Fujis Sonne

Als die Sonne endlich wieder aufging, hatte sie ihn natürlich erneut vergessen.

Die kleine Wolke war überrascht, wie sehr es sie verletzte. Dabei hatte er es doch gewusst. Er hatte gewusst, dass die Sonne als kindlicher Feuerball geboren werden würde. Er hatte gewusst, dass sie ein frisches Leben beginnen würde. Er hatte gewusst, dass auch dieses ein kurzlebiges Leben sein würde.

Trotzdem tat es so weh.

Die Sterne hatten das Dasein der Sonne als Fluch betitelt. Aber konnte ein Fluch so grausame Auswirkungen haben? So wie die Dinge lagen, war die Sonne jeden Tag nur ein Schatten ihres gestrigen Selbst. Sie war nie komplett. Nie erinnerte sie sich. Nie konnte sie Freundschaften schließen. Und nie konnte sie aus ihrer Vergangenheit lernen.

Sprach deswegen niemand ihr?

„Ui! Wie niedlich! Ihr seid alle so klein! So klein! So klein! Und ich bin so groß! Jawohl! Ich bin so groß, so groß, so GROSS!“, sang sie gerade und tanzte dabei über den Himmel.

„Aber ist es nicht einsam, die einzige Große zu sein?“, versuchte Fuji sie in ein Gespräch zu verwickeln.

„Hm?“, ihre Augen wandten sich ihm zu, „Ich weiß nicht. Irgendwie glaube ich nicht, dass ich einsam bin. Wie ist man denn einsam? Was ist das?“

Die kleine Wolke hatte beinahe vergessen, wie naiv die Sonne jeden Morgen war. Für einen Augenblick überlegte er, ob er das Gespräch fortsetzen wollte. Es schmerzte so sehr, sie vor sich zu wissen – der Himmelskörper, der ihm gestern so sehr vertraut hatte und der nun nichts mit Fuji anzufangen wusste.

Aber er konnte es nicht korrigieren, wenn er nicht mit ihr sprach …

„Einsam ist man, wenn keiner da ist“, begann er zaghaft, „Wenn man einsam ist, dann ist man allein. Dann … Man fühlt sich halt verloren. Man wünscht sich andere herbei, die das Loch in einem füllen. Ein Loch, das man dort zuvor nicht bemerkt hatte.“

Das Loch, das einst die Sterne in ihm gefüllt hatten.

Fuji wies den Gedanken streng fort. Er hatte hier nichts zu suchen. Die Sterne hatten hier nichts zu suchen. Diese Erinnerung hatte hier nichts zu suchen!

Er wollte seinen Namensgeber und dessen Freunde nie wiedersehen.

„Hm … Ich weiß nicht. Irgendwie … Wie kann ich mich einsam fühlen, wenn du und all die anderen kleinen Wesen da sind?“, sie näherte sich weiter ihrem Zenit.

„Das mag zwar sein, aber wie viele von uns interagieren mit dir?“, gab Fuji zu bedenken, „Nur weil wir da sind, bedeutet das ja nicht, dass du nicht einsam bist. Einsamkeit ist viel komplexer und kann sich über Tage erstrecken. Über gestern, vorgestern, letzte Woche-“

„Tage?“

Die kleine Wolke wusste es nicht zu beschreiben, aber etwas in ihrer Stimme verlangte nach seiner Aufmerksamkeit. Ein Satz schoss ihm durch den Kopf. Ein Satz, mit dem er zuletzt das Gespräch mit ihr begonnen hatte.

„Erinnerst … Erinnerst du dich ei-eigentlich an gestern?“

Die Frage kam stockend heraus. Sie wirkte beinahe schüchtern. Unbeholfen. Verängstigt.

Und dennoch so richtig.

„Gestern …“

„Ja, gestern. Ich meine … Es … Ach, vergiss es! Es war ein doofer Gedank-“

„Kennen wir uns, kleine Wolke?“

Fuji hielt den Atem an. Er hatte sich bereits abwenden wollen. Er hatte fort fliegen wollen. Er hatte sich unter größeren Wolken verstecken wollen. Er hatte verschwinden wollen! Einfach nur, weil er nicht mit ihrer Vergesslichkeit umzugehen wusste.

Aber nun?

„Wir hatten mal etwas Zeit miteinander verbracht. Gestern. Und … vor längerem“, entgegnete er vorsichtig.

Er hatte Angst, zu hoffen. Er hatte Angst, sich zu öffnen. Er hatte Angst, enttäuscht zu werden.

Und dennoch musste er es versuchen, oder nicht?

„Gestern … Aber vor heute war doch nichts? Oder doch? Was sollte schon vor heute sein?“

Fuji fühlte sich in einem Déjà-vu gefangen. Jedoch schien es nicht nur ihm so zu gehen. Der große Himmelskörper drehte sich nachdenklich um die eigene Achse und blickte über den weiten Himmel. Leise vernahm die Wolke verschiedene Worte, die die Sonne vor sich hin flüsterte.

Dann schüttelte sie sich.

„Das kann nicht sein. Wie soll es vor heute etwas gegeben haben? Das ist doch albern!“

Er nickte.

Er nickte und fasste einen Plan.

„Wenn du dir selbst einen Namen geben könntest, wie würdest du heißen?“, fragte er die Sonne mit aufrichtigem Interesse.

Sie blinzelte überrascht. Dann zog sie die Stirn zu Falten und dachte angestrengt nach.

„Ich … Ich würde mich wohl Sabine nennen. Ja. Sabine klingt richtig. Warum fragst du?“, große Augen blickten in die seinen. Große Augen, die bereits mit dünnen Falten geziert wurden.

„Nicht weiter wichtig. Genieße den Tag und lass dich nicht ärgern!“

Damit verabschiedete Fuji sich.

Er wusste nun, was er zu tun hatte. Er wusste nun, wie er der Sonne helfen würde. Er wusste nun, wie er Sabine ihre Erinnerungen entlocken könnte.

Immerhin hatte auch sie das Déjà-vu gequält.

2 Gedanken zu “Fujis Sonne

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