
Die zweite Miracula erschien binnen einer Stunde. Sie trat auf die Lichtung. Erkundigte sich nach der anderen Miracula. Ein junges Mädchen, das immer noch schlief. Das sich jedoch durch ihre Anwesenheit langsam regte.
„Sol. Was ist los?“, fragte die ältere Miracula fordernd.
So fordernd, wie der versteckte Scute es niemals wagen würde, mit der weißen Schlange zu sprechen. Perplex betrachtete er das Schauspiel aus dem Schatten. Der Rabe, der nur gutmütig lachte. Diese ältere Frau, die ihre Hände in die Hüften stemmte. Die auf den Raben herabblickte.
„Wir brauchen deine Fähigkeiten. Für Argencias Schutz. Für Inprobas Segen“, beim zweiten Namen spannte sich der Rücken der Miracula an, „Eine Miracula war im Dschungel unterwegs und hat dort die Kinder einer mächtigen Kreatur gestohlen. Und nun fordert diese ihre Eier zurück oder fällt in den Wald der Wunder ein.“
„Das ist doch …“, die Frau schluckte, „Wirklich wahr?“
„Finde die Eier, ohne Umwege oder Neugier, dann können wir im Frieden auseinandergehen“, erklärte der Rabe streng.
Zieh für den Notfall dein Messer, verlangte die weiße Schlange plötzlich, Wenn dieser Sol sie so warnt, ist sie nicht sehr umsichtig. Und wenn sie ihre Magie missbraucht, soll sie sofort den Preis dafür zahlen!
Noch während Scute die Waffe zog, erstrahlte die Lichtung so plötzlich in blauem Licht, dass er instinktiv in die Hocke ging. Überrascht bemerkte er, dass die Miracula ihn nicht zu sehen schien. Stattdessen schwebte eine geisterhafte Welt vor ihm. Er sah eine Frau, die sich an einem Blatt vorbeischob. Die sich in Luft auflöste, als ein schemenhafter Tiger vorbeistolzierte. Nur, um erneut ihre geisterhafte Form anzunehmen und so durchs Unterholz zu kriechen.
Am Busch mit den violetten Beeren vorbei. Durch die Weidenäste. Direkt auf das Nest der weißen Schlange zu.
Doch dann wandte sich die Frau hastig um. Sie verschwand zum zweiten Mal, als ein Krokodil vorbeikroch. Dabei bemerkte Scute, wie die Eier der weißen Schlange sich in Luft auflösten. Diese vier winzigen, feuchten, weißen Perlen …
Die mit ihrem nächsten Auftauchen am Ärmel der Miracula klebten.
Erleichtert erkannte er, dass der Diebstahl unbeabsichtigt gewesen war. Wahrscheinlich hatte diese Miracula nicht einmal gewusst, was sie getan hatte. Oder welche Kräfte gar in diesen winzigen Eiern schlummerten …
„Tempora“, sprach der Rabe durchdringlich, „Erwache!“
„Das war wild! War das wild? Mein Kopf dreht sich noch! Kanntest du diese großen Schlangen? Die mit den Beinen und den vielen Zähnen und den Schuppen und- Schlangen haben auch Schuppen, oder? ODER?“
Die Frau sprach so zügig, dass Scute ihre Worte kaum ausmachen konnte. Dennoch lauschte er, wie die weiße Schlange es als Preis der Magie bezeichnete. Weil sie zurückgesehen hatte, musste sie sich nun wieder an das Vorwärts der Zeit gewöhnen.
„Bleibe bei Argencia“, sprach der Rabe und klang dabei zehnmal größer.
Mit einem Hüpfer schwang er sich in die Lüfte und stieg in den Himmel empor. Für einen Augenblick sorgte sich Scute, dass der Vogel ihn nun angreifen würde. Doch bemerkte er dann, dass das nicht seine wahren Ängste waren.
Viel eher war es die Sorge der weißen Schlange. Jene, die sich noch immer um ihre Kinder drehte. Kinder, die sie vermisste und bei sich sehnte, wenngleich sie sich als emotional abgeschirmt sah.
Am liebsten wollte Scute sie trösten.
„Bald bricht der Morgen an“, sprach die ältere Miracula vor ihnen still, „Dann werden wir aufbrechen müssen.“
Sie hatte Scute noch immer den Rücken zugewandt. Dennoch war ihm klar, dass sie mit ihm sprach. Dass sie das Wasser testete. Dass sie ihn indirekt herausforderte.
Immerhin hatte der Rabe ihn als Gefahr für die Heilerin wahrgenommen.
Ehe er sich einen Reim aus ihren Worten machen konnte, raschelte es über ihn. Ein Stück Stoff wedelte herab. Es war ein abgerissener Ärmel. Einer, den die weiße Schlange sofort ersehnte.
Denn ihr Blick machte als allererstes die vier winzigen Eier daran aus.
„Habt, was euch gehört. Und geht, wohin ihr gehört“, verkündete der Rabe aus dem Blätterdach, „Doch drohet noch einmal unserem Zirkel und zahlt den Preis des Endes!“
Scute spürte, wie die weiße Schlange protestieren wollte. Doch bemerkte er dieses eine Mal etwas, was ihr sonst entgangen wäre. Etwas, das sie durch seine Augen zu erkennen wagte.
Was sie für ihre Eier empfand, empfand dieser Sol für die Heilerin.
Und so verabschiedete sich Scute mit einer stummen Verbeugung, ehe er den Heimweg antrat.
