Märchenstunde: Der neue Pakt I

Liber erschauderte, als er das Meer erblickte. Er war endlich am Hafen. Bei den schwankenden Booten und singenden Möwen. Er spürte, wie die Leute ihn beobachteten. Nicht nur der Diener, der ihm hierher gefolgt war. Auch die Fischer und Dorfleute. Immerhin war er derjenige, der er als Nachfahre Gioves gepriesen wurde. Er war derjenige, den sie als ihren König besingen wollten. Er war einer der drei Überlebenden seiner Linie …

Vor drei Jahren hatte er seine Reise zum Manne an diesem Hafen angetreten. Er hatte sich in ein kleines Segelboot gesetzt und die Insel umrundet. Er hatte Bellona getroffen. Und er hatte als erster seit Salacia ihren Test bestanden. Für seither hatte sie ihn nicht nur durch ihre Meere ziehen lassen – sie hatte sogar seine Boote in den Stürmen beschützt. Doch hatte diese friedliche Geste seine Cousins übereifrig werden lassen. Sechs von ihnen hatten darauf bestanden, dass der „dumme Liber“ nicht besser sein könne, als sie selbst. Sie hatten sich am Hafen verabredet. Hatten sich Boote von den Fischern gestohlen. Hatten die Insel eigenständig umfahren wollen. Hatten daraus sogar ein unbedachtes Wettrennen veranstaltet!

Keiner von ihnen überlebte Bellonas Prüfung. 

Nur Cleon und Helene, die jüngsten Kinder ihrer Familie, waren nicht mit diesen Narren in den Untergang gesegelt. Sie waren gerade mal acht Jahre alt gewesen. Dennoch hatte ihre Großmutter Salacia erklärt, dass auch sie eine Strafe ereilen müsste. Libers Cousine wäre daher fortan mit ihm verlobt. Und ihr Bruder müsse seinen Eltern entrissen werden und als Libers Schützling gelten. Sie sollten als Libers Eigentum gelistet werden. Eigentum, dem es verboten war, den Hafen zu besuchen oder auch nur den Familiensitz ohne Libers Erlaubnis zu verlassen. 

Es war, als hätte Salacia den zweiten Untergang vorhergesehen. 

Über die nächsten Wochen brach eine Seuche im Hafen aus. Anfangs hielt man sie für ungefährlich, da die Dorfleute nur einen kleinen Husten davontrugen. Doch wenn sich jemand aus Libers Familie damit infizierte, war er nach wenigen Stunden tot. Einzig Salacia litt länger. Es war, als würde die Seuche sie dazu verdammen wollen, das Sterben ihrer Kinder zu beobachten. Den Schreien ihrer Familie zu lauschen. In ihrer eigenen Verzweiflung zu ertrinken. 

Bis sie vor wenigen Stunden endlich die Augen schließen konnte.

„Liber, ehm … Kapitän?“, riss ihn der Diener aus seinen Gedanken. 

Liber hatte verboten, ihn König oder Prinz zu nennen. Das fühlte sich nicht richtig an. Vor allem, da er nur der Älteste seiner Familie war, nachdem die anderen verstorben waren. Derzeit versuchten sich die Dorfleute und Bediensteten daher an den unterschiedlichsten Titeln. 

Titel, die Liber kaum kümmern konnten, solange sie ihm nicht zum Verhängnis wurden. 

„Ich nehme ein kleines Segelboot und fahre allein hinaus. Gebt meiner Frau Bescheid, dass ich zum Abendessen zurück sein werde“, befahl er. 

„Aber … Eure- Sie wird außer sich sein vor Sorge. Sie-“

„Deswegen sagst du ihr auch nicht, wo ich hingehe“, verkündete Liber und drückte einem vorbeilaufenden Fischer einen Goldtaler in die Hand.

Verstehend verneigte sich dieser und deutete eilig auf sein Boot. Es war klein. Abgenutzt. Etwas dreckig.

Und perfekt für den kurzen Ausflug. 

„Kapitän, Ihr-“

„Helene ist sehr ängstlich seit dem Tod ihrer Eltern. Sorgt dafür, dass Cleon bei ihr bleibt“, bemerkte Liber, ohne den Diener anzusehen. 

Er wollte nicht, dass man ihm seine eigenen Sorgen ansah. Seine Furcht, dass er es nicht schaffen könnte …

Dabei hatte Salacia all ihre Zuversicht in ihn gesetzt.

„Wie Ihr wünscht“, murmelte der Diener viel zu leise.

Erst als die Geräusche des Hafens von den Möwen und dem Meeresrauschen ausgedröhnt wurden, erlaubte Liber es sich, zurückzuschauen. Er beobachte das Treiben am Hafen. Ein gewohnter Anblick. Nein. Er war mehr als das. Er war ihm vertraut. Er war sein Zuhause.

Seufzend kontrollierte Liber den Kurs. Er peilte die nächsten Klippen an. Eine stille Ecke, die vom Festland aus nicht mehr zu sehen war. Hier würde er seine Gesprächspartnerin finden.

Hoffte er …

Erschöpft schüttelte er den Kopf. Er dachte an seine Großmutter. Salacia. Er war bei ihr gewesen, als sie gestorben war. Er war als einziger das Risiko eingegangen, sich bei ihr anzustecken. Lieber hatte er ihre Hand gehalten. Er hatte ihr zugehört, wie sie seine sicheren Überfahrten pries. Wie sie jedoch auch diese sicheren Überfahrten als Auslöser von Bellonas Zorn sah. 

Nur deswegen wären seine Cousins so unbedacht gewesen und hätten Bellona herausgefordert. Sie hatten den alten Pakt ins Wanken gebracht. Deswegen musste ihre Familie den Preis zahlen. Und wenn alle tot waren, die nicht direkt unter Liber standen-

-dann müsste er mit Bellona einen neuen verhandeln. 

Er legte sich hin und starrte in den Himmel. Schloss die Augen. Dachte an Cleon und Helene. Cleon hatte ihn anfangs verflucht. Warum sollten er und seine Schwester in Libers Obhut gegeben werden? Damals lebten ihre Eltern ja noch! Sie hatten zahlreiche Onkel und Tanten gehabt. Cleon hatte Liber ins Gesicht gespukt, als Salacia Helenes Vermählung bekanntgegeben hatte. Dabei hatte ihre Großmutter die Geschwister wie Gegenstände behandelt. Sie hatte gemeint, dass beide keine Rechte mehr besäßen. Dass sie und Cleon fortan als Libers Eigentum galten. Dass sie vielleicht nicht an dem Wettrennen teilgenommen hatten, dass sie es jedoch auch keinem Erwachsenen erzählt hätten. Dass sie den Generationspreis fordere, weil ihr älterer Bruder die Idee gehabt haben sollte …

Liber hatte den Worten still widersprochen, als er endlich mit Salacia allein gewesen war. Er hatte sie darum gebeten, ihre Meinung zu ändern. Es war ihm zuwider, seine eigenen Familienmitglieder unterstellt zu bekommen. Sie waren doch keine Sklaven!

Erst an ihrem Totenbett hatte er verstanden, warum sie eine so unmenschliche Entscheidung getroffen hatte. 

„Nur so konnten sie Bellonas Zorn überleben.“

Ein ersticktes Lachen entkam ihm, als ihn bewusst wurde, dass Salacia sich stets um alle gesorgt hatte. Dabei hatte er sich als Kind so sehr vor ihr gefürchtet …

„Was ist so lustig?“

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