B: Monster oder Beschützer?

„Geht es dir wirklich gut, Liebling?“, fragte der Vater seine Tochter noch einmal besorgt.

Das kleine Mädchen lächelte unbekümmert.

„’Türlich, Papa! Du kannst die Tür heute Nacht ruhig wieder zu machen“, freudig kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und der ältere Mann wagte einen flüchtigen Blick auf den winzigen Tisch im Kinderzimmer seiner Tochter.

Er starrte auf die Zeichnungen. Auf diesen Dämon, den das Mädchen immer wieder zeichnete. Von dem sie behauptete, dass er sie nachts besuchen käme. Das Wesen, das ihr versprochen hätte, sie zu beschützen. Sie in Sicherheit zu bringen …

Er schluckte unsicher. Seine Frau hatte es als Einbildung abgetan. Als einen imaginären Freund. Aber wenn dem so war … warum sollte dieser seiner kleinen Tochter anbieten, sie in Sicherheit zu bringen? Fühlte sie sich hier etwa nicht wohl?

Warum?

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M: Aller Abschied ist schwer

„Jane … Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Lisa leise und drückte dabei ihre Hand.

Die Jade erwiderte die Geste ohne zu ihrer Freundin zu sehen. Stattdessen galt ihr Blick den Straßen vor dem Café. Der graue November hatte die Stadt bereits in seine kühlen Klauen geschlossen und ihr Aufpasser vom Dienst fröstelte draußen im kühlen Wind. Doch störte sie das weniger. Er war einer der masochistischeren Mistkerle, die sie immerzu nervten. Und so einen wollte sie kaum bei sich wissen, wenn sie sich mit der einzigen Person unterhielt, der sie wahrhaftig alles anvertrauen konnte.

Seufzend wandte Jane sich ab. Sie sah zu dem Jungen herüber, den sie doch hätte bepaten sollen. Dieser kleine Charmeur mit den klaren blauen Augen, die er definitiv von seinem Vater geerbt hatte. Die noch nicht so kalt wirkten, wie die des Älteren. Die ihre Welt neugierig erkundeten. Die den Keks musterten, den sich der Zweijährige vorsichtig in den Mund schob. Irritiert knabberte er daran herum, legte den Kopf schief.

„Mortes wird dich fragen, wo ich hin bin. Er wird vermuten, dass du etwas weißt“, erklärte sie Lisa, die nur genervt die Augenbrauen hochzog.

„Wenn ich es nicht wüsste, würde ich ihm die Jungs aufdrücken und dich sofort suchen kommen.“

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K: Die Umzüge nach den Ammenmärchen

Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer auf den Tag. Sauer auf ihre Mitschüler. Sauer auf sich!

Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Dann ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf von dreißig runter.

Die Naar kannte das Prozedere. Sie wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-

„Alles in Ordnung, Jessi?“

Da stand die Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich nicht einmal schließen! Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.

Also hatte die Schule noch nicht angerufen?

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M: Stiefel für den Kater

„Er braucht Stiefel, Mom! Bitte!“

„Er ist ein Kater, Marie.“

„Deswegen ja! Wie soll er sonst sprechen lernen? Oder auf zwei Beinen laufen?“

Sophie kicherte leise, während sie ihrem jüngeren Zwilling und ihrer Mutter lauschte. Mrs. Kleid hatte ihnen vorhin wieder das Märchen vom gestiefelten Kater aufgelegt und seitdem war Marie erneut davon überzeugt, dass man nur so den Zauber auf ihrem pummeligen Hauskater brechen könne.

„Warum tust du mir so etwas an?“, die Frage ihrer erschöpften Mom richtete sich an die ältere Frau, die die Schwestern immerzu betreute, wenn die Eltern arbeiten mussten.

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K: Keine Medizin!

Tom musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben nicht immer mit Fairness glänzte. Ob es nun der frühe Tod seiner Mutter, sein ihn misshandelnder Vater oder gar der Kampf nach einem normalen Leben war. Alles forderte seinen Preis. Alles zerrte an ihm.

Und nicht alles wusste er zu bestimmen.

Vielleicht hatte er deswegen mit seinen knapp sechzehn Jahren die Vaterrolle für einige der anderen Waisen eingenommen. Immerhin wusste er nur zu gut, wie sich ein Vater nicht zu verhalten hatte. Er wusste, was ein Vater nicht tun sollte. Was er nicht zu sagen hatte. Was er seinen Kindern niemals zumuten durfte …

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er immerzu wusste, was er sagen sollte.

„Christoph? Mach bitte die Tür auf“, Tom klopfte erneut gegen das Holz – dennoch bemühte er sich aber, die Stimme nicht anzuheben.

„Nein! Keine Medizin! Medizin böse! Medizin schlecht!“, schrie ihm der Dreijährige entgegen, als würde es um sein Überleben gehen.

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