
Das ist so langweilig, murrte Steffen, als sie von ihrem Vater, dem Lyx, zu den Familienstammbäumen anderer Macian belehrt wurden, Ich mag das nicht. Zu viele Leute, die alle irgendwie irgendwas untereinander am Laufen hatten …
Nun, es ist gänzlich egal, ob wir es mögen. Wir brauchen es. Für Vali, entgegnete Tristen.
Damit gab sich seine andere Seele mürrisch den Erklärungen ihres Vaters hin. Sie sollten sich alles merken. Dabei interessierte es ihren Vater nicht, ob TriSte die Leute bereits kannte oder die Lektionen schon bei seiner Mutter hatte.
Denn was die Floris ihm beigebracht hatte, war dem Lyx stets ein Dorn im Auge.
„Hörst du zu?“, fragte sein Vater schroff.
„Ja. Von den Generälen ist General ALi als nächstes mit uns verwandt. Über den Bruder seines Vaters. Danach gebühren General MaDo und General JoGre die Ehre. Doch ist es bei Letzterem über fünf Generationen zurückzuverfolgen“, gab er die Lektion wider.
Mama hat noch einen vielversprechenden Kandidaten aus Atlana genannt, erinnerst du dich? Diesem Macianort, der sich als Stützpunkt behaupten wollte und seither über ToBi und AJo auf der Warteliste steht.
Klar. Lass uns die Liste eigenhändig erweitern. Weil Vater das auch überhaupt nicht reizen wird, oder Steffen?
Wenigstens hatte seine andere Seele den Verstand, still zu bleiben. Sie wussten beide, dass ihr Vater sich von solchen Worten nur angegriffen fühlen würde. Es war ein nerviges Übel, um das TriSte tanzen musste, seitdem der Mann ihn zurück nach Gallahain gezerrt hatte.
Dabei hatte TriSte nur bei seiner Schwester bleiben wollen …
Was macht sie?
Obwohl er Steffen keinen Namen nannte, so wusste dieser sofort, wonach sich Tristen erkundigte. Er spürte, wie sich seine andere Seele etwas von ihm löste. Wie sie in den zerbrochenen Anhänger an seinem Hals zu sickern schien. Ein Vorgehen, das sie beide stets nutzen konnten, um durch die Augen ihrer Schwester zu sehen.
Um die Welt dank der Duria aus ihren Augen zu erblicken.
Sie und Mama waren eben bei der Quelle, berichtete er, als er kurz darauf zurückkehrte, Sie suchen wohl einen Weg, das Heilwasser erneut fließen zu lassen. Vali hat sich dabei so unsicher angefühlt. Ich glaube, sie braucht uns … Wir sollten nicht hier sein! Wir sollten bei ihr sein. Wir sollten helfen!
Tristen stimmte Steffen sofort zu. Am liebsten würde er seine Sachen packen und sich aus dem Staub machen. Doch waren die Regeln eindeutig: Er hatte bei dem Lyx zu bleiben. Bis er als volljährig galt oder Vali ihn zu sich rufen konnte.
Und das würde noch einige Jahre dauern.
Wir kommen hier nicht weg, ohne für noch mehr Probleme zu sorgen, bemerkte er, während sein Vater erneut von den Generälen sprach – diesmal von jenen, die ein Element gemeistert und ihre Posten nicht vererbt bekommen hatten.
Es muss doch einen Weg geben. Irgendeinen! Und wenn wir Tante fragen?
Generälin LiJu?, Tristen unterdrückte ein Schnauben, Ich weiß nicht. Mutter meinte, dass wir ihr nicht leicht trauen sollten. Außerdem hatte sie Vali vermählen wollen! Ihr schickes Lächeln wirkt seither nicht mehr echt …
Ich mein ja-
Fremde Angst überrollte ihn.
Verwirrt blinzelte TriSte. Er blickte auf seine Hände. Sah sie zittern. Sah, wie sein Vater fort sah. Erkannte, dass dieser zu sehr in seinem Vortrag gefangen war. Stattdessen löste sich ein Schatten von der Wand. LaNa. Seine Auxilius trat an ihn heran. Sie ignorierte die wütenden Worte vom Lyx, während sie sich über TriSte beugte. Während sie seine Stirn abtastete.
„Radix? Was ist?“
Nun schien auch sein Vater zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Doch blendete Tristen ihn aus. Er wusste ja selbst nicht-
VALI!, erklang es von Steffen.
Angestrengt deutete Tristen auf seinen Anhänger. Auf die Duria. Er musste sich zusammenreißen. Durfte seine Kontrolle nicht verlieren. Nicht, während von Steffen bereits pure Panik ausging und dieser nur zu Vali wollte!
Nein! Du bist zu aufgebracht. Ich mach das!, hielt er diesen zurück.
Es dauerte einen Moment, ehe Steffen zustimmte. Ein kostbarer Moment. Aber einer, in welchem ihm klargeworden sein musste, dass Tristen ihn nicht durch die Duria reisen lassen würde.
Nicht, wenn er ihrer Schwester so noch mehr Schmerzen zufügen konnte!
Tristens Blick verschwamm, als er durch den Anhänger glitt. Er sah durch die Augen seiner Schwester. Spürte, wie sie rannte. Wie ihr Atem viel zu schnell entglitt. Erkannte, dass ihre Mutter sie antrieb. Dass da auch einer ihrer Auxilius war. JuNi. Stimmt. Der andere musste noch unterwegs sein, oder? Er-
„Dort rein“, unterbrach JuNi seine Überlegungen.
„Sollten wir nicht-“
„Floris, bitte. Wir behandeln es wie eine Übung, in Ordnung?“
Er deutete dabei in Tristens Richtung. Doch meinte er damit nicht den Jungen. Sondern Vali und ihre anderen Seelen. TriSte‘s Schwester, die gewiss immer noch angeschlagen war. Deren Magien ein Eigenleben in sich trugen …
„Mama?“, hörte er sich unschlüssig fragen.
„Komm schon … Alles gut. Nur eine Übung“, bestätigte ihre Mutter.
Obwohl Tristen den Worten nicht glaubte, so sandte er sein Vertrauen an Vali. Er musste. Damit sie sich fing. Damit sie nicht die Kontrolle verlor. Das konnte verheerend enden. Immerhin trug sie zu viele Gegensätze in sich. Sie brauchte-
„Mama? Uns passiert doch nichts, oder? Das ist wirklich nur eine Übung, ja? Nur eine kurze Übung“, ihre Stimme zitterte.
„Ja, doch. Und selbst wenn: Julian ist draußen und passt auf uns auf. Keine Sorge“, entgegnete die Floris.
Für einen Augenblick stockte Tristen. Es klang immer etwas komisch für ihn, wenn seine Mutter so vertraut über den Auxilius sprach. Seine Gedanken blieben daran hängen. Hämmerten. Pochten!
Nein. Das war nicht nur in seinem Kopf! Das war echtes Donnern. Und Kindergeschrei! Dann Fluchen. Da war jemand! Jemand stand direkt vor der Tür. Jemand hatte es auf seine Mutter und Vali abgesehen! Er musste zurück und die anderen Macian warnen! Er musste-
Die Tür wurde so rasant aufgeknallt, dass Tristen erstarrte.
„Lange nicht gesehen, Halina Marissa“, grüßte ein Hushen.
Tristen schluckte. Er konnte nicht mehr weg. Er wollte bei Vali bleiben. Wollte sie eigentlich beschützen. Ihr Ruhe senden! Nur umklammerte die Panik bereits seine eigene Seele …
Das war der verrückte Otou-san der Hushen. Dieser LR. Dieses Monster!
„Julian“, flüsterte seine Schwester so gebrochen, dass es ihn selbst zerriss.
Tristen blendete die Worte seiner Mutter aus. Er konzentrierte sich einzig auf Vali. Tastete nach ihren anderen Seelen. Er teilte seine Wärme mit ihnen. Seine Zuversicht. Seinen Glauben an sie. Er musste. Das war seine einzige Chance, sie vor sich selbst zu bewahren. Ihre Magien zu beruhigen. Die restlichen Macian des Stützpunktes zu beschützen.
Bis diese ihr endlich zu Hilfe eilen konnten!
„Ich bin nicht hier, um mit dir zu verhandeln“, drangen die Worte des Hushen plötzlich zu ihm durch, als dieser sich an Vali wandte, „Calyx! Wie viele willst du noch sterben sehen? Glaubst du, dass euereins je sicher ist? Nur weil ihr euch unter der Erde versteckt? Wäre es nicht angenehmer, sich einfach zu ergeben?“
„Was fällt dir eigentlich ein?!“
Schaudernd beobachtete Tristen, wie seine Mutter kämpfte. Wie sie sich kaum zur Wehr setzen konnte. Wie der Hushen nur mit ihr spielte!
Eilig legte er sich wie eine Decke um Valis Gedanken. Er musste sie davor abschirmen. Egal, was passierte. Er musste seine Schwester beschützen! Er musst-
Etwas Schweres legte sich auf ihre Schulter. Eine Tatze. Er erkannte Streifen darauf. Dann drückte sie Vali zu Boden. Sie-
Keuchend riss Tristen die Augen auf. Er zitterte am ganzen Körper. Spürte, wie Steffen in ihm tobte. Wie ihm seine Magie entglitt und man ihn wohl bald ruhig stellen musste, damit er nicht die Kontrolle verlor!
„Wartet!“, befahl er LaNa angestrengt, „Leute. Schickt alle verfügbaren Macian zum Shanai. Sie wurden angegriffen. Vali … Der Desson hat ihre Duria durchschnitten. Sie brauchen Hilfe. Sie-“
Ein Schrei ließ ihn zusammenfahren. Doch hatte nur Tristen ihn gehört.
ICH HÄTTE DURCH DIE DURIA GEMUSST! ICH HÄTTE-!
RUHE! WIR MÜSSEN ERST HILFE SCHICKEN!, fuhr Tristen diesen an und schlug dabei mit der Faust gegen sein eigenes Bein, Danach … Danach kannst du mich anbrüllen so viel du willst, ja? Aber erst, wenn sie Bescheid wissen!
Das brachte Steffen zum Schweigen.
„Hushen. LR war dabei. JuNi ist tot. Sie brauchen Hilfe. Mutter musste kämpfen. Ein Desson hat Vali angegriffen. Sie … Sie lebt noch. Das weiß ich“, er wies auf seine Hälfte der Duria, die immer noch leuchtete, „Aber sie brauchen Hilfe. Schnelle Hilfe.“
Eilig nickte LaNa und rannte hinaus. Sein Vater blieb jedoch wie erstarrt vor ihm sitzen. Er wirkte nicht beunruhigt. Nicht in Sorge. Eher …
Was war das?
„JuNi ist tot?“, fragte er vorsichtig.
„Ja“, Tristen teilte seine Einblicke mit Steffen, um diesen zu beschäftigen, „Er hat beide beschützt und-“
„Und endlich sein schändliches Angesicht ausgelöscht. Danke für die guten Neuigkeiten, mein Junge.“
Ehe sich Tristen ein Reim aus dem Gesagten machen konnte, begann Steffen mit seinen Vorwürfen.
Tristen hätte mehr tun müssen, um ihre Schwester zu schützen.
