Timothy – Ein Funken Missmut

Zwei Wochen benötigte Bernhard, ehe er sich blicken ließ. Zwei Wochen, in denen er per Brief mit Alexander diskutierte und am Ende sogar diesen anflehte. Zwei Wochen, in denen ich jeden dieser Briefe mitlas. Doch ließ sich der ältere Bruder nicht umstimmen:

Bernhard hatte Julie einen Antrag persönlich zu machen und vor ihr den Himmel herab zu lügen!

Und so kam es, dass das Aufeinandertreffen von diesem Bernhard und meiner Julie nicht amüsanter hätte sein können. So verneigte sich Bernhard zwar vor ihr, rollte jedes Mal mit den Augen, sobald er sich unbeobachtet fühlte. Immer wieder machte er fragende Handgesten in Alexanders Richtung, die dieser gekonnt ignorierte. Und als Julie ihm ein besticktes Taschentuch schenkte, dankte er ihr zwar, schien es allerdings nicht einpacken zu wollen. Als er es einem Diener reichen wollte, warf Alexander ihm einen harschen Blick zu, der am Ende dafür sorgte, dass der arme Kerl das Tuch den ganzen Tag für alle sichtbar mit sich rumschleppen musste.

„Demütigst würde ich mich freuen, wenn Ihr meine Frau werden würdet“, verkündete Bernhard bereits am zweiten Tag bei Tee.

Er sowie sein Bruder hatten sich Marias und Julies Teestunde angeschlossen und saßen gemeinsam im Garten. Dabei hatte sich das verlobte Pärchen etwas zurückgelehnt, um Julie genauestens zu beobachten.

„Wie könnte ich verneinen, wenn Eure Worte so von Herzen kommen?“, erwiderte Julie.

Ich ließ die Adeligen feiern. Ignorierte, wie sie Julie und Bernhard ihren Segen aussprachen. Wie selbst Sir Stark den Segen von Marias Vater verkündete. Die erste Etappe unseres Planes hatten wir hinter uns gebracht: Elisabeth und ihr Vater würden sich nun zurücklehnen. Sie würden den Dingen ihren Lauf lassen wollen.

Und genau dort würden wir ihren Plan auseinanderreißen!

Am Abend von Julies Verlobung führten wir unseren ersten Zug aus. Ich huschte durch Alexanders Schlafgemächer. Dann durch Bernhards. Suchte ihre Briefe. Ihren Zorn. Lauschte, wie sie sich leise stritten und der jüngere den älteren Bruder verfluchte. Worte, die ich zu Julie trug, ehe ich meine Erinnerungen mit ihr teilte.

Dankend nickte sie und lief zu Marias Räumlichkeiten. Sie entschuldigte sich bei Sir Stark, der vor der Tür Wache hielt. Erklärte, dass sie unbedingt mit Maria sprechen müsse. Dass es wichtig wäre.

Und schon war sie drinnen.

„Was machst du zu so später Stunde hier? Julia, wir müssen morgen unsere Hochzeiten planen. Du brauchst deinen Schlaf!“, belehrte Maria sie sogleich.

Der falsche Name löste erneut Unbehagen in mir aus. Dennoch schluckte ich ihn runter. Ich musste.

Wir mussten uns an den Plan halten.

„Ich weiß nicht, ob ich Bernhard heiraten kann. Bitte. Höre mich an, Maria“, schluchzte Julie und warf sich auf die Knie, „Bitte.“

Julies Tränen sahen so echt aus, dass es mir schwer fiel, ruhig zu bleiben. Angespannt atmete ich durch und lauschte halbherzig dem Gespräch. Genauer durfte ich nicht hinhören. Sonst würde es mich zu sehr aufwühlen. Außerdem musste ich eh durch die Wände gleiten, um nach möglichen Ohren zu suchen. Um Julie zu warnen, falls Elisabeth sich in den Zwischenwänden verbergen würde.

Das erneute Schluchzen sagte mir alles, was ich wissen musste: Sie hatte Maria bereits erklärt, dass die Dienerschaft nach und nach ausgetauscht wurde. Dass viele bekannte Gesichter bereits verschwunden waren. Nun würde sie der entlassenen Clara Worte in den Mund legen. Briefe, die diese in Alexanders Raum gesehen hatte. In denen sie Maria als zweite Wahl sah. In denen Maria ihm nichts bedeutete.

Nur das Gold, das er durch sie bekäme.

Doch drehte Julie an dieser Stelle die Wahrheit um. Sie offenbarte, dass er Bernhard so abfällig von Julie berichtet hatte, dass dessen Interesse geweckt worden war. Log, dass dieser sich daher zu ihr hingezogen fühlte. Dass er sie nun wirklich ehelichen wolle. Erklärte, dass Bernhard es jedoch nicht zeigen konnte, solange Alexander so halbherzig erschien. Dass er Maria nicht kränken wolle. Und dass er Angst hätte, dass ihre Ehe aufgelöst werden würde, sobald Alexander Marias Hand bekäme und sie dann Julie zurücklassen würden.

„Ich will dich nicht in eine lieblose Ehe schicken“, endete Julie nach mehreren Stunden, „Aber ich will Bernhard auch nicht missen. Deswegen fühle ich mich so gefangen. Doch sollst du nicht darunter leiden … Ich … Vielleicht wäre es das beste, wenn ich verschwände. Dann kannst du nicht durch mich an Alexanders Familie gebunden werden.“

„Das … Das ist liebgemeint“, Maria rannen stumme Tränen die Wange herab, „Und du bist dir sicher, dass diese Briefe … Dass sie nicht erlogen waren?“

„Du kannst gerne nachsehen“, Julie schloss die Augen, als würde sie sich an Alexanders Schreibtisch erinnern, „Bestimmt liegen die Briefe noch ganz hinten in der Brieftruhe, die Alexander mitgebracht hat. Ich würde so etwas ja ganz oben in die erste Schreibtischschublade stellen. Und du?“

Stumm nickte Maria.  

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..