
Marie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geld aus der Börse ihrer Mutter stahl. Es kam einfach so über sie. Sie hatte Eis mit Diana essen gehen wollen und nicht mehr genug Taschengeld gehabt. Also hatte sie sich einfach ein paar Scheine von ihrer Mutter genommen. Das restliche Geld hatte sie für neuen Nagellack ausgegeben. Weil er ihrer Freundin so gefiel. Sie hatten die Flaschen untereinander aufgeteilt. Und am nächsten Tag wollten sie ihre Kunstwerke miteinander vergleichen.
Es war ein wunderbarer Ausflug gewesen! Marie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Erst als Sophie von ihrer Mom des Diebstahls bezichtigt wurde, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter ja gar nicht gefragt hatte. Dass sie sich einfach bedient hatte. Dass nun ihre Schwester den Ärger abbekam …
Und es fühlte sich gut an.
Kichernd lauschte sie dem wütenden Geschrei ihrer Mutter. Diese machte Sophie richtig rund. Marie musste sich ja nicht einmal anstrengen, um die Worte zu verstehen. So laut wurde ihre Mom nur selten! Derzeit waren sie bereits bei zwei Wochen Hausarrest, Abwasch und Fernsehverbot, weil ihre Zwillingsschwester einfach nicht zugeben wollte, dass sie das Geld gestohlen hatte. Wie weit ihre Mutter wohl gehen würde?
„Sozi nich!“, mischte sich Tyler plötzlich ein, „Sozi liep!“
„Sophie war nicht lieb. Sophie hat gestohlen“, korrigierte ihre Mutter den Zweijährigen, der ihr Geschrei unterbrochen hatte.
„Nain!“
„Tyler. Ich weiß, dass du Sophie gern hast, aber-“
„Sozi lieb!“, rief der Winzling dazwischen, „Nu‘ Sozi liep!“
„Macht doch, was ihr wollt!“, beendete ihre Mutter abrupt das Thema.
Kurz darauf stolzierte sie an Maries offener Zimmertür vorbei. Sie sah traurig aus. Erschrocken. Müde. Zittrig.
So kannte Marie sie gar nicht …
Nachdenklich prüfte sie die erste Schicht Nagellack, die sie vorhin bereits aufgetragen hatte und ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen.
Marie hatte ihrer Mutter gar nicht angehört, dass sie so aufgebracht war. Wütend, ja. Wegen der Lautstärke. Aber so zornig, dass sie zitterte? Dass ihre Augen beim Rausgehen umhersprangen?
Hatten sie nur im Licht geglänzt oder waren sie feucht gewesen?
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Tyler in sein Zimmer trabte. Er hielt ein kleines Papierboot in den Händen. Gewiss hatte Sophie es ihm gefaltet, damit er Ruhe gab. Sonst wollte er immer, dass nur sie mit ihm spielte. Stets zerrte der Junge sie mit sich in sein Zimmer oder nach unten. Er weigerte sich manchmal sogar, irgendwohin zu gehen, wenn sie nicht mitkam. Als hätte er nur eine Schwester.
Als würde Marie für ihn nicht existieren …
Kurz darauf erschien Maries Zwilling in der offenen Tür. Sie sah unsicher aus. Unsicher und dennoch da. Dabei wusste sie, dass Marie sie sonst jedes Mal wegscheuchte. Sophie war ihr halt viel zu peinlich! Es war schon schlimm genug, dass sie ihr Gesicht mit diesem Verschnitt von einer Schwester teilen musste …
„Können wir reden?“, fragte sie viel zu leise, sodass Marie sie ignorierte.
Sie hatte eh noch nicht aufgesehen. Sie hatte Sophie nur anhand ihres Schattens erkannt. Mehr brauchte sie nicht. Sie kannte ihre Schemen zur Genüge. Vielleicht würde ihre Zwillingsschwester wieder gehen, wenn sie nicht reagierte?
„Marie? Bitte …“
„Was willst du?“, seufzte sie und tat, als ob Sophie sie bei etwas Wichtigem stören würde.
Vielleicht könnte sie das Mädchen so schneller loswerden?
„Ich habe Moms Geldbörse nie angerührt und-“
„Soll das heißen, ich war’s?“, fragte Marie provokant, „Willst du mir nun dein kriminelles Leben unterschieben? Das hatte Mom doch erst letzte Woche im Gericht, oder? Das ist strafbar. Wie viele Jahre gab’s nochmal?“
Sophie kaute auf ihrer Unterlippe rum. Sie sah zur Seite. Zu Tylers Zimmer. Schloss die Augen.
„Das meine ich nicht. Ich wollte nur wissen, ob du etwas weißt-“
„Ich weiß, dass ich einen Nichtsnutz als Schwester habe. Jemanden, der seine eigenen Fehler nicht eingestehen kann und lieber die Schuld bei anderen sucht“, Marie lehnte sich vor, „Oder hast du etwa einen Nutzen?“
„Ich …“, ihre Augen glänzten kurz, dann blinzelte Sophie und ihre Miene erstarrte. Es war, als ob sie ausgetauscht worden wäre. Aber das kannte Marie bereits zur Genüge. Ihre Schwester machte das immer, wenn sie sich zurückziehen wollte. Wenn sie sich ihr Verlieren eingestand und-
Marie musste schnell sein! Ehe Sophie sich in ihrem Zimmer verschanzte.
„Du kannst ja damit anfangen, meine Mathehausaufgaben zu machen. Und dann sagst du Mom morgen, dass dir das Stehlen leidtut. Sie kann es dir ja vom Taschengeld abziehen. Oder dir weitere Aufgaben im Haushalt geben, bis du das fehlende Geld wieder eingeholt hast. Was denkst du?“
„Du wirst also weiter stehlen? Egal, was ich mache?“, fragte Sophie leise.
„Kommt drauf an, wie sehr du mich nervst“, erwiderte Marie grinsend.
Endlich nickte ihr Zwilling und ging zurück in ihr Zimmer. Sie würde sich den restlichen Tag verkriechen. Aber sie würde danach nach Maries Pfeife tanzen. Das wussten beide bereits.
„Mahie nich lieb“, murmelte Tyler plötzlich.
„Marie“, korrigierte sie ihn, „Mit Rrrrr. Genauso wie der Hund, der dich nach nebenan jagt, wenn du petzt.“
Er zog eine Schnute, ging aber nicht weiter darauf ein. Das sollte sie nicht weiter kümmern. Er war eh nur eine kleine Kröte. Selbst wenn er ihrer Mutter die Wahrheit sagte, konnte sie ihm die Worte mit ein, zwei Sätzen im Hals umdrehen. Er brauchte halt zu lange, um einen vernünftigen Satz zu bilden. Und ihre Mom hatte nur wenig Geduld, wenn sie am Meckern war.
Stumm öffnete sie die Schublade an ihrem Schreibtisch und holte einen der neuen Nagellacke raus. Das war der teuerste gewesen. Aber dafür leuchtete er auch im Dunkeln. Und genau deswegen hatte sie ihn haben wollen.
Sie wollte genauso ein Hingucker sein wie dieser Nagellack.
Es dauerte eine halbe Stunde, ehe Sophie sich wieder im Zimmer blicken ließ. Sie klopfte nicht an. Sagte nichts. Sie legte ihrer Zwillingsschwester nur ein paar Blätter auf dem Tisch ab.
Hausaufgabenzettel. Mathematik und Sachkunde.
„Ich hoffe, die sind richtig“, murmelte Marie, während sie ihre Nägel trocknen ließ.
Doch antwortete Sophie nicht. Sie ging wortlos zurück in den Flur. In den Flur, wo Tyler sie erwartete und mit ausgestreckten Armen forderte, dass sie ihn hochnahm.
Marie schmerzte der Anblick. Sie wusste nicht, warum der Bengel so vernarrt in ihre Schwester war! Klar, sie selbst mochte das Kleinkind nicht. Und sie spielte kaum mit ihm. Aber jeder andere zog sie Sophie vor! In der Schule wollte jeder zuerst mit Marie sprechen. Ihre Eltern kümmerten sich immer zuerst um Marie. Nur Tyler …
„Mahie ‘hemein“, erklärte ihr Bruder, als er in sein Zimmer getragen wurde.
„Marie ist nur anders. Jeder ist anders“, erklärte Sophie so nachsichtig, dass Maries Hände verkrampften.
Wie konnte ihr Zwilling nur so krankhaft nett sein? Das war so widerwärtig! Am liebsten wollte sie das andere Mädchen in Stücke reißen. Sie wollte-
Nein.
Angestrengt atmete sie durch.
Wenn sie es zu offensichtlich machte, würde sie sicherlich auch Ärger von ihrer Mom bekommen. Sie musste es raffinierter angehen. Sie würde jede Woche einmal Geld aus der Handtasche ihrer Mutter stehlen. Und gelegentlich würde sie etwas davon kaufen, was sie in Sophies Zimmer stellte. Damit der Verdacht nie auf Marie schwappte. Die restliche Zeit würde sie Sophie ihre Hausaufgaben machen lassen. Und- oh! Ja! Sie könnte auch ein paar der Zettel verlieren und direkt vor dem Unterricht Sophies für sich verlangen, oder?
Ihre Schwester sollte bluten.
Und ihr Bruder …
Nein.
Tyler durfte sie nicht mal ärgern. Tyler war Mutter kleiner Prinz. Wenn sie ihn in die ganze Geschichte hineinzog, würde ihr das nur Probleme bescheren. Stattdessen würde sie ihn einfach zum Schweigen bringen. Sie würde dafür sorgen, dass er die Wahrheit sagen wollte, aber nicht konnte. Er durfte nicht angehört werden. Er war eh noch zu jung und … Hm …
Wäre es nicht nachvollziehbar, dass er nur für Sophie log, weil er sie beschützen wollte? Weil er sie mochte? Weil er deswegen ihre Fehler ignorierte?
Je mehr Marie darüber nachdachte, desto perfekter erschien ihr der Plan. Sie musste ihrer Mom nur weiß machen, dass Tyler über Sophie einzig log, weil er sie zu sehr mochte. Der Rest wäre ein Kinderspiel!
Damit ging sie zu ihrer Mutter in die Küche und setzte sich neben sie.
„Na? Alles gut?“, fragte diese nach einigen Momenten.
„Hm“, Marie schloss die Augen, „Oben fühlte es sich so ausgrenzend an. Tyler und Sophie sind so dick miteinander, dass ich mich immer so einsam fühle. Da wollte ich zu dir“, behauptete sie.
Sofort legte ihre Mom den Stift ab.
„Ist es sehr schlimm?“, fragte sie sanft.
„Nah. Nicht für mich“, Marie bemühte sich, ihre unschuldige Miene aufrecht zu halten, „Aber ich weiß nicht, ob das so gesund für den Kleinen ist. Immerhin ist Sophie nicht der beste Umgang, weißt du?“
Ihre Mutter nickte nachdenklich.
Sie sagte zwar nichts, dafür sprachen aber ihre Augenbrauen mit Marie. Sie konnte geradezu sehen, wie sie die Worte abwogen. Wie sie Tylers Wohl bedachten.
Und Sophies …
Die Saat war gelegt.
