zur Seite um die Haare fort zu schieben.
Man hatte dem Kind ein Brandzeichen auf die Stirn gepresst!
Verfluchte Menschen! Durch welche Hölle das Kind wohl gereist war? Hatten diese Nacktaffen denn keine Seelen?!
„Niemand wird dich hier je wieder verletzen, ja? Niemand“, flüsterte Mira.
Sanft drückte Aura den Kopf gegen ihre Schulter. Auch sie hatte das Zeichen gesehen. Und so klang ihre Stimme beinahe gebrochen, als diese erhob: „Darf ich?“
Mira strich über ihre schwarzen Federn. Sie hob langsam den Blick. Starrte in die schwarzen Augen, die einer endlosen Tiefe glichen. Die nur Sanftmut kannten.
Aura war die warmherzigste Seele, die Mira kannte.
Sie nickte und überließ es der gefiederten Heilerin, sich dem fremden Kind zu offenbaren.
