M: Das erste Lächeln

„Guten Morgen“, grüßte er Ling Chen Ma, als er, wie jeden Tag, unten an der Kreuzung mit ihm zusammenstieß.

„Ah. Guten Morgen“, erwiderte der Asiate lächelnd, „Heute wieder früher?“

Niklas zuckte mit den Schultern. Er gab sich gelassen. Nicht so, als hätte er wieder darauf gewartet, dass der andere endlich sein Apartment verließ. Nur, um den Kontakt zu wahren. Nur, um an Informationen zu kommen. Nur, um dabei unauffällig in dem neuen Viertel einzublenden.

„Konnte nicht schlafen. Du?“

Der Mann lachte gutmütig. Dennoch schien er sich umzusehen. Wie jeden Donnerstag. Also musste er auch letzte Nacht etwas gehört haben, über das er nicht frei sprechen konnte …

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Timothy – Der Ausbruch

Das Abendessen verlief ohne Probleme. Auch ließ sich Julie auf einen kurzen Spaziergang ein – wenngleich sich ihre Augenbrauen hoben, als Timmy den halben Haushalt mitnehmen wollte.

„Also wirklich! Du wirkst, als ob wir gleich ausziehen“, lachte sie.

Als er das Lachen nicht erwiderte, wusste ich, dass sie etwas ahnte. Dennoch sprach sie ihn nicht darauf an. Sie schien sich eher etwas schneller zu bewegen. Schneller und ängstlicher.

„Ich muss etwas erledigen“, offenbarte Timmy ihr endlich, als er sie zum Felsvorsprung gebracht hatte. Knapp erklärte er, dass er einem Mädchen helfen müsse. Dass es gefährlich werden könne. Dass es aber wichtig wäre und er bald wieder zurück wäre, um sie abzuholen. Dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er würde immer zu ihr zurückkehren.

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B: Abgeschnitten

Drei Tage musste Liane bei den Brumes bleiben, obwohl nur eine Nacht angedacht war. Es waren drei ungeplante Tage, in denen sie Olivers Eltern besser kennenlernte. Drei warme Tage, die sie dem Unwetter zu verdanken hatte.

Der erste Regen war zum Abendessen vor der ersten Nacht gefallen. Es waren dicke Tropfen gewesen, die fordernd gegen die Fenster klopften. An sich war es nichts Ungewöhnliches. Centy erlebte immer wieder kräftige Regenschauer, die vor dem angrenzenden Gebirge niederprasselten. Gegen Mitternacht setzten jedoch auch heftige Winde und kurz darauf sogar noch Hagel ein.

In den frühen Morgenstunden hatte die Regierung eine Ausgehsperre verhängt.

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K: Heilwasser und Gift

Maggie lauschte den Worten des Lehrers uninteressiert. Es ging um irgendeine Epoche aus dem Mittelalter, die von Düsternis geprägt war. Krankheiten zogen damals durchs Land. Man hielt die meisten Frauen für Hexen. Zauberei war ein Teufelswerk.

Nachdenklich blätterte sie durch das Lehrbuch.

Mach es zu! Ich mag die Horrorbilder nicht!, meldete sich Alice und eilig schloss Maggie das Buch wieder.

Entschuldige, entgegnete sie ihrer anderen Seele, Ich habe nicht nachgedacht.

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Timothy – Die Saat der Hoffnung …

Viel zu lange blickte ich auf Janes Grab herab. Es fühlte sich falsch an, dass dieses Mädchen als Oma die Welt verlassen hatte, während ich noch was-? Ein Kind war?! Denn genauso unbedeutend war ich doch! Ich war nur ein dämliches Kind, das von fast niemandem gesehen wurde!

Warum war ich eigentlich noch hier?

„Ach, Jane“, flüsterte ich in die Nacht. Ich wusste nicht, ob ich mir ein Zeichen erhoffte. Ich musste einfach ihren Namen aussprechen. Vielleicht, damit ich ihn nicht vergessen würde? So wie die Welt mich vergessen hatte?

Dabei wünschte sich ein Teil von mir sehnlichst eine Antwort. Aber der andere betete unentwegt, dass sie nicht umherirren müsse. Sie sollte von dieser Welt Abschied nehmen können. Sie sollte nicht umherirren müssen. Sie … Sie hatte etwas Besseres verdient.

Als die Sonne über den Horizont kroch, glitt ich zurück ins Haus. Still huschte ich durch die Wände und begutachtete zum ersten Mal die oberen Zimmer. Überall konnte ich Spuren einer glücklichen Familie entdecken: Dort hatte jemand in eine Bibel gemalt. Hier waren einige getrocknete Blumen wirr zusammengesteckt worden. Und da hinten zierte ein einzelnes Foto die Wände.

Sie hatten ein Familienbild aufnehmen lassen. Obwohl ich drei der Gesichter nicht kannte, konnte ich sofort alle zuordnen. Ich konnte die Liebe in den Augen von dieser Marianne sehen. Und die Freude in denen von Gretle. Und dieser Jonathan …

Einzig seinen Blick wusste ich nicht zu deuten.

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