K: Ehrliche Realität

Die Wochen nach dem Angriff auf den Shanai über waren seine Gedanken vernebelt. Dafür sorgte seine Tante. Immerzu ließ sie ihm Räucherstäbchen bringen, welche betörende Düfte entfachten, sobald sie brannten. Gerüche, die ihn schwerfällig werden ließen. Die ihn seine Sorgen vergessen ließen.

Blinzelnd starrte Tristen auf das letzte abgebrannte Stäbchen. Es war bereits vor zwei Stunden erloschen. Dennoch hatte LaNa kein Neues angezündet. Sie hatte zuvor nur die anderen Macian rausgeschickt. Hatte darauf bestanden, dass sie TriSte’s Auxilius war. Dann hatte sie die neuen Stäbchen beiseite geräumt. Und seinen Vater, den Lyx, belügen lassen.

Denn laut ihr würde das nächste Räucherstäbchen bereits brennen.

„Warum?“, krächzte Tristen aus, als er endlich verstand, dass sie sich damit eigentlich des Hochverrats schuldig gemacht hatte.

„Der Angriff ist zwei Monate her. Wollt Ihr Euer ganzes Leben im Rauch Eurer Tante verlieren?“, wagte sie zu fragen.

Wut pochte durch Tristen, sobald er die Frage erkannte. Er wollte sich aufstemmen. Sie zurechtweisen! Nur konnte er sich kaum erheben. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Er fühlte sich wie eine Puppe, die auf die Gnade seiner Mitmenschen angewiesen war. Eine Puppe, die laut seinem Vater das letzte Blut der Floras ins sich trug …

Er spürte, wie Steffen sich anspannte. Wie er trauerte. Oder war er noch in Unglauben? Stets behauptete seine andere Seele, dass ihre Schwester noch leben müsse. Und obwohl Tristen ihm im Stillen glaubte, so konnte sein Verstand keinen Funken Wahrheit in dieser Hoffnung sehen.

Als er durch damals die Duria geschlüpft war, war Vali umzingelt gewesen. Ein riesiger Desson hatte sie zu Boden gedrückt. Seine Mutter war überwältigt worden. Es hatte keinen Ausweg gegeben!

Beide mussten gestorben sein …

Erschöpft fielen ihm die Augen zu. Ein Zittern rann durch seinen Körper, als die Bilder in seinem Geist wieder zum Leben erwachten. Er dachte daran zurück, wie er Vali das letzte Mal gesehen hatte. Wie sie mit ihrer Kontrolle gerungen hatte. Wie sie zu ihrem Abschied nicht geweint hatte, obwohl sie vor Schmerz gezittert hatte. Wie sie sich deswegen an die Hand ihrer Mutter geklammert hatte. Wie ihre Spielkameradin sie zu trösten versucht hatte …

LaVi’s Körper konnte nach dem Massaker wenigstens geborgen werden. Sie und so viele andere Macianleichen waren gefunden worden. Sie hatten die Tunnel des Stützpunktes verziert. Mit faustgroßen Löchern in ihren Körpern. Laut den ausgesandten Macian wäre es ein Bild des Grauens gewesen …

Angestrengt blickte er zu LaNa. Zu seiner Auxilius. Zu LaVi’s Mutter. Jene Frau, die gelogen hatte, damit er wieder seine Gedanken hören konnte und nun mit der Wahrheit gefoltert werden würde. Die es gewagt hatte, ihm eine Frage zu stellen!

Und deren Blick von Trauer gekennzeichnet war.

„Wie … du … Wie schaffst-“, er brach ab. Die Worte kamen zu schwerfällig. Zu unsinnig.

Was hatte Tristen fragen wollen?

„Ich habe eine Aufgabe: Euch“, entgegnete LaNa dennoch, „Und Euch werde ich beschützen. Vor den Hushen ebenso wie vor den Macian oder Euch selbst. Denn Ihr müsst anfangen, die Realität zu verarbeiten. Das müssen wir alle“, die letzten Worte sprach sie leiser, sehr viel leiser.

Erneut schloss Tristen die Augen. Er konnte das Gehörte kaum verarbeiten. Es erklang zu schnell. Zu … Zu …

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, waren seine Gedanken klarer. Er spürte, dass sein Körper sich leichter anfühlte. Als wäre er nochmal eingeschlafen. Als wäre der Geruch nun weiter verflogen. Und wenn er nach dem Essenstablett auf dem Tisch ging …

War sein Gespräch mit LaNa bereits fünf Stunden her?

„Guten Abend“, grüßte sie ihn, als er sich schwerfällig aufsetzte.

„Abend?“, das Wort kratzte zwar im Hals, kam ihm jedoch leichter über die Lippen, als seine Sprechversuche von zuvor.

„Genau. Ihr seid noch einmal eingeschlafen“, LaNa legte zwei Stäbchen neben das Tablett auf den Tisch, „Die hier hätten über die Zeitspanne eigentlich abbrennen müssen. Bitte verzeiht mein Eingreifen, doch glaube ich nicht, dass Ihr darauf vertrauen solltet. Zumindest nicht in diesem Ausmaß.“

Sobald Tristen die Stäbchen sah, wollte er sie anzünden. Seine Finger zuckten bereits in die Richtung der dünnen Dinger. Er spürte, wie er ein paar Funken dafür heraufbeschwören wollte. Eine winzige Flamme, die er nur bräuchte, um sie anzuzünden und ihm den Seelenfrieden zu schenken, der ihm so sehr fehlte.

Was… Was ist los?

Steffens müde Stimme stoppte ihn. Er hielt inne. Ein ungewohntes Gefühl schlich sich an ihn an. Was war das? Panik? Angst? Weil er seine andere Seele nicht durch die Duria gelassen hatte? Weil er seinen Vater nicht korrigieren konnte, als dieser Vali für Tod deklarierte? Weil er damit Steffens Missmut geschürt hatte?

Weil deswegen ihre Magie wankte?

Wenn sie nun wieder wanken würde, würde man LaNa dafür verantwortlich machen. Weil sie die Räucherstäbchen nicht angezündet hatte …

Sein Blick fiel auf die andere Macian. Jene, die seit seiner Abreise vom Shanai stets an seiner Seite geblieben war. Die seiner Mutter geschworen hatte, dass sie auf Tristen und Steffen aufpassen würde. Die als erste reagiert hatte, als er den Überfall am Shanai bemerkt hatte …

Tristen? Was-

Vater hat Vali und Mutter für Tod erklärt und ist nun Vorsitzender des Generalstabs, bis wir verheiratet sind oder gar eine Tochter haben, fasste er zügig zusammen.

Aber Vali ist nicht tot! Ich wüsste es! Ich-

Steffen! Ruhiger!, Tristen zitterte, als er die Magie in sich aufsteigen spürte, Bitte. Nur dieses eine Mal. LaNa … LaNa hat Recht. Wir müssen uns wieder fangen. Und das geht nicht, wenn wir uns bei jeder Gelegenheit streiten. Bitte.

Die Stille, die ihm entgegenschlug, behagte ihn zwar nicht, dennoch nahm Tristen sie an. Es war ein Anfang.

Und einen Anfang brauchten sie.

Wir können die derzeitige Lage nicht ändern. Nicht ohne Vali. Solange du sie also nicht spürst oder gar finden kannst, stecken wir fest. Wir … Wir müssen sie so lange als tot ansehen. Um die anderen Macian nicht zu gefährden.

Widerwillige Zustimmung schlug ihm entgegen. Es war ein Gefühl, mit dem er nicht gerechnet hatte. Eines, das ihn im Herzen erleichterte. Denn so konnte er wenigstens seine eigene Balance schützen.

So konnte er die Hoffnung behalten.

Er starrte auf die Räucherstäbchen, die LaNa auf dem Tisch gesammelt hatte. Zwei Stück. Und es mussten noch mehr werden. Denn noch waren seine Arme zu träge. Seine Gedanken zu langsam. Sein Verstand zu benebelt.

Und dennoch wollte er sie anzünden.

„Behalte eines bei dir und zerstöre den Rest“, flüsterte Tristen seiner Auxilius zu, „Für den Notfall.“

„Wie Ihr wünscht“, bestätigte die Macian und sammelte beide wieder ein.

Tristen ballte die Hände zu Fäusten, um sich nicht danach zu strecken. Er durfte nicht. Er brauchte Klarheit. Keine Hilfe beim Vergessen.

Das wäre unfair Vali gegenüber …

Stumm horchte er in sich hinein. Er tastete nach Steffen. Spürte, dass dieser mehr Fragen als Antworten hatte. Dass er aber auch noch die Ereignisse der letzten Wochen zu ordnen schien. Dass er überlegte, wie viele Macian zum Shanai entsandt worden waren. Wie es um mögliche Überlebende stand. Wie um die Generäle.

„Gibt es Neuigkeiten? Vom Shanai?“, zwang er für seine andere Seele heraus und spürte, wie Steffen sich nach vorne schob, als würde er sich vorlehnen.

„Die Bodentruppen der Hushen wurden ausgelöscht. General TaJu hat sich persönlich um die Beseitigung der Monster gekümmert“, berichtete LaNa.

„Und … Überlebende?“, das Wort schmeckte bitter in Tristens Mund.

„Nur die, die während des … Massakers nicht im Stützpunkt waren. Doch sind das gerade Mal zwei Dutzend“, ihre Stimme zitterte leicht, „Der Rest … Alle anderen sind tot. Es waren nur … DaMo ist vor drei Wochen angereist und hat um eine Audienz bei Euch gebeten, aber der Lyx hat ihn abgewiesen. Weil DaMo nicht da war, um unsere geliebte Floris zu beschützen. Er …“

„Wurde er verbannt?“, fragte Tristen direkt, als er sich an den gutmütigen Macian erinnerte, der gemeinsam mit JuNi seine Mutter beschützt hatte. Er hatte einst auch auf TriSte aufgepasst. Hatte ihn sogar beruhigt, während seine Mutter Vali entbunden hatte. Hatte ihn mit Witzen abgelenkt. War ihm jedoch sonst immer stets mit Ehrlichkeit begegnet …

Und Ehrlichkeit bekam er als Radix nur selten von den anderen Macian zu spüren. Deswegen hatte er den Mann ja auch so gemocht …

„Er ist nach Kriegsheim gereist, um dort als Namenloser zu dienen. Weil JuNi’s Schwester dort stationiert ist. Jedoch hat er mich gebeten, gut auf Euch Acht zu geben. Und Euch zu helfen, Euch selbst wiederzufinden. Ihr … Ihr seid der letzte Flora“, flüsterte LaNa.

 Die Worte schmerzten. Denn sie bewiesen, dass seine Auxilius nicht mehr daran glaubte, Vali je wiederzusehen. Dass sie die Calyx für tot hielt …

Obwohl niemand ihren Körper gefunden hatte.

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