
Pan betrachtete, wie sich seine Sklaven durch die Mittagssonne quälten. Er hatte sie sich eigentlich nicht zu eigen machen wollen. Es war einfach in der Hitze des Gefechts passiert. Doch nun? Nachdem er diese Kreaturen befragt und die Welt der Menschen zu verstehen glaubte?
Er hasste ihre Gattung!
Angewidert wandte er sich von den schuftenden Bauern ab. Er trat wieder ins Haus. Ein Haus, das er kaum benötigte. Das er so jedoch den anderen Bauern verwehrte. Das er ihnen immerzu verwehren würde!
Es war ein Teil ihre Strafe.
Damit hüpfte er durch den Flur in die kleine Stube. Einst war sie ordentlich gewesen. Geradezu spartanisch ordentlich. Doch mit ihm war die Natur eingezogen. Es war nun dreckiger. Ähnelte dem Wäldchen, das er vor wenigen Wochen verlassen hatte. Dafür hatte er mit all den herumliegenden Blättern und Zweigen gesorgt. Selbst Steine hatte er am Vortag hineinschleppen lassen. Dafür hatte er die Stühle und Strohbälle verbrannt.
Angewidert presste Pan die Lippen zusammen, als er sich zurück erinnerte. Bacchus war einer der schwitzenden Sklaven gewesen, die ihm die Findlinge gebracht hatten. Als Pan ihn erkannte, hatte er überlegt, ob er den Jungen nicht viel lieber aus seinem Bann reißen sollte. Damit dieser sich seiner wieder gewahr wurde. Immerhin hatte der Bauer ihn trotz seines Anblicks nicht gefürchtet. Er hatte Pan sogar bereitwillig zu den anderen Menschen geführt.
Und dann hatte er seine Sense nach dem Musiker geschwungen.
Wie unverzeihlich!
Nur … Pan hatte trotz allem Mitleid mit dem Jungen. Mitleid wegen des Schmerzes, den er in dessen Augen gesehen hatte. Mitleid mit der Toten, welche so kalt und steif neben diesem gelegen hatte. Mitleid durch die anderen Menschen, die die Leiche so gleichgültig behandelt hatten.
Deswegen hatte er sie ja auch seinem Bann unterworfen. Deswegen hatte er die Bauern befragt, warum das Mädchen so einsam verstorben wäre. Deswegen hatte er einen Preis von jenen Bauern gefordert, die im Schutze dieses Hauses gewohnt hatten und alle anderen für sich schuften ließen!
Nun schufteten alle Menschen auf den Feldern. Pan hatte jedem das Haus verwehrt. Er hatte ihnen das Feuer verwehrt. Und obwohl sie das Brot formten und buken, so erhielt Pan es zuerst und verteilte nur jedes zehnte an die schwitzenden Bauern.
Den Rest verfütterte er an die Vögel.
Pan machte es sich auf einem großen Stein gemütlich, um etwas zu dösen. Noch würde er ihnen nicht auf seiner Flöte vorspielen müssen. Noch würde der Zauber seines Liedes anhalten. Noch könne er sich entspannen-
-ehe er seine Magie erneuern musste …
Pan fand sich in der Düsternis wieder. Er wusste nicht, ob er noch träumte oder wach war. Oder wie er gar hierhergekommen war! Er wusste ja nicht mal, warum er sich dort befand, wo auch immer dieses dort war!
Unruhig rieb er seine Arme. Er stockte. Tastete nach seiner Brust. Tastete nach den Gürteln. Nach der Flöte und den Beuteln, die sonst an seinem Oberkörper baumelten. Die allesamt nicht da waren! Er fühlte sich nackt ohne die Sachen. Verloren. Einsam.
Verärgert rieb er seine Augen.
Dann zuckte er zusammen. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn. Hatte er nicht gerade etwas gehört? Was war das? Es hatte zischend geklungen. Wie ein Atem?
„Wer ist da?!“, rief er aus.
Seine Stimme echote ihm entgegen. Dennoch sah Pan nichts. Die Düsternis umwob ihn. Jedoch keine Dunkelheit. Er konnte noch Schemen ausmachen. Blasse Schemen. Sie wirkten halb gelb und halb schwarz. Und sie waren ineinander verwaschen. Wie … Wolken, die abends den Himmel verdeckten!
„Warum sehe ich nichts?!“, murrend rieb Pan sich die Augen.
Nur verlor er dadurch jeglichen Kontrast, den er zuvor zu erahnen glaubte. Die Welt verschob sich in eine Mischung aus schwarz und schwarzgrau. Es war ein wirklich dunkles Grau. Eines, das sich nach und nach von dem Schwarz verschlucken ließ. Das seine Welt in eine mondlose Nacht verwandelte!
„Warum regst du dich so auf? Du willst doch nichts sehen?“
Die Frage ließ Pan aufschrecken. Er fand sich keuchend auf seinem Stein wieder. Sterne tanzten vor seinen Augen. Dann fing sich sein Blick allmählich wieder. Er konnte Farben erkennen. Formen. Tastete nach seinen Gürteln. Nach seiner Flöte! Sackte in sich zusammen …
Was … was war geschehen?
Schaudernd stand er auf und trat an die Fensterläden. Er blickte in den Himmel. Erkannte die Sonne am höchsten Punkt. An jenem Punkt, an dem er sie auch vor diesem schiefen Traum gesehen haben wollte.
Hatte er wirklich nur geschlafen?
„Es war ein Alptraum“, murmelte er schließlich und schüttelte sich, „Nicht weiter der Rede wert.“
Doch glaubte er sich selbst nicht.
