Timothy – Die Saat der Hoffnung …

Viel zu lange blickte ich auf Janes Grab herab. Es fühlte sich falsch an, dass dieses Mädchen als Oma die Welt verlassen hatte, während ich noch was-? Ein Kind war?! Denn genauso unbedeutend war ich doch! Ich war nur ein dämliches Kind, das von fast niemandem gesehen wurde!

Warum war ich eigentlich noch hier?

„Ach, Jane“, flüsterte ich in die Nacht. Ich wusste nicht, ob ich mir ein Zeichen erhoffte. Ich musste einfach ihren Namen aussprechen. Vielleicht, damit ich ihn nicht vergessen würde? So wie die Welt mich vergessen hatte?

Dabei wünschte sich ein Teil von mir sehnlichst eine Antwort. Aber der andere betete unentwegt, dass sie nicht umherirren müsse. Sie sollte von dieser Welt Abschied nehmen können. Sie sollte nicht umherirren müssen. Sie … Sie hatte etwas Besseres verdient.

Als die Sonne über den Horizont kroch, glitt ich zurück ins Haus. Still huschte ich durch die Wände und begutachtete zum ersten Mal die oberen Zimmer. Überall konnte ich Spuren einer glücklichen Familie entdecken: Dort hatte jemand in eine Bibel gemalt. Hier waren einige getrocknete Blumen wirr zusammengesteckt worden. Und da hinten zierte ein einzelnes Foto die Wände.

Sie hatten ein Familienbild aufnehmen lassen. Obwohl ich drei der Gesichter nicht kannte, konnte ich sofort alle zuordnen. Ich konnte die Liebe in den Augen von dieser Marianne sehen. Und die Freude in denen von Gretle. Und dieser Jonathan …

Einzig seinen Blick wusste ich nicht zu deuten.

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M: Die Entscheidung

„Wir können nicht länger in Centy bleiben“, begrüßte Jane den Vater ihrer Kinder, sobald er durch die Tür kam.

Blinzelnd starrte er sie an. Er wirkte überfordert – aber das war nichts Neues für sie. Danni kam ihr öfters etwas verpeilt vor. Lisa hatte ihn sogar als langsam beschrieben. Zurück in Merichaven hätte es sie genervt, alles fünfmal zu erklären. Es war ineffizient. Zeitaufwendig! Doch seitdem sie dem Ort den Rücken gekehrt hatte, wusste Jane:

Sie brauchte diesen Ruhepol. Er war der Grund, warum sie ihre hastigen Entscheidungen immer noch einmal überdenken musste. Wegen ihm konnte sie nicht einfach aufspringen und losrennen, wenn die Unruhe sie heimsuchte. Sie konnte ihn nicht zurücklassen.

Danni war vielleicht ein Dussel, doch er war ihr Dussel!

„Dieser Ort ist nicht richtig. Er ist … wie ein Spiegelbild?“, versuchte sie, seinem schief gelegten Kopf zu erklären.

„Ein Spiegelbild?“, nachdenklich marschierte er zum Fenster.

Jane seufzte. Sie stand auf, durchquerte den Flur, schloss die Wohnungstür, schaute kurz ins Kinderzimmer und eilte dann ihrem Freund hinterher. Es war ihre eigene Schuld. Wieso musste sie ihn auch so überfallen? Der Mann würde seinen Kopf verlieren, wenn er nicht festgewachsen wäre!

„Ja“, bestätigte sie mit erzwungener Ruhe, „Spiegelbild.“

Er brummte. Nickte. Wandte sich ihr zu.

„Soll ich die Fenster dann lieber nicht mehr putzen?“

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Märchenstunde: Die drei Wünsche

Es war einmal ein Mann, der täglich über einen Bergkamm kletterte, um seine Waren in die Stadt zu befördern. Dafür musste er immer wieder dieselben Strapazen erleiden. Immerzu quälte er sich den mühsamen Weg hinauf. Und immerzu stieg er ihn auf der anderen Seite wieder herab. Das war die Aufgabe, die er von seinem Vater übernommen hatte – genauso wie dieser zuvor von seinem. Nur war er des Weges müde geworden. Schon lange konnte er die Wanderschaft nicht mehr frohen Herzens genießen und wünschte sich sehnlichst seinen Ruhestand herbei.

Nur besaß er weder Frau noch Kind.

So kam es, dass er sein Händlerlächeln überall aufsetzte. Wie sonst hätte er seine Waren verkaufen oder sich gar über den beschwerlichen Weg kämpfen sollen? Er wurde ja nicht jünger!

Viel eher wurde er so alt, dass er es eines Tages nicht mehr rechtzeitig ins Tal schaffte. Zum ersten Mal musste er in der Einsamkeit des Gebirges übernachten.

Da erklang eine schiefe Stimme.

„Ist dir das Klettern nicht überdrüssig geworden?“

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K: Eine andere Welt II

Sobald der Unterricht für beendet erklärt wurde, warf Cindy erleichtert ihr Schulzeug in die Tasche. Das war die reinste Qual gewesen! Hinzu kam, dass die beiden hinter ihr immer noch über die Neue tuschelten. Durch ihre Windaffinität hörte sie jedes Wort! Reichte es nicht mal? Maggie, Maggie, Maggie sagten sie ständig. Dabei war die Wortmeldung der Stillen schon vor drei Stunden gewesen!

Genervt hob sie das Buch auf, das die Öffnung ihrer Tasche verfehlt hatte. Auch das noch. Heute war kein guter Tag. Sie musste sich besser zusammenreißen. Ja. Sonst würde ihr noch ein Unfall passieren. Ruhig bleiben. Ruhig.

Wieder fiel der Name Maggie.

Seufzend schloss Cindy die Augen und atmete kurz durch. Sie hörte, wie der Taschenrechner auf zwei Beinen überlegte, zu den älteren Waisen zu gehen. Immerhin hätte der eine sie die ersten Wochen jeden Tag bis zu ihrem Platz gebracht. Die Elternlosen standen füreinander ein. Wenn jemand aus dem Dorf Hilfe brauchte, war ein guter Draht zu der schrägen Familie stets hilfreich. Irgendwie kamen sie stets mit einem blauen Auge davon oder konnten sogar absurde Alibis liefern.

Eigentlich hatte sie das Waisenhaus nie gekümmert, aber wenn sie nicht mehr unter die Erde zurück wollte … Wenn sie aus der Welt der Macian verschwinden wollte … Moment. Wollte sie das?

In ihren Gedanken vertieft, lief sie fast in die Neue, die vor ihrem Tisch wartete. Still wie eine Statur stand sie dort. Eine Hand lag auf ihrem Halstuch. Die andere grub sich in den Saum ihrer Jacke. Die Finger zitterten leicht.

Huh. Sie zitterte? Damit wirkte sie ja fast wie eine Veteranin von daheim! Vor allem, da ihre Augen im Schatten lagen und ihr Mund sich so anspannte …

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Verschallendes Echo

Am Anfang ist alles glasklar,
Man sieht die Welt so wahr,
Man sieht alles, wie es ist,
Man hofft, dass man nichts vergisst.

Die Farben stechen grell hervor,
Die Töne schallen deutlich ins Ohr,
Gerüche vernebeln die Sinne,
Mittendrin eine vergängliche Stimme.

Die Stimme vom letzten Jahr.

Ja, der Anfang ist stets so offensichtlich.
Er wirkt gar so zuversichtlich.
Niemand erwartet Komplikationen,
Man rechnet mit Legitimationen,
Keine Frustrationen,
Nur Faszinationen.

Jedes Jahr …

Jedes Jahr dieselbe Geschicht‘,
Als gäbe es was anderes nicht,
Als sähe man die Wahrheit nicht,
Als habe man sich zuvor bloß nicht getraut,
Als wäre die Welt nun jedoch zu taub,
Als wäre die Zukunft verbaut …

Denn wie sonst könne man erklären,
Dass wir unsere eigenen Wünsche verschmähen?
Dass wir wie Affären,
Das Leben entehren?

Das Echo aus dem letzten Jahr ruft,
Dieselben Worte – wieder und wieder aus.

Das Echo aus dem letzten Jahr ruft,
Dieselben Hoffnungen hinaus.

Das Echo aus dem letzten Jahr verblasst …
Denn es sieht alle Möglichkeiten verpasst.

Möge das neue Jahr schaffen,
Was ihm selbst nicht vergönnt war.