Minki und die Salzheringe

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Manch einer hat sie sicherlich daheim zubereitet: Salzheringe. Fische zu denen Pellkartoffeln, Quark und ein bisschen Salat wirklich köstlich schmecken! Die Zubereitung ist heutzutage auch nicht mehr so schwierig. So gibt es nun die schuppigen Tiere häufig im Tiefkühlfach eines jeden Discounters oder manchmal gar vorgefertigt.

Dies war nicht immer so.

Vor allem nicht, wenn man die Salzheringe als eine Delikatesse zubereiten möchte. Dann muss man natürlich die Besten bekommen. Der starke Salzgeschmack muss den Fischen ausgetrieben werden. Das Mahl wird sorgfältig vorbereitet. Jeder Schritt dreimal überdacht.

Denn Minkis Retter hatte sich alles genaustens überlegt. Er war der Koch der Familie und lebte mit seiner Frau und Tochter in einer großen, weiten Wohnung. Schon viel zu oft hatte er die Salzheringe zubereitet, sodass er seine Methode bereits perfektioniert hatte:

Spüle putzen. Stöpsel rein. Wasser rein. Fische rein. Ziehen lassen.

Zwei-, dreimal müsste er das kalte Nass wechseln, um die Salzheringe wahrhaftig perfekt vorzubereiten. Sie durften nicht zu viel von dem salzigen Geschmack in sich tragen, wenn sie im Anschluss gewürzt werden sollten.

Nur sollte es nie dazu kommen.

Gerade noch fiel dem Mann auf, dass ja die Milch abgelaufen war und dass er besser neue holen sollte, da bahnte sich das Unheil bereits auf weißen Pfoten heran.

Leise, obwohl keiner mehr zu Hause war, schlich sich Minki zur Küchentür. Er hatte beobachtet, wie die Menschen die Türklinke betätigt hatten. Hatte sich die Bewegungen abgeguckt. Sie sich für den Notfall eingeprägt.

Für diesen Notfall.

Mit einem Satz öffnete er das Fressenzimmer. Hungrig sog er die verschiedenen Gerüche auf. Düfte, die nie ganz verflogen. Sie erzählten ihm vom Abendessen. Säuselten durch seine Nüstern. Ließen ihn die Salami ausmachen. Den Kühlschrank.

Die Spüle.

Was als nächstes geschah, war so klar wie Kloßbrühe. Diese Fische dufteten einfach zu köstlich. Sie rochen wie der Himmel auf Erden. Vorzüglich! Ein Geschenk des Allmächtigen. Sie wären ein Segen auf seiner Zunge, wenngleich sie diese noch nicht einmal berührten! Eine Geschmacksexplosion, die seine Nüstern hungrig versprachen. Ein Traum. Ein Schatz. Ein Wunder. Etwas Einmaliges!

Und sie waren eine Warnung an die Zweibeiner, sodass diese ihr Essen fortan hoffentlich teilen würden.

Elegant sprang Minki auf die Küchenanrichte und stolzierte zur Spüle. Ausgehungert schnupperte er noch einige Male nach den Gerüchen in der Luft. Doch dann stutzte er.

Was sollte er machen, wenn die Zweibeiner zurückkamen, während er noch am Fressen war? Sie würden ihn sicherlich nur stören. Sie würden ihm seine wohl verdiente Beute nehmen.

Das konnte er nicht zulassen!

Neue Entschlossenheit machte sich in ihm bemerkbar, als er seinen Plan in klare Gedanken fasste. Immerhin hatte Minki einen Rückzugsort. Eine kleine, runde Nische am anderen Ende der Wohnung. Dort war er bislang noch nie gestört worden. Die komischen Zweibeiner ließen ihn da in Ruhe.

Dort musste er seine Beute hinschleppen!

Entschlossen packte Minki einen der Fische mit seinen Fängen und zerrte ihn aus dem nassen Monster, das die Spüle beherbergte. Ein ordentlicher Ruck und das tote Tier lag auf dem Küchenboden. Ein paar Sätze und sein Mittag verließ das Fressenzimmer.

Er schleppte es durch die Stube. Durch diesen kleinen Raum daneben. In den Raum mit seine Zaubernische. Freute sich! Auf dass er seine Beute gleich genießen könne und dann-

Minki ließ vom Salzhering ab und leckte sich die Lippen. Erschrocken entglitt ihm das geschuppte Tier. Er trat von dem Fisch zurück. Versuchte seine Zunge auszuspucken. Diesen widerlichen Geschmack zu verbannen!

Was sollte das? Wieso schmeckte der Fisch plötzlich so unpässlich? Schlimmer noch als alles, was er je auf der Straße fressen musste! Und dabei war er doch schon fast in seinem Versteck…

Angewidert ging der Raubkater zurück in das Fressenzimmer. Er verstand es nicht. Konnte nur diesen wundervollen Duft in seine Nüstern saugen. Ein Duft, der ihn den nächsten Fisch aus der Spüle zerren ließ. Und den nächsten. Und die letzten beiden…

Als Minkis Retter endlich wieder nach Hause kam, fand der Zweibeiner das geplante Abendmahl über vier Zimmer verteilt auf dem Boden wieder.

Daneben ein sich beschwerender Kater.

Wie konnte dieser auch so herzlos mit den Gefühlen des unschuldigen kleinen Minkis spielen?

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