K: Die Gäste I

Linda Zarina starrte die Neuankömmlinge mit großen Augen an. Ein Mann und eine Frau. Beide Hushen. Beide mit diesen weiten Anziehsachen. Die, mit den breiten Ärmeln. Und den komischen Kreisen über der Brust. Ihre Schuhe klackten leise durch den dunklen Flur. Doch ihre Vertrauten bewegten sich fast lautlos: Ein weißes Schwanenwesen und ein orangenes Fuchswesen. Ersteres wirkte teilnahmslos. Doch letzteres …

Als die Gäste in ihrer Unterkunft verschwanden, begegneten Linda dem Blick des Fuchses. Linda lächelte ihn an. Winkte zaghaft. So zaghaft, wie Zarina es in ihrer üblichen Unruhe zulassen würde.

Kurz darauf war er verschwunden.

Sie ließ die Hand sinken. Hatte sie es sich nur eingebildet oder hatte der Desson ihr Lächeln erwidert? Oder war das eher ein Grinsen gewesen? Oder-

Sein Fell sah so schön weich aus …, Zarina klang verliebt.

Sein Fell?

Ja! Es sah genauso kuschelig aus, wie das dieser Yuki. Der Desson unserer Floris. Der Weiße, der-

Ich weiß, wen du meinst!, unterbrach Linda ihren Monolog.

Dennoch kam sie nicht umhin, sich ein Bild des Fuchsdessons in Erinnerung zu rufen. Sein Fell hatte wirklich weich ausgesehen … Ob viele Desson eigentlich ein weiches Fell hatten? Sie hatte früher immer gedacht, dass diese Wesen doch borstig wären. Struppig. Kratzig.

Nie weich.

„Du solltest keine Wurzeln im Gang schlagen“, murmelte der Auxilius der Floris.

„Ehm. Ja. Entschuldigung!“, rief Linda fast aus. Sie hatte den großen Macian komplett übersehen. Er war so riesig und dennoch hatte er etwas Unscheinbares an sich. Es war, als könne er mit seiner Umgebung verschmelzen. Ganz so, wie man es von ihr auch als Schülerin der Floris erwarten würde, oder?

„Mama?“, fragte sie, sobald sie die Tür geschlossen hatte.

„Was ist?“, ihre Mutter blickte nicht auf, während sie CiLu dabei half, ein paar Drähte in Ringe zu verformen und miteinander zu verknoten. Die andere Macian war mit dieser Idee zu ihnen gekommen. Sie hatte gemeint, dass es helfen würde, die Langeweile unter der Erde zu vertreiben. Außerdem wollte sie diese Kettenstoffe zur Sicherheit anfertigen. Falls es Probleme gäbe.

Linda wusste nicht ganz, ob sich die Rothaarige mit dem letzten Punkt auf die Hushen oder auf ihren eigenen Vater bezogen hatte. Aber sie wusste, dass ihre Mama sehr über General ALi geschimpft hatte.

„Wann darf ich rüber, Mama?“, fragte Linda direkt.

„Rüber? Ach, du meinst raus, oder?“, korrigierte ihre Mutter und verbog geistesabwesend den nächsten Draht zwischen ihren Fingern, „Vorerst noch nicht. Wir sollten noch warten, ob die Floris-“

„Nein. Ich meinte nicht raus. Ich meine rüber“, stellte Linda klar.

Nun blickte die Frau auf. Selbst CiLu, die mit ihrem Projekt verschmolzen schien, blinzelte LiZa überrascht an. Sie schüttelten beide die Köpfe. Schauten sich an. Hoben die Augenbrauen. Wirkten so unschlüssig!

„Meinst du zu Generälin VaVi’s Schützlingen?“, fragte CiLu vorsichtig.

„Nein“, so langsam wurde es Linda zu bunt, „Zu den Gästen. Zu den Hushen und Desson!“

Ich glaube, Mama möchte das nicht …, gab Zarina leise von sich.

Aber sie sind die Gäste der Floris! Sie können nicht böse sein, oder? Genau wie Trish!

Ja, aber trotzdem lässt die Floris ja ihren Auxilius draußen Wache schieben. Vielleicht traut sie ihnen doch nicht?

Vielleicht traut sie Leuten wie ihrem Vater nicht? Du weißt schon. Dem, der Mama fast hingerichtet hat!

Linda!

Zarinas Angst durchflutete sie so abrupt, dass ihre Hände kribbelten. Funken stoben auf. Funken, die sie eilig fort rieb. Sie musste sich konzentrieren! Vor allem, da ihre eigene Mutter auch mit ihrer Magie zu kämpfen schien …

Wo sonst kam die dicke Luft her?

„Linda … Ich glaube nicht, dass du dort rüber solltest. Sie sind … Ich meine-“

„Die Floris hat sie auf demselben Stockwerk wie uns unterbringen lassen. Dann müssen wir doch auch hallo sagen dürfen, oder?“

„Das sind keine Macian. Keine … Wenn wir sonst neue Nachbarn hatten, ja, dann gehört es sich, hallo zu sagen. Sich grob kennenzulernen. Um zu wissen, wo welche Magien herkommen. Um sicherzugehen- Ja. Aber nicht … Ich meine-“, hilfesuchend wank sie nach CiLu.

„Grundgütiger! Halt mich da bitte raus. Ich habe keine Ahnung, was im Kopf der Floris vor sich geht!“, blockte diese lieber ab.

„Ja, aber-“, LiZa’s Mutter wank unschlüssig mit den Händen.

„Hat sie dir nicht gesagt, wann wir unsere Gäste kennenlernen können? Ich möchte vor allem den Desson hallo sagen!“, warf Linda ein.

Und ihn streicheln?, fragte Zarina hoffnungsvoll.

Nur, wenn wir dürfen. Ja?

Na gut …

Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mutter und CiLu. Die Rothaarige schien sich auch wieder gefasst zu haben. Ob das daran lag, dass sie zuvor so viel mit den Hutan zu tun hatte? Vielleicht war sie deswegen den Hushen gegenüber offener eingestellt? Genauso wie sie, nachdem sie mit Trish gespielt hatte.

Und nachdem sie diese Yuki streicheln durfte …

„Warum … möchtest du sie treffen? Also, die Desson?“, fragte CiLu vorsichtig.

„Sein Fell sah so weich aus! Also, das von dem Fuchswesen! Und vielleicht sind die Federn von dem anderen Desson ja auch ganz flauschig? Ob ich sie einmal streicheln dürfte?“, fragte Linda aufgeregt und schlug die Hände zusammen, „Bitte!“

„Du willst diese … Viecher streicheln?!“, ihre Mutter kreischte fast.

„Es sind keine Viecher. Also, glaub ich zumindest. Sie sind so wie Yuki. Und ich möchte wissen, ob sie genauso lieb sind, wie diese. Nicht wie-“, sie erinnerte sich an das Katzenwesen, das sie einst töten wollte. Seine Augen … Sie hatten so teuflisch gewirkt!

Aber waren sie immer teuflisch? Oder hatte das Wesen einfach so aussehen wollen? Bei Zarina hatte sich der Blick ins Gedächtnis gebrannt. Sie war total verängstigt davon gewesen. Deswegen hatten sie kaum durchschlafen können! Als sie dann jedoch Yuki getroffen hatte – Zarina war so davon überzeugt gewesen, dass der Desson nur eine verlogene Maske aufsetzte! Nur Lindas Zweifel hatten ihre Welt ins Wanken gebracht.

Sie hatten das Kind vor den Spiegel getrieben. Dort hatte sie versucht, zu lächeln. Böse auszusehen. Überrascht. Albern. Wütend. Gruselig! Einfach, um zu schauen, wie sie auf andere wirken konnte. Um sich klar zu werden, ob die Mimik eines Augenblickes wirklich so viel Bedeutung besaß.

„Linda, du solltest diesen Wesen nicht trauen, nur weil sie weiches Fell haben. Die Desson können ihre finstersten Gesichter dahinter verbergen. Sie können-“

„Sie können böse sein. Ja. Aber sie können auch lieb sein, oder?“

„Linda …“, ihre Mutter runzelte die Stirn, „Ich glaube nicht, dass du zu ihnen rüber solltest. Du-“, sie schüttelte den Kopf und wandte sich an CiLu, „Lässt du uns allein? Bitte?“

„Um alles in der Welt!“, die andere Macian floh regelrecht aus ihren Räumen.

„Aber Mama-“

„Linda. Bitte. Ich weiß, dass die Floris möchte, dass wir alle miteinander auskommen. Nur kann ich den Leuten da drüben nicht vertrauen. Noch nicht. Ich … Bitte. Ich möchte nicht, dass du möglicherweise von ihnen verletzt wirst, nur weil du ihnen mit zu viel Freundlichkeit begegnest. Diese Trish oder TC oder wie sie auch heißt? Gerne. Solange ich und die Floris dabei sind. Ja. Aber die Leute von nebenan?“, ihre Mutter senkte die Stimme, „Bitte nicht, Linda. Das sind erfahrene Hushen. Sie haben bestimmt schon mehrere Kämpfe hinter sich. Sie- Sie würden dich, ohne zu zögern, ins Verderben stürzen …“

Obwohl Linda nickte, glaubte sie nicht daran. Sie konnte nicht. Sie gab es nur nach Außen hin vor, damit sich ihre Mama entspannte. Damit sie sich nicht mehr sorgte. Damit sich die Feuchtigkeit aus der Luft legte.

Dann müssen wir eben allein rüber. Wann wollen wir los?, fragte sie Zarina.

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