M: Die Kluft der Chengs

Kim wartete, bis der Arzt ihr das Okay gab. Es war der übliche Humbug. Erst wenn sie sich angemeldet und Niklas ihren Besuch bestätigt hatte, ließen die Leute sie auch durch.

„Sie haben maximal zwei Stunden“, erklärte der Arzt nach seinem kurzen Telefonat, „Und bitte beschädigen Sie nicht wieder das Mobiliar.“

Stumm wandte sich die rothaarige Asiatin ab. Die meisten anderen durften nicht so mit ihr sprechen. Aber die meisten anderen kümmerten sich auch nicht um ihre verstümmelte Mutter.

Zielsicher lief sie die Krankenhausgänge entlang. Sie musste ans andere Ende des Gebäudes. Dort waren die stationären Fälle. Jene, die Niklas nicht gehen lassen würde. Nicht, solange er Kim oder ihren Bruder noch brauchen würde.

Es war ein besseres Gefängnis.

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M: Die fremde Frau

Lucas ging zügig durch die weiten Flure. Bloß nicht rennen. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass er ruhiger lief. Wenn er es nicht tat, wie sollte sich sonst sein jüngerer Bruder etwas Ruhe angewöhnen? Matt platzte ja förmlich vor Energie!

Erst vor der Küchentür hielt Lucas inne. Er lauschte, ob das gewohnte Klackern erklang, ehe er einen Blick hinein riskierte. Nur war der Raum leer.

Nachdenklich schaute er sich um. Eigentlich hätte seine Mutter hier sein müssen. Sie zog sich immer hierhin zurück, wenn sie etwas für die Zeitung schreiben sollte. So konnte sie sich leichter mit einem Keks motivieren.

Heute jedoch nicht.

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M: Im Rotwein

Sophie blickte ungerührt auf den Fernseher. Marie hatte sich den Film ausgesucht. Es war so ein gezeichneter Familienfilm. Irgendein Märchen, in dem sich am Ende alle in die Arme fielen und glücklich bis an ihr Lebensende sein würden. Zuvor musste der Prinz im roten Umhang jedoch seine Geliebte retten. Er würde den riesigen Drachen mit den drei Feen bekämpfen und ihn bezwingen, um sein Traummädchen zu befreien.

Marie klammerte sich an Sophies Arm, als der Held sein Schwert ergriff.

„Ich habe Angst“, flüsterte sie ihr zu.

Automatisch schloss sie ihre Zwillingsschwester in die Arme. Sie drückte Marie leicht an sich. Doch konnte sie sich nicht ganz auf die andere konzentrieren. Ihre Ohren lauschten zu sehr in Richtung Küche.

Das Gespräch war interessanter als dieser langweilige Film.

„Könnten sie sich nicht geirrt haben?“

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M: Unterrichtsplanung mal anders

„Guten Abend, Mrs. Strom. Sie wollten mich sprechen?“, grüßte der Klassenlehrer ihrer Zwillinge und streckte ihr die Hand entgegen.

Er war groß, mit Speckfalten am Bauch und einem lichten Kopf versehen. Bestimmt würde er auch die letzten Haare nicht mehr lange behalten. Ob er deswegen immer diese abscheulichen Wollpullover trug? Sie waren immerhin genauso fusselig wie fünf normale Köpfe.

„Ja“, Jane machte es sich unaufgefordert auf dem Sofa im Lehrerzimmer bequem, „Es geht um Ihr Kurrikulum.“

Mr. Flemming ließ seinen Arm sinken: „Wie bitte?“

„Ihr Kurrikulum. Der Lehrplan. Was Sie mit den Kindern durchnehmen, Himmel hoch drei“, sie legte den besagten Plan auf den Tisch, „Das hier.“

Der Lehrer warf nur einen flüchtigen Blick auf das Deckblatt des riesigen Buches. Gewiss hatte er das dicke Teil im Studium lesen müssen. Es war immerhin der Plan für ganz Suderien. Darin war der Unterricht aller Kinder geregelt: Von Einschulung bis Abschluss. Jedoch war es sehr wirr geschrieben, da es unendlich viele Kreuzverweise gab. Außerdem wurden die einzelnen Themen nirgends erläutert. Es gab nur Kerndefinitionen, Lernziele und Kompetenzen.

Die Umsetzung sollten sich die Lehrkräfte selbst aus dem Hut zaubern.

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M: Die Entscheidung

„Wir können nicht länger in Centy bleiben“, begrüßte Jane den Vater ihrer Kinder, sobald er durch die Tür kam.

Blinzelnd starrte er sie an. Er wirkte überfordert – aber das war nichts Neues für sie. Danni kam ihr öfters etwas verpeilt vor. Lisa hatte ihn sogar als langsam beschrieben. Zurück in Merichaven hätte es sie genervt, alles fünfmal zu erklären. Es war ineffizient. Zeitaufwendig! Doch seitdem sie dem Ort den Rücken gekehrt hatte, wusste Jane:

Sie brauchte diesen Ruhepol. Er war der Grund, warum sie ihre hastigen Entscheidungen immer noch einmal überdenken musste. Wegen ihm konnte sie nicht einfach aufspringen und losrennen, wenn die Unruhe sie heimsuchte. Sie konnte ihn nicht zurücklassen.

Danni war vielleicht ein Dussel, doch er war ihr Dussel!

„Dieser Ort ist nicht richtig. Er ist … wie ein Spiegelbild?“, versuchte sie, seinem schief gelegten Kopf zu erklären.

„Ein Spiegelbild?“, nachdenklich marschierte er zum Fenster.

Jane seufzte. Sie stand auf, durchquerte den Flur, schloss die Wohnungstür, schaute kurz ins Kinderzimmer und eilte dann ihrem Freund hinterher. Es war ihre eigene Schuld. Wieso musste sie ihn auch so überfallen? Der Mann würde seinen Kopf verlieren, wenn er nicht festgewachsen wäre!

„Ja“, bestätigte sie mit erzwungener Ruhe, „Spiegelbild.“

Er brummte. Nickte. Wandte sich ihr zu.

„Soll ich die Fenster dann lieber nicht mehr putzen?“

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