
Domini harrte mit seiner Schwester vier Tage außerhalb des Berges aus. Vier Tage, in denen ihre Mahlzeiten aus Wasser und Beeren bestanden. Er kümmerte sich gutmütig um Nova. Genauso, wie es seine Mutter gewollt hätte.
Wenn ihr fetter Vater sie nur am Leben gelassen hätte!
Am fünften Tag fand einer seiner älteren Halbbrüder ihr Lager. Grinsend schlenderte er herüber und setzte sich an das Lagerfeuer, das Domini verloren angestarrt hatte.
„Unter Tage wirktest du lebendiger. Bedrohlicher, weißt du?“, fragte er.
Domini blickte ihn müde an. Wie hieß dieser Bruder nochmal? Victor? Nein. Maximus? Nein. Domini wusste es nicht. Er fühlte sich zu ausgelaugt. Zu erschöpft, um gegen jemanden zu kämpfen, der doppelt so alt und doppelt so schwer wie er selbst war. Die Welt hier draußen hatte ihn ausgelaugt.
Und er vermisste seine Mutter. Er wollte zu ihr. Fort.
„Dein Gequatsche nervt“, entgegnete er müde.
„Gequatsche? Pf! Das Gequatsche deiner Alten hat genervt! Dass die auch stets so ekelhaft stolz auf ihre Kinder sein musste!“, sein Besucher spukte in Novas Richtung, die neben Domini auf dem Boden schlief, „Es war gut, dass meine Mutter unserem Vater von dem Balg berichtet hat, weißt du? Sonst wäre seine neunte Frau auf ewig sein dummer Favorit geblieben!“
Etwas in Domini wachte auf. Still blickte er auf den Besucher. Auf den Bruder, der eine Mitschuld trug. Der von Nova gewusst haben musste.
Und dem Dominis Verlust egal war.
Er hasste ihn.
„Deine Mutter hatte meine verraten?“
„Es war der Tag der Nachfolgesuche. Damit wurde alles erlaubt, oder nicht? Warum sonst sollte ich-“
Ein Geräusch lenkte Domini ab. Ein Rascheln. Es ließ ihn die Worte seines Bruders ausblenden. Ob er Leon hieß? Nein. Auch nicht. Er war hinterlistiger. Gerissener.
Deswegen hatte er sie umzingeln lassen.
„Lebe“, befahl Domini und sogleich erhob sich die Erde und schleuderte die versteckten Kämpfer fort. Nova wachte auf. Ja. Der Ruck musste sie geweckt haben. Sie schrie erschrocken auf. Der Boden wackelte. Er hörte nicht mehr auf Befehle. Weder auf Dominis noch auf die ihres anderen Bruders. Sie hatten ihn überrascht. Den Halbbruder. Den Angreifer-
In einer flüssigen Bewegung griff Domini nach einem brennenden Ast und stach ihn seinem Bruder in den Bauch. Er hörte etwas plätschern. Etwas reißen. Schrie da jemand? Er selbst? Oder der Verwundete? Wer war verwundet?
Blinzelnd starrte er auf den leblosen Körper hinab.
Er hatte seinen Bruder ermordet.
Obwohl er seit Jahren wusste, dass er seine Geschwister eines Tages töten musste oder von ihnen getötet werden würde, so überkam ihm dennoch Übelkeit. Angewidert erbrach er sich. Er hörte Nova wimmern. Sah die anderen Angreifer. Menschen, die wieder zu sich gekommen waren. Die sich nun an seine Schwester anpirschten.
„Nein“, hustete er hervor, „Komm.“
Abrupt verschob sich der Boden. Das Kleinkind flog beinahe auf ihn zu. Die anderen wurden in derselben Bewegung fort katapultiert. Er zog Nova auf seinen Rücken. Rannte los.
Wohin sollte er?
Sie waren die Kinder des Berges. Zumindest hatte ihr Vater das gesagt. Sie mussten hierbleiben, oder? Sie durften den Berg nicht verlassen. Aber hier würden seine Geschwister nach ihnen suchen. Sie würden sie finden. Sie töten.
Genauso wie sie für den Tod seiner Mutter verantwortlich waren.
Nein. Sie konnten nicht fliehen. Nicht auf ewig. Sie mussten bleiben. Und um zu bleiben, mussten sie alle anderen töten. Sie mussten überleben, indem die anderen starben. Damit niemand ihre Leben einfordern konnte. Er musste …
Ja. Er. Er musste seine Geschwister töten. Nur so konnte er Nova beschützen. Nur so konnten sie beide überleben. Nur … so …
Erneut erbrach er sich.
„Doni“, wimmerte Nova plötzlich, „Doni …?“
„Mir geht es gut. Keine Sorge … Ich …“, er konnte sie nicht mitnehmen – es wäre zu gefährlich. Aber er konnte sie auch nicht allein lassen, oder?
Sie war nur ein Kind.
„Doni … Hunga“, klagte sie.
Domini seufzte. Es war nicht fair. Es-
Das Rascheln erschrak ihn so sehr, dass ihm Nova fast vom Rücken rutschte. Er blickte auf die fremde Frau, die ein Mädchen an der Hand hielt. Beide trugen gewaltige Körbe mit Blättern auf dem Rücken. Sie blickten ihn müde an. Müde, aber lebendig.
„Habt ihr euch verlaufen?“, fragte die Frau argwöhnisch.
Für einen Moment überlegte er, wegzurennen. Jeder fremde Mensch konnte eine Gefahr sein. Was, wenn diese beiden ihn und Nova verraten würden? Seine Geschwister würden die Dorfbewohner gewiss reichlich beschenken, wenn sie dafür ihren Aufenthaltsort bekamen!
Dennoch … diese Frau erinnerte ihn so sehr an seine Mutter. An diese gutmütigen Worte, die er so sehr vermisste …
„Hunga!“, wiederholte Nova fordernd.
„Ich …“, überfordert blickte Domini zwischen seiner Schwester und den Fremden hin und her.
„Hier“, die Frau zog einen Zweig aus dem Korb des kleinen Mädchens, „Die Beeren sollten helfen. Magst du?“
Überglücklich tapste Nova rüber und nahm den Ast ab, um die roten Kugeln zu naschen. Es waren dieselben, die Domini ihr die letzten Tage gepflückt hatte. Und die Art, wie die Frau sie an seine Schwester gab …
„Ich bin ein Nachfolgekind“, erklärte er und beobachtete, wie die Fremden, selbst das Mädchen, zusammenzuckten, „Ich habe die Kleine auf der anderen Seite des Berges gefunden. Sie heißt Migra. Ihre Eltern sind tot. Aber das heißt nicht, dass sie verloren ist, oder?“
„Soll das heißen, dass du Mitgefühl vortäuschst, Mörder?“
Mörder. Ja. Er war ein Mörder. Er hatte seinen Bruder getötet.
Aber Nova würde er beschützen!
„Migra ist ganz allein“, behauptete er weiter, „Wenn Ihr Euch um sie kümmert und ich die Nachfolgesuche überlebe, werde ich wiederkommen. Sollte mein Funke Gutherzigkeit noch leben, werde ich Euch einen Wunsch gewähren. Wenn nicht, wird die Zeit der Mörder nie enden. Was meint Ihr?“
Angespannt beobachtete er die Frau. Er sah, wie sie überlegte. Wie sie den Kopf schütteln wollte. Doch das Mädchen neben ihr, hatte Nova bereits hochgehoben. Sie schmuste mit Dominis Schwester, als wäre es ihre eigene.
„Deita! Wir können nicht-“
„Mama? Du meintest, dass Oma bald stirbt. Wer passt dann auf unsere Schafe auf? Migra kann das bestimmt machen. Ja? Schau doch! Sie ist zwar klein, aber sie kann schon gehen. Und ich wollte schon immer eine kleine Schwester haben. Bitte?“
„Deita …“, obwohl die Frau abweisend klang, hatte sich Sanftmut in ihre Stimme geschlichen.
Und so nickte sie langsam.
„Lass dir nicht zu lange Zeit, Nachfolgekind.“
