Es war wie ein vergangenes Echo. Eine weit entfernte Erinnerung. Genauso wie die Bilder, die sie von den seltsamen Kreaturen angefertigt hatte. Von diesem Teufel. Diesem Kind. Diesen … Freunden?
Lilith, ich brauche di-
Abrupt setzte Liane sich auf. Sie schwitzte. Schemen verschoben sich vor ihrem inneren Auge. Geschöpfe, die so fremdartig und dennoch so vertraut wirkten. Sie fühlte sich wie in einem Science Fiction Film. Nur …
„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.
Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.
„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“
„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.
„Guten Abend, Mrs. Strom. Sie wollten mich sprechen?“, grüßte der Klassenlehrer ihrer Zwillinge und streckte ihr die Hand entgegen.
Er war groß, mit Speckfalten am Bauch und einem lichten Kopf versehen. Bestimmt würde er auch die letzten Haare nicht mehr lange behalten. Ob er deswegen immer diese abscheulichen Wollpullover trug? Sie waren immerhin genauso fusselig wie fünf normale Köpfe.
„Ja“, Jane machte es sich unaufgefordert auf dem Sofa im Lehrerzimmer bequem, „Es geht um Ihr Kurrikulum.“
Mr. Flemming ließ seinen Arm sinken: „Wie bitte?“
„Ihr Kurrikulum. Der Lehrplan. Was Sie mit den Kindern durchnehmen, Himmel hoch drei“, sie legte den besagten Plan auf den Tisch, „Das hier.“
Der Lehrer warf nur einen flüchtigen Blick auf das Deckblatt des riesigen Buches. Gewiss hatte er das dicke Teil im Studium lesen müssen. Es war immerhin der Plan für ganz Suderien. Darin war der Unterricht aller Kinder geregelt: Von Einschulung bis Abschluss. Jedoch war es sehr wirr geschrieben, da es unendlich viele Kreuzverweise gab. Außerdem wurden die einzelnen Themen nirgends erläutert. Es gab nur Kerndefinitionen, Lernziele und Kompetenzen.
Die Umsetzung sollten sich die Lehrkräfte selbst aus dem Hut zaubern.
Ms. Flatfink liebte Geschichte. Seitdem sie zum ersten Mal die Friedenstaube gelesen hatte, ein Schriftstück, das ihr Land mit seinen Ansichten und Weisheiten in eine Demokratie formte, schlug ihr Herz für die Historie. Bereits als Grundschülerin konnte sie sich in den alten Texten verlieren und lernte sogar, die damaligen Handschriften einwandfrei zu lesen. Alles für die vergessenen Wünsche und Ansichten, die ihr Land prägten. Es war wundervoll von all diesen Schicksalen zu erfahren. Wie sie zueinander führten. Wie sie einander berührten. Wie sie sich verwebten. Es war geradezu wie ein Zauber, der ihre Gedanken umwob!
Ein Zauber, den sie an ihre Schüler weitergeben wollte.
Doch ihre derzeitigen Klassen zeigten leider nur wenig Interesse an der Vergangenheit: Zwei Mädchen kicherten in der hintersten Reihe miteinander, während sie sich Nachrichten schrieben. Ein weiteres schaute nur verträumt aus dem Fenster. Der Junge in der Mitte war auf seiner Federtasche eingeschlafen. Ein weiteres Kind spielte geistesabwesend mit einem Bleistift und noch eines hatte sich hinter einem umgedrehten Mathebuch versteckt.
„Es ist anzunehmen, dass Jones Kirk ermordet wurde“, beendete sie gerade die Erklärung zum Untergang ihrer einstigen Diktatur, „Jedoch wurde der Täter nie gefunden. Niemand weiß ob er dem Ruhm o-“
„Er oder sie“, unterbrach eine gelangweilte Stimme.