Timothy – Die Farben des Verrats

Erst als wir am Abend in ihrem Zimmer beisammen saßen, schwebte ich erneut in Julie hinein, um so meine neusten Erinnerungen mit ihr zu teilen. Die Briefe, die Alexander diesmal bekommen hatte. Jene, die er nachmittags geschrieben hatte, während Julie mit Maria Tee trank. Die Dienstbotengänge, die von Tag zu Tag leerer erschienen.

Marias Vater entließ wahrscheinlich bereits die ersten Angestellten, damit der spätere Austausch der Bediensteten leichter von statten gehen würde. Damit keiner mehr Elisabeth erkannte. Damit seine Tochter die neue Lady des Hauses werden könnte …

Kranker Mistkerl.

Noch während ich mit meinen Gedanken abschweifte und mich darauf besann, Julies Körper atmen zu lassen, klopfte es leise an der Tür.

Ich schrak auf. Wollte aus ihrem Körper hinaus. Riss ihn stattdessen hoch. Wusste plötzlich nicht mehr, wo der Ausgang war. Wie ich aus Julie hinauskäme! Ich stieß mich am Tisch. Sog Luft ein. Stieß sie aus-

Der entflohene Windhauch war so gewaltig, dass er mehrere Blätter sowie die Schreibfeder vom Tisch fegte. Erschrocken sprang ich zurück und schaffte es diesmal aus ihrem Körper hinaus.

Ich erschauderte. Was hatte mich festgehalten? Die Panik? Oder steckte ich zu lange in ihr? Oder-

„Timothy?“, schwankend sah sie sich um und rieb sich das Knie, „Timothy?“

Das Klopfen übertönte ihr Flüstern.

Sofort breitete sich Erkenntnis in Julies Blick aus. Sie schüttelte sich. Rieb ihre Arme. Wandte sich dann erst der Tür zu.

„Moment!“, erst danach öffnete sie die Pforte langsam.

„Du hättest einfach zustimmen können“, bemerkte Elisabeth, ohne zu grüßen.

„Du hättest Maria die Wahrheit sagen können“, erwiderte Julie schroff.

Für einen Augenblick runzelte die Todgeglaubte die Stirn. Dann nickte sie seufzend. Sie starrte auf das Chaos im Raum. Blickte über ihre Schulter in den leeren Flur.

Und schob sich unaufgefordert in den Raum.

„Ich weiß, dass ich zu viel von dir abverlange. Doch ihr müsst gehen! Du, Maria und auch Sir Stark … Je länger ihr hierbleibt, desto zorniger wird Vater. Und dein Wunsch, Bernhard erst kennenzulernen zögert alles nur unnötig in die Länge. Es …“

„Jede andere Reaktion hätte verraten, dass ich um deine Abmachungen weiß“, lenkte Julie ein, ehe sie erschöpft die Tür zudrückte, „Elisabeth, du willst, dass ich auf Maria aufpasse. Dann lass mich das auch auf meine Art tun. Immerhin hast du sie mit deinem falschen Tod nicht nur im Stich gelassen. Nein. Du hast sie damit verraten.

Denn es war eine Lüge an dein eigenes Herz.“

„Du weißt genau, dass ich das nicht wollte“, schimpfte Elisabeth zornig.

Etwas in mir verkrampfte sich, als ich ihre Ausflüchte vernahm. Angespannt schwebte ich um beide herum. Dabei fiel mein Blick auf die Kerze, die Elisabeth in ihren blassen Händen trug.

Ein Feuer, das ich mit nur einem Gedanken auflodern und sie verschlingen lassen könnte …

„Und dennoch hast du es getan“, lauschte ich Julies Stimme, „Nun lebe damit.“

Ihre Worte schenkten mir eine eigenwillige Gelassenheit. Eine wartende. Ich fühlte mich, als ob meine kleine Julie eigentlich etwas anderes sagen wollte. Etwas, was Julies Verdammnis einfordern würde.

Und so zog ich mich etwas zurück. Ich beobachtete, Elisabeth sich geschlagen verabschiedete. Wie sie geknickt in den Dienstbotengängen verschwand. Wie Julie jedoch dabei so entschlossen, so wild aussah. Sie trug ein Feuer in sich, das ich über das letzte Jahrzehnt für erloschen hielt.

Seit Timmys Tod.

Stumm sammelte sie die ganzen Papiere ein und ordnete alles neu. Sie verstaute die Feder. Las ihre eigene Kerze auf, um sich damit ans Fenster zu lehnen.

„Bist du da? Timothy?“, fragte sie still.

Als Antwort ließ ich die Kerze kurz aufflackern.

„Sind wir allein?“

Nachdenklich schwebte ich durch die Wände und prüfte auch einmal den Garten, ehe ich zu Julie zurückkehrte und die Kerze erneut flackern ließ.

„Gut. Denn ich will, dass auch Elisabeth bezahlt. Sie soll sehen, wie es sich anfühlt, wenn man seinen Anker verliert.

Selbst wenn dieser Anker Maria ist.“

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