B: Mutter, Vater, Kind und Traum

Lianes Vater blieb schweigsam, bis sie im Auto saßen. Er hatte nur ein paar Worte zur Verabschiedung gemurmelt. Für mehr hatte er zu müde gewirkt. Zu ausgelaugt. Zu angespannt.

So ähnlich wie Mr. Brume, wenn sie so darüber nachdachte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Liane, als das Auto auf die Straße bog.

„Huh?“

„Mit dir und … Hast du dich mit deinem Kollegen gestritten? Ihr wirktet beide so … schroff?“, erkundigte sie sich weiter, „Oder ist es, weil ich bei Oliver war? Ich wollte nicht-“

„Du kannst nichts dafür“, unterbrach er sie, „Es ist nur ein kleines Missverständnis. Nichts weiter. Ja?“

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M: Ein böser Traum

Marie ließ ihre Füße den Weg wählen. Sie wusste eh nicht, wo sie war, wo sie hin sollte, wo sie hin konnte. In Merichaven sah alles so grau aus. So grau und trist und dreckig und verloren. Wie sollte sie da den richtigen Weg finden? Der, der sie in Sicherheit brachte. Nach Hause …?

Tyler hätte es gekonnt.

Schnell verdrängte Marie die kleine Stimme in ihrem Kopf. Sie schaute lieber gen Himmel. Zu den Seemöwen, die dort ihre Runden drehten. Sie segelten im Wind. Tanzten. Kreisten. Es sah so majestätisch aus. So anders als die kleinen Vögelchen, die sie aus Raptioville kannte.

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Wahre Hilfe

Ich sehe Dich:

Deine Fehler.
Deine Schmerzen.
Deine Falten.
Deine Stärken.

Ich höre Dich:

Deine Ängste.
Deine Schimpfe.
Deine Trauer.
Deine Wünsche.

Wenn Du mich brauchst,
Bin ich für Dich da.

Wenn Du mich brauchst,
Komme ich allemal.

Wenn Du mich brauchst,
Musst Du nur rufen.

Wenn Du mich brauchst,
Musst Du mich nie suchen.

Denn ich bin da.
Und bleibe geduldig.

Denn ich bin da.
Und Du bist mir nichts schuldig.

Keine Erklärung.
Keine Umarmung.
Keine Ehrung.
Kein – Nichts.

Denn ich bin für Dich da
Und ich warte –
Auf Dich.

Ob Du einen guten Ratschlag brauchst?
Ob Du jemanden zum Zuhören brauchst?
Ob Du meine Nähe brauchst?

Ich weiß es nicht,
Aber ich warte.

Denn Du siehst mich.
Und kennst die Karte.
Du kennst mein Menü
Und wie ich mich bemüh.

Du wählst die Hilfe,
Die Du brauchst.

Du wähltest die Hilfe,
Und ich lausch.

Märchenstunde: Der Zirkel der Miracula I

„Wenn du ein neues Leben beginnen möchtest, so folge mir. Weder ich noch meine Familie werden sich von dir abwenden“, erklärte Mira dem winzigen Kind vor sich.

Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt. Ihre Lumpen erinnerten sie an ihre eigenen. An damals. Als sie in den Wald gejagt wurde. Fort, von den scheußlichen Menschen. Zu der einzigen Mutter, die sie bedingungslos annahm.

„Du bist eine … Hexe?“, flüsterte die Kleine.

„Miracula“, korrigierte sie sanft, „Möchtest du auch eine werden?“

Das Kind stolperte einen Schritt zurück. Sie schaute über ihre Schulter. Schien inne zu halten.

Nickte.

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M: Abschied nehmen II

Verärgert riss Angeline das fünfte Blatt aus ihrem Schreibblock und starrte verbissen auf die neue leere Seite.

Den ersten Brief hatte sie bereits im ersten Satz abgebrochen. Beim zweiten war sie fast bis zum Ende gekommen, ehe ihre Gefühle ausbrachen. Im dritten hatte sie innegehalten, weil sich die Worte in ihrem Kopf zu kühl angefühlt hatten. Und der letzte?

Sie konnte Michael nicht schreiben, dass sie ginge und wiederkäme! Er würde sonst nach einem Grund suchen. Er wüsste, dass sie nicht in ihr Elternhaus und zu Tyler zurückkehren würde, nur um ihn nach einem Jahr wieder sich selbst zu überlassen. Es wäre zu herzlos ihrem Bruder gegenüber! Nein. Sie durfte kein Wiedersehen in Aussicht stellen. Sie musste …

Schluss machen? Ja- Nein! Doch. Sie wollte nicht! Nein! Nein! NEIN!

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