
Tristen Steffen gab sich zwar aufmerksam und interessiert – dennoch nervten ihn die Erklärungen seiner Lehrerin. Klar. Er wusste, dass er alles über die Generäle wissen musste. Es war seine Pflicht. Wie sonst sollte er sie hinterfragen können, wenn seine Mutter oder Schwester verhindert waren?
Aber genau das war der Punkt: Wenn die weiblichen Floras verhindert waren. Die Generäle würden ihn ignorieren können, sobald auch nur seine Schwester zugegen war. Ihr Wort war wichtiger als das seinige. Sie war diejenige, der er den Rücken freihalten musste. Er würde neben ihr stets verblassen.
Wieso sollte er also jedes Detail der Generäle im Schlaf aufzählen können?
Wenigstens scheint Vali mit dem Unterricht für heute durch zu sein, murmelte Steffen gähnend.
Schleichst du dich schon wieder in ihre Gedanken? Das mag sie doch nicht!, belehrte er seine andere Seele.
Ich habe nur mal rüber geschaut. Hast du nicht mitbekommen, was Vater nun schon wieder wollte? Dass-
Lass es! Mutter kümmert sich darum!
Tristen blockte seine andere Seele hastig ab. Wie sonst sollte er die Gedanken fortjagen? Er hatte selbst gehört, wie ihr eigener Vater die sechsjährige Vali seinem Neffen versprechen wollte. Ein politisches Arrangement, weil sie aus Gallahain fortgezogen waren. Damit Vali notfalls in sicheren Händen wären.
Mutter kochte noch immer deswegen. Und so, wie sie zuvor reagiert hatte, schien sie den Streit von ihren Kindern fernhalten zu wollen.
Von Tristen und Steffen ebenso wie von Valerie und Maggie …
„Ich hoffe, das war verständlich, Radix“, unterbrach seine Lehrerin schroff.
„Natürlich“, behauptete er, obwohl er nicht zugehört hatte, „Besten Dank.“
„Nun, dann könnt Ihr mir sicher erklären, warum Generalin VaVi ihrerzeit als Spielgefährtin Eurer werten Mutter auserwählt wurde.“
Die Frau sah nicht auf, während sie sprach. Sie wirkte auch nicht fordernd. Das taten seine Lehrkräfte nie. Nur eine Flora durfte eine Auskunft von ihm verlangen. Eine Flora oder sein Vater. Er konnte sich also einfach müde oder genervt geben, um diesem Alptraum zu entkommen und-
Steffen zog so erschrocken Luft ein, dass ihr ganzer Körper bebte. Seine Seelen zitterten. Die Duria glühte. Etwas-
VALI!
„Ein anderes Mal“, presste er hervor und sprang auf.
Manieren. Ruhe. Sie brauchten Ruhe! Für Vali … Für Vali mussten sie sich stets zusammenreißen. Wenn die falschen Leute bemerkten, dass seine Duria verrücktspielte, würde man es gegen sie verwenden. Man würde-
„Radix, wir sind noch nicht durch. Wir müssen-“
Tristen verließ eilig den Raum. Er blendete seine Lehrerin aus. Sie war eh erst seit einer Woche für ihn verantwortlich. Die letzten drei hatte sein Vater entlassen. Diese hier würde auch nicht lange bleiben. Deswegen merkte er sich ja nicht mal ihren Namen!
Hör auf, uns aufzuhalten! Vali braucht Hilfe!, unterbrach Steffen ihn.
Was ist passiert? Wo ist sie?!
Aus Gewohnheit steuerte er die Zimmertür seiner Schwester an. Sein anderes Ich schien eh zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig zu sein. Er atmete zu zittrig. Zu stockend. Als konnte er die Luft um sie herum nicht ganz wahrhaben und-
Zweimal musste sich Tristen gegen die Tür stemmen, ehe diese nachgab. Seine Magie hatte sie sprießen lassen. Äste und Wurzeln ragten aus dem Holz. Wirre Gestrüppe, die ihn nur aufhielten. Die doch keine Vali versteckten. Die-
Sie- Zu schnell- keine Luft!, bekam Steffen endlich hervor.
Ein Beben erfasste ihn. Eilig drehte er sich um. Zur Schlafzimmertür seiner Eltern. Er musste zu seiner Mutter. Zur Floris. Sie würde es verstehen.
Es war ein Notfall!
Diesmal warf er sich gleich gegen die Tür, damit seine Affinität gar nicht erst auf das Holz reagieren konnte. Er blendete die wütenden Worte seines Vaters aus. Blickte nur auf seine Mutter. Umklammerte seine Duria.
„Wenn du SteMa oder deine Schwester herholst, werfe ich sie persönlich raus“, erklärte die Floris noch harsch, ehe sich ihre Züge entspannten und sie sich an Tristen wandte, „Solltest du nicht-“
„Vali. Kann nicht atmen. Sie nicht drüben. Nicht-“, Tristen versuchte, die Sätze knapp zu halten, ehe Steffen die Gedanken durcheinander wirbeln konnte. Erst nun spürte er, dass jemand hinter ihm stand – seine Lehrerin war da. JuNi, der Auxilius seiner Mutter, kniete sich neben ihn. Er legte eine Hand auf Tristens Schulter. Drückte bestimmt zu. Nicht schmerzhaft. Aber dennoch fordernd.
„Mach die Augen zu – was siehst du?“, fragte er viel zu ruhig.
„Sie- Ich weiß nicht! Sie-“, Steffens Gedanken waren zu wild. Sein Körper verschob sich. War er noch der Dominante? Oder hatte seine andere Seele die Kontrolle übernommen? Was war geschehen? Aus ihrer Duria drang so eine Panik, dass sie ihn überrollte, dass sie-
„Wir können die Calyx nur finden, wenn du uns sagst, wo wir suchen müssen, Tristen“, holte ihn der Auxilius zurück.
Blinzelnd schüttelte er den Kopf. Sein Vater polterte vorbei. Er hörte ihn in Valis Zimmer Möbel auf den Kopf stellen. Schimpfen. Seine Mutter weinte. Aber sie stand vor ihm. Still. Wartend. Geduldig.
„Wasser. Da ist überall Wasser“, drangen die Worte aus seinem Mund.
Tristen wusste nicht, wo sie herkamen. Aber er wusste, dass sie stimmten. Dass sie stimmen mussten!
Vali …
„Der Shanai. Sie wollte doch den Shanai sehen“, flüsterte JuNi, als er aufstand. Er forderte TriSte’s Lehrerin auf, General LeVi den Fluss absuchen zu lassen. Blieb jedoch selbst bei ihnen. Bei den Floras, die doch keinen weiteren Schutz bedurften!
„Julian. Bitte. Ich weiß, was ihr geschworen habt, aber …“, die Floris sprach viel zu leise, viel zu zögerlich, „Es ist die Calyx – Sie ist meine Tochter. Könnt ihr … Bringst du mir mein Mädchen … meine Knospe … zurück?“
Was faselt sie rum? Warum macht keiner was? Vali – Vali braucht Hilfe! Sie- Ich spüre sie kaum noch! Ich-, Steffen schluchzte. Er zitterte. Es war, als würde die Duria ihn einnehmen. Als würde sie ihren Verstand fordern. Ihr Herz-
Schaudernd spannte Tristen die Finger an. Er rieb sie aneinander. Kleine Bewegungen, mit denen er sich auf seine Kräfte besann. Auf die Hitze, die jedem Feuer entsprang. Er lenkte seine Magien um, um einen kühlen Kopf zu behalten. Um-
Sie mussten zu ihrer Schwester! Sah das denn keiner? Sie. Mussten!
Noch ehe er den Mund öffnen konnte, ergriff der Auxilius das Wort.
„Auf deine Verantwortung hin, Marissa“, verkündete er.
Jeder andere wäre für die Worte verurteilt worden. Ein bloßer Leibwächter, der die Folgen seiner Taten auf die Floris abschob? Aber JuNi war anders. JuNi war der Floris treu. Er hatte stets ihren Rücken gestützt. Er war das Echo ihrer Worte. Solange er da war, brauchte sich Tristen nie sorgen, dass die Streitigkeiten seiner Eltern außer Kontrolle gerieten.
Und sie? Sie hatte ihm dafür gewährt, sie mit ihrem Namen anzusprechen.
Einen Moment schaute Tristen dem Auxilius nach. Er wollte diesem am liebsten folgen! Aber er durfte den untersten Gang des Stützpunkts nicht ohne Erlaubnis verlassen. Obwohl er wollte. Er musste!
Der Shanai …
„Mutter. Bitte, ich-“, die Worte blieben ihm im Hals stecken und so deutete er nur auf seine Duria. Auf das Leuchten, das er zuvor verborgen hatte. Das Leuchten, das immer kläglicher schimmerte.
Was auch mit seiner Schwester geschehen war – mit der Duria hätten sie weitaus größere Chancen, Vali zu helfen. Er musste hinterher!
„Tristen, wenn Vali irgendetwas passiert, darfst du dich nicht leichtsinnig-“
„Mutter, bitte! Es ist Vali!“, widersprach er zitternd.
Wie konnte sie weinen und dennoch so stur dort stehen bleiben?!
„Ich weiß“, hauchte sie leise und nickte endlich.
Panisch rannte er auf den Gang hinaus. Er legte die Hand auf die Erde. Auf die erste freie Fläche, die er manipulieren könnte. Er musste höher. Sich nach oben begeben. Der Fluss war oben. Oben!
Nur wollte sich die Erde nicht rühren. Er war zu aufgebracht. Zu-
„Lenke mich“, sprach seine Mutter plötzlich.
Ihre Hand lag auf seiner. Ihre Augen waren geschlossen. Ihre Brauen angespannt. Weil sie gegen das Protokoll verstieß? Einer von ihnen sollte doch immer in der Sicherheit verweilen! Im Schutze eines Stützpunktes oder bei einem Auxilius!
Stumm deutete er mit den Fingern den Weg an. Sie würde es spüren. Sie wusste immer, was sie tat. Sie war die Floris. Seine Mutter. Sie beruhigte ihn. Sie würde nur das Beste für Vali im Sinn haben. Für seine Schwester …
Die Erde verschob sich so fließend, dass er die Bewegungen des Elementes kaum fühlte. Aber er spürte, wie seine Duria ihn hochzog. Wie sie ihn immer weiter zur Oberfläche lenkte. Seine Schwester bewegte sich nun nicht mehr. Sie wurde nicht mehr umhergewirbelt. Da. Sie war da oben!
Als der Wind ihn liebkoste, schloss er für einen Moment die Augen. Dennoch konnte er Vali sehen. Seine Duria zeigte ihm den Weg. Nur ein paar Schritte weiter. Schräg vor ihm. Nur-
Seine Mutter riss die Hand von seiner und sog erschrocken Luft ein. Kurz blickte er sich nach ihr um. Nach ihren Tränen. Nach ihrer bleichen Gestalt.
Dann blickte er wieder nach vorn. Auf dieses ausgebrannte Loch im Boden. Dahinter stand der Wassergeneral LeVi, über Valis starren Körper gebeugt. Valis Spielkameradin zitternd daneben. JuNi mit dem Rücken zu ihnen. Mit seinem Phönix, welcher sich an den Hals des Auxilius schmierte und lurz darauf in den Himmel verschwand.
