M: Der erste Myles I

„Guten Abend. Lisa von der Meric’s Heaven“, stellte sie sich vor, „Hätten Sie einen Moment Zeit für mich?“, Cherry setzte ihr bestes Lächeln auf. Sie präsentierte ihren Reporterausweis. Deckte dabei gekonnt ihren Nachnamen ab, um nicht zu viel Preis zu geben. Vorname und Gesicht reichten den meisten eh, sobald sie das Logo der Zeitungsahen.

Dominik Daques betrachtete sie abschätzend. Er war groß. Wirkte mürrisch. War laut Mona ein neuer Drogenlieferant, der Gemmas Position einnehmen wollte. Deswegen sollte Cherry seinen Schwachpunkt herausfinden. Sie brauchte Informationen über ihn. Irgendetwas, was Mortes seinen nächsten Auftrag erleichtern würde, damit dieser seinen nächsten Einsatz überlebte.

Denn wenn sie die Wahl hätte, einen Fremden zu den Toten zu verdammen oder ihre Familie im Stich zu lassen, war die Entscheidung bereits gefallen.

Dominiks Augen glitten über Cherrys runden Bauch. Seine Brauen zogen sich zusammen. Krampfhaft. Als wäre er von ihrem schwangeren Erscheinungsbild angewidert. Mit einem harschen „Nein“ wandte er sich ruckartig ab und lief zum Tor der großen Lagerhalle, die er für seine Firma angemietet hatte.

Zwei weitere Männer schlossen zu ihm auf. Einer, der aus der Lagerhalle kam und ein anderer, der Dominik hierhergefahren hatte. Dennoch gab Cherry sich nicht geschlagen. Zügig eilte sie Gemmas Konkurrenz hinterher: „Bitte. Es dauert auch nicht lange. Und vielleicht hilft es ja mit Ihrem Imageproblem?“

„Wer hat gesagt, dass ich ein Imageproblem habe?“, Dominik wandte sich viel zu langsam um.

„Die Statistiken.“, Cherry zog ein paar Papiere mit Balkendiagrammen aus der Tasche und hielt sie ihm hin, „Sie haben diese Lagerhallen unter dem Warenwert angemietet. Es gibt mehrere Diskrepanzen in den ausgefüllten Steuerunterlagen. Und lassen Sie mich bitte gar nicht erst zu Ihrer Person kommen. Wer gibt heutzutage keinen einzigen Cent Trinkgeld?“

Stumm nahm er ihre Papiere entgegen. Er blätterte viel zu langsam durch jede einzelne Seite. Schien sie wirklich zu lesen! Cherry fühlte sich unwohl. Sonst reichten ihren anderen Zielen meist ein paar allgemeine Aussagen und sie beäugten die Papiere kaum noch.

Sie hoffte nur, dass sich kein Fehler in die gefälschten Statistiken geschlichen hatte …

„Sehr akribisch“, murrte Dominik.

„Bei der Meric’s Heaven arbeiten ja auch nur die besten“, erklärte sie, „Mein eigentlicher Artikel liegt bereits meinem Chef vor. Jedoch würden es die Menschen von Merichaven begrüßen, auch ihre Seite zu vernehmen.“

„Hm. Und du willst meine Aussagen noch in dein Flugblatt quetschen, ehe es durch die Stadt geht?“

„Ich möchte sicherstellen, dass sie eine Chance haben, ihre eigene Geschichte zu formen“, korrigierte Cherry ihn, „Was man danach von Ihnen denkt, ist nicht meine Sache. Meine Aufgabe ist einzig, alle Fakten darzulegen.“

Etwas in der Lagerhalle rumste und ohne sich umzudrehen, wank Dominik einen seiner Männer dorthin. Dabei verharrten seine Augen jedoch auf ihr. Fast so, als wolle er sie damit festhalten. Oder einschätzen? Cherry war sich unschlüssig. Irgendwie wirkte er nicht so, wie die anderen, die sie zuvor ausgehorcht hatte …

„Ich glaube, wir haben uns auf dem falschen Fuß kennengelernt. Lisa war es, oder? Du hast ein hübsches Gesicht. Nur … Sollte jemand wie du noch arbeiten? Du siehst ziemlich überreif aus.“

Erneut huschte ein angewiderter Blick über seine Züge. Innerlich notierte sich Cherry seine Reaktion. Gegebenenfalls konnte Mortes sich diese zu Nutze machen. Die persönlichen Vorlieben einer Person sagten immerhin so einiges über deren Charakter. Und über deren mögliche Entscheidungen.

„Alles gut. Ich habe noch zwei Wochen Zeit“, entgegnete sie abwinkend, „Wichtiger wäre es mir, wenn Sie mir ein paar Fragen gewähren könnten.“

„Was für Fragen?“

„Die meisten ergeben sich aus Ihren Antworten“, Cherry zog ihr Notizbuch hervor und las die ersten ab, „Was hat Sie dazu bewogen, nach Merichaven zu kommen? Welche Bedeutung hat der Name ihrer Firma Hum. Limits? Welche Waren werden unter Hum. Limits transportiert?“, sie schloss das Buch und schaute wieder zu Dominik auf, „Jedoch wäre es auch hilfreich, wenn die Lesenden der Meric’s Heaven Sie auch als Menschen kennenlernen könnten. Deswegen: Was sind Ihre Hobbies? Wohin gehen Sie am liebsten, wenn Sie nachdenken wollen? Was ist Ihre Lieblingsspeise? Kurz: Wer sind Sie?“

„Einige der Fragen sind sehr direkt“, behauptete Dominik.

„Das mag sein“, sie setzte ihr bestes Lächeln auf, „Doch ist es Ihnen überlassen, wie viel Sie preisgeben wollen.“

Er kratzte sich am Kinn. Eine beiläufige Geste. Da jedoch der andere Mann sich kurz darauf hinter ihr wiederfand, war sich Cherry sicher, dass es ein Zeichen sein musste.

„Du klingst ziemlich professionell für ein so junges Gesicht“, seine Augen glitten erneut über ihren Bauch und zum ersten Mal fühlte sich Cherry wirklich unwohl, „Wie alt bist du denn?“

„Tut mir leid, hier geht es nicht um mei-“

Abrupt brach sie ab, als sie etwas im Rücken spürte. In anderen Teilen des Landes hätte man es ignoriert. Hier in Merichaven jedoch? In einer Stadt, in der Schusswaffen an jeder Ecke illegal erworben werden konnten?

Sie würde den Lauf einer Waffe jederzeit erkennen.

„Neunzehn“, presste sie hervor, als sie Dominiks kalten Augen begegnete.

„Und schon eine Reporterin der Meric’s Heaven“, er schüttelte den Kopf, „Was willst du wirklich“, er pflückte ihren Arbeitsausweis aus der offenen Tasche, „Lisa Myles?“

„Es geht nur um den Artikel, Mr. Daques. Er soll in der morgigen Ausgabe erscheinen. Wenn Sie also-“

„Ich glaube dir nicht“, unterbrach er sie, „Frauen haben nichts hinterm Schreibtisch zu suchen. Nichts auf dem Arbeitsmarkt. Du … Dass dein Mann dich nicht wegsperrt … Abscheulich“, seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern und beinahe wollte Cherry einen Schritt zurücktreten.

Dann erinnerte sie das Metall an ihrem Rücken an die gezogene Waffe.

„Verzeihung, ich wusste nicht, dass meine Anwesenheit Ihnen Unbehagen hervorrufen würde“, entgegnete sie gelassener, als sie sich fühlte, „Dann wird der Artikel nur objektiv ohne eine persönliche Erläuterung veröffentlicht werden. Ich bitte vielmals um Verzeihung, Sie aufgehalten zu haben.“

Cherry zeigte ihre offenen Handflächen nach oben und versuchte, einen Schritt beiseite zu treten, um der Waffe zu entgehen, doch grub der andere Mann sie noch tiefer in ihren Rücken.

So tief, dass sie Angst hatte, dass dieser damit ihr Baby verletzen könnte.

„Oh, nicht doch. Wohin möchte denn ein Frauenzimmer wie du gehen? Du hast draußen nichts zu suchen. Rein mit dir“, Dominik wies zur Lagerhalle.

Zur Lagerhalle, die Cherry plötzlich wie ein Gefängnis vorkam.

„Mein Chef wird Fragen stellen und Leute herschicken, wenn ich mich vor dem Druck nicht melde“, log sie, „Ich muss-“

„Du wolltest doch wissen, mit welchen Waren wir handeln“, ehe sie sich versah, schlang sich sein Arm hinter ihrem Rücken entlang und er führte sie zur Halle – ein Messer auf ihren Bauch gerichtet, „Nun … Menschen lassen sich schlecht auf den Steuerbescheinigungen angeben. Daher wahrscheinlich die Diskrepanzen. Dabei stehen junge Frauen sehr hoch im Kurs. Frauen … und Babys.“

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