
Das erste Steinchen prallte gegen den Fensterrahmen. Das zweite traf allerdings die Glasscheibe. Ehe sie das dritte werfen konnte, tauchte Olivers verschlafene Gestalt dahinter auf.
Erleichtert wank Liane ihrem Freund zu. Sie deutete zur Haustür. Dann eilte sie auch schon um das Haus herum und wartete ungeduldig darauf, dass er ihr öffnete.
„Es ist noch nicht mal um fünf“, murmelte Oliver, als er ihr öffnete.
„Ich weiß. Es ist wichtig. Und- Entschuldige für die Steinchen. Ich bin vorhin ohne Handy los. Ist ziemlich verrückt und- Ich brauche deine Hilfe“, sie fühlte sich atemlos an.
Atemlos, aber entschlossen.
Sie hatte noch fast eine Stunde recherchiert, ehe sie aufgebrochen war. Dabei war sie darüber gestoßen, dass Lucas nach Liliths Verschwinden oder Ableben das einzige Kind von David und Abigail Bach blieb. Darüber hinaus hatte er, ganz zum Verdruss seiner Eltern, nur eine Tochter bekommen. Eine Tochter, die den Familiennamen nicht weiter fortführen konnte und die er Lilith taufen ließ.
Nach seiner toten Schwester.
„Du siehst ziemlich durch den Wind aus“, murmelte Oliver, als sie sich nach seinen Eltern umsah.
„Glaubst du an Wiedergeburten?“, fragte sie, sobald sie niemanden fand.
„Bitte?“
„Wiedergeburten. Reinkarnationen. Irgendwie so etwas halt. Also, wenn es so etwas ist. Ich kann nicht-“, sie schüttelte sich, „Ich weiß, es wird sich gleich mega verrückt anhören und vielleicht hältst du mich auch für geisteskrank, aber nichts sonst macht Sinn!“
Sie riss die Hände hoch. Hielt sich den Mund zu. Lauschte.
Stille.
Gut. Es wäre weniger hilfreich, wenn sie Olivers Eltern in die Sache hineinziehen würde. Also. Nicht mehr, als sie es ohnehin schon tat. Sie war ja eh nur hierher gekommen, weil sie nicht wollte, dass Oliver sich wieder sorgte. Deswegen wollte sie ihn mitnehmen.
Wenn er sie denn begleiten wollte …
„Lilith Bach. Aus Centy“, erklärte sie zügig, „Such sie online. Schau dir ihr Foto an und sag mir, dass sie dir nicht bekannt vorkommt, ja? Na los“
„Es ist zu früh dafür“, murmelte ihr Freund, kam der Aufforderung aber nach.
Als sich seine Augenbrauen anspannten und er zwischen ihr und seinem Handy hin und her sah, wusste Liane, dass er denselben Artikel gefunden hatte. Dennoch wartete sie halbwegs geduldig, bis er ihn komplett gelesen hatte. Sie fühlte sich entspannter, nun wo sie Lilith Bach als ein Teil ihrer Selbst sah. Als eine Art Spiegelbild, das ein Teil ihrer Vergangenheit war.
Wenn das überhaupt Sinn machte.
„Okay. Sie sieht dir ähnlich und starb lange vor deiner Geburt. Und?“, murmelte er langsam.
„Was, wenn ich dir sagen würde, dass ich mich an Details ihres Lebens erinnern könnte? Dinge, die nicht im Internet stehen. Die Haushälterin hieß Martha. Sie hat Lilith beigebracht, wie man sich die Zöpfe band und leise blieb. Ungesehen. Auch war sie die Hebamme für Lucas gewesen, da während seiner Geburt ein gewaltiger Sturm verhinderte, dass ein Arzt oder die Nonnen zum Haus der Bachs kommen konnten. Und-“
„Liane“, unterbrach Oliver kopfschüttelnd, „Versteh das nicht falsch, aber woher willst du wissen, dass diese Erinnerungen, wie du sie nennst, wahr sind? Dein Kopf könnte sich das auch ausdenken. Das ist normal. Ich meine-“, er schüttelte sich, „Mom hat es mal so erklärt: Ehm, wenn du irgendwohin gehst, musst du ja mehrere Straßen bis zu deinem Ziel überqueren, oder? Kannst du dich am Ende noch an jede einzelne davon erinnern? Oder rekonstruiert dein Gehirn nicht die Erinnerungen anhand deiner Erwartungen?“
„Kann sein. Weiß nicht. Deswegen brauche ich ja deine Hilfe“, Liane seufzte, „Bitte. Es- Hör mich bis zum Ende an, ja?“
Als er endlich nickte, machte sie weiter. Sie erzählte von kleinen verschwommenen Momenten. Dingen, die sie sonst immer nur als Hirngespinste fortgeschoben hatte. Zerstückelte Augenblicke, die sie die letzten Jahre immer wieder heimgesucht hatten. Die sie verdrängt hatte, weil sie nicht in ihr Leben passten und für seltsame Fragen sorgten.
Am Ende waren ihre Lippen ganz trocken.
„Okay. Nichts davon kann ich dir als wahr oder falsch bezeugen. Warum erzählst du es mir also?“, ließ sie ihn am Ende fragen.
Mittlerweile war es halb sechs. Bestimmt würden seine Eltern bald aufstehen. Sie hatten nicht mehr viel Zeit!
„Weil du der Beweis bist, dass es kein Zufall ist, wenn er dasselbe erzählt“, sie deutete auf Olivers Handy.
Verwirrt entsperrte er es. Es zeigte das Familienfoto der Bachs. Doch lagen Lianes Augen nur auf Lucas.
„Dein Ernst?“
„Ja. Ich habe nachgesehen. Ich weiß, in welchem Heim er untergebracht ist. Ich weiß, wie wir von hieraus hinkommen. Die Frage ist nur, begleitest du mich dorthin oder kommst du erst später nach?“
„Später … Moment. Du willst die Schule schwänzen?“
„Wenn ich dafür meine Antworten erhalte.“
„Liane. Du hast erst vor ein paar Monaten Ärger bekommen, weil du den Unterricht durch deine Zeichnungen in der Bibliothek versäumt hast und nun willst durch die halbe Stadt-“
„Weil es wichtig ist.“
„Und was ist, wenn du dich verläufst und-“
„Ich habe mir die Verbindung rausgesucht. Vier Buslinien. Umsteigezeit etwa eine Stunde. Das klappt schon.“
„Und wenn du-“
„Ich kann euch fahren“, mischte sich Olivers Vater plötzlich ein.
„Mr. Brume! Ehm. Ich meine, Bennett. Also- Ich wollte nicht-“, Liane fühlte sich wie ertappt, doch wank der Mann ab.
„Schon gut. Du klingst genau wie meine Frau, wenn ihr etwas nicht aus dem Kopf geht. Du wirst auf Teufel komm raus wo-auch-immer hinwollen, oder?“
Sie nickte befangen. Es war ihr peinlich, so erwischt zu werden. Zumal er nicht einmal mit ihr schimpfte. Nicht, weil sie die Schule schwänzen wollte. Nicht, weil sie Oliver dazu anhielt sie zu begleiten. Nicht, weil sie sich dafür davonstehlen wollte. Er nickte nur gelassen, während er in die Küche ging und das Rattern der Kaffeemaschine anschaltete.
„Ich kann in der Schule anrufen und euch auch einmal durch die Stadt fahren. Wenn ich behaupte, dass mein Chef ein spontanes Lernerlebnis für die Kinder seiner Mitarbeiter heute durchführt, würde sich niemand direkt bei deinem Vater melden. Dann haben wir etwas Zeit, ehe wir mit den Erklärungen rausrücken müssen. Das sollte schon klappen“, erklärte er von nebenan.
„Das würden, ehm, würdest du tun?“, Liane fühlte sich durch ihre eigene Dankbarkeit ertränkt.
„Aber Mom wird das nicht gefallen“, murmelte Oliver vor sich hin.
„Ich rede mit ihr“, wank dessen Vater ab, als er wieder in der Tür auftauchte, „Und wenn es deiner Freundin so wichtig ist, sollten wir sie doch unterstützen, oder nicht?“
„Ja, aber …“, Oliver seufzte, ehe er sich an Liane wandte, „Ich mein das nicht negativ, aber ich möchte nicht, dass du dich da in etwas reinstürzt, aus dem du nicht wieder rauskommst. Die Sektenleute glauben auch an Wiedergeburten und an diese kranken Traditionen-“
„Mit Sekten habe ich nichts am Hut“, sie verkniff sich sein Lächeln, „Und wenn sich das je ändern sollte, darfst du mir gerne gehörig in den Hintern treten, ja?“
„Ich verzichte“, er lachte, „Ich hole dich lieber wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wie klingt das?“
Dankbar nickte Liane.
„Also, wohin soll dieses Wir-setzen-heute-die-Schule-aus gehen?“, erkundigte sich Olivers Vater.
Damit weihte Liane ihn in die groben Eckdaten ein. Das Pflegeheim von Lucas Bach. Ihr Gefühl, dass sie ihn ja kennen müsse. Dass etwas in ihrem Leben nicht stimmte. Dass sie endlich herausfinden müsse, was es war.
Zu ihrer Überraschung nickte Bennett nur. Er hinterfragte nichts. Fast, als wisse er davon. Genauso, wie sich das Wort Vater bei ihm damals nicht falsch angefühlt hatte.
Als Oliver nach oben verschwand, um sich anzuziehen, wandte sie sich nochmal direkt an ihn: „Als sie meinen Vater als Vater bezeichneten, hatte es zum ersten Mal anders geklungen. Anders als bei den anderen Leuten, die sonst von meiner Familie sprechen. Warum?“
Seine Augen verharrten auf ihr. Dennoch antwortete er ihr nicht sofort. Er schien seine Worte abzuwägen. Als müsse er sie zuvor testen.
„Es gibt mehrere Arten, ein Vater zu sein“, flüsterte er, kurz bevor Oliver wieder die Treppe runtereilte.
