K: Keine Medizin!

Tom musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben nicht immer mit Fairness glänzte. Ob es nun der frühe Tod seiner Mutter, sein ihn misshandelnder Vater oder gar der Kampf nach einem normalen Leben war. Alles forderte seinen Preis. Alles zerrte an ihm.

Und nicht alles wusste er zu bestimmen.

Vielleicht hatte er deswegen mit seinen knapp sechzehn Jahren die Vaterrolle für einige der anderen Waisen eingenommen. Immerhin wusste er nur zu gut, wie sich ein Vater nicht zu verhalten hatte. Er wusste, was ein Vater nicht tun sollte. Was er nicht zu sagen hatte. Was er seinen Kindern niemals zumuten durfte …

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er immerzu wusste, was er sagen sollte.

„Christoph? Mach bitte die Tür auf“, Tom klopfte erneut gegen das Holz – dennoch bemühte er sich aber, die Stimme nicht anzuheben.

„Nein! Keine Medizin! Medizin böse! Medizin schlecht!“, schrie ihm der Dreijährige entgegen, als würde es um sein Überleben gehen.

Weiterlesen

K: Exquisia Exquisé

„Flo?“, fragte Benjamin zögerlich und betrachtete die Verpackung vor sich verwundert. Er stand vor Kaylas Kühlschrank – drei mauzende Katzen zwischen seinen Beinen, von denen ihm der Größte die Hosenbeine mit seinen Krallen durchlöcherte.

„Was denn?“, erklang die verschlafene Antwort seines Stiefbruders von nebenan und kurz darauf erschien dieser in seinen Cartoonboxershorts und einem viel zu großen Comicshirt. Zerzaust standen seine Haare in alle möglichen Richtungen ab, während er versuchte, nicht über die heulenden Vierbeiner zu stolpern, die nun auch von ihm ein drittes Frühstück verlangten.

Aber Benjamin zeigte nur verunsichert auf die kleine blaue Box zwischen der Butter und ein paar Joghurts. Während diese auf dem ersten Blick recht normal erschien und ihm bei der Wohnungsübergabe nicht weiter aufgefallen war, so fragte er sich nun – drei Tage später – wirklich, was da drinnen war. Das Plastik schien beschlagen zu sein und von innen schimmerten ungewöhnliche Farben hindurch.

Dieser Becher hinterließ ein beklemmendes Gefühl in ihm.

„Vielleicht irgendein Aufstrich?“, gab Florian nuschelnd von sich und zuckte mit den Schultern.

Also hatte Kayla ihm auch nichts dazu gesagt …

Weiterlesen

Silvester

Das Knallen der Raketen,
Das schallende Lachen,
Der sprudelnde Sekt-
Es ist eingedeckt.

Dinner for One
Ist Pflichtprogramm.
Die leuchtende Nacht
Eine wundervolle Pracht-

Doch gebt ja Acht!

Das Jahresende
Nimmt keine schöne Wende,
Wenn man sich behände
Im Krankenhaus wiederfände.

Drum nehmt Rücksicht
-Auf jeden hier.
Ob Mann, ob Frau,
Ob Kind, ob Tier.

Genießt den Ausklang
Allemal!
Feiert mit Freuden Zuhaus‘
Oder im Lokal.

Mit guten Vorsätzen
Oder ohne.
Mit Alkohol, Batterien
Oder Kondome.

Für jeden sei etwas dabei
Mit dem -er, sie, es-
Den ganzen Stress
Von 2018 vergess‘.


Einen guten Rutsch ins Jahr 2019!
Medra Yawa

M: Weihnachtsfest

„Aber wenn man bedenkt, dass eine Zuwiderhandlung vorliegt und der Polizei erst verspätet die Befugnis erteilt wurde, macht es die komplette Anklage nichtig“, erklärte Jasmine stolz und schweigend stimmte Jane den Worten zu.

Sie sah nicht zu ihrer großen Schwester oder ihrem Vater neben ihr auf. Still beobachtete Jane das Tannengesteck auf dem Tisch, während ihre Gedanken um eine vergangene Erinnerung kreisten. Um Jack, der ihr geholfen hatte. Um die Konsequenzen, die ihm nun drohten. Um die Gleichgültigkeit, die ihr Vater ausstrahlte.

Um diese kalte Berechnung in seinen Augen.

„Gut. Deine Ausarbeitungen hast du fertig?“, fragte ihr Vater so uninteressiert, als würde er über anderer Kinder Hausaufgaben sprechen und nicht über einen der wichtigsten Fälle, die seine Kanzlei derzeit hatte.

Oder gar einen der skandalösesten, weil er ihn akzeptiert hatte.

„Ja, ganz so wie du wolltest, Vater“, Jasmine schob ein paar Blätter über den Esstisch. Weißes Papier, das sorgfältig mit einer Schreibmaschine beschrieben wurde. Es war der Wunsch ihres Vaters, alle schriftlichen Arbeiten so vorzulegen. Denn wäre auch nur ein Fehler auf den Seiten, so würden sie es noch einmal neu tippen müssen.

Korrekturen waren inakzeptabel.

Weiterlesen

Die kleine Wolke Fuji

Es war einmal eine kleine Wolke. Sie war plötzlich da. Entstand einfach. Wusste nicht woher sie kam oder wohin sie sollte …

„Nun denn“, entschied diese kleine Wolke, als sie die Welt unter sich erblickte, „Ich möchte überall hinfliegen. Ich möchte groß träumen. Und niemand wird mich aufhalten!“

Sobald die kleine Wolke jedoch die Worte gesprochen hatte, erklang eine ältere Stimme. Rau und grummelig hallte sie in den Ohren der Wolke wider.

„Haha. Lieber Jüngling“, bemerkte die Sonne, „Das Leben ist bitter. Träum nicht zu viel – du wirst nur enttäuscht werden. Ziel nicht zu hoch – du wirst eh nur fallen. Versuch am besten nichts – du wirst es sowieso nicht schaffen!“

„Woher willst du das wissen?“, bemerkte die kleine Wolke trotzig, wenngleich sich Zweifel in ihr Herz geschlichen hatten.

„Der, der am höchsten steht,“, entgegnete die Sonne und küsste den Horizont, „fällt am tiefsten.“

Damit war sie verschwunden. Und mit ihr das Licht.

Weiterlesen