
In der Hafenstadt lebten die Menschen nur für sich selbst.
Erleichtert und ängstlich zugleich beobachtete ich, wie sich niemand nach Timmy oder Julie umsah. So konnten die beiden ihre erste Nacht ungehindert auf offener Straße verbringen. Bis zur zweiten hatte Timmy bereits eine Mulde weiter Stadtauswärts ausgemacht, in der er ihren neuen Unterschlupf bauen wollte. Nur vorübergehend, behauptete er vor Julie. Damit sie erstmal vor Wind und Wetter geschützt wären.
Seine Schwester hätte an dem Tag allem lächelnd zugestimmt.
Das Mädchen war vom Meer wie verzaubert. Sie wollte diesen Ort nie wieder verlassen! Überglücklich fragte sie Timmy, wann wohl Mutter und Gretle kämen. Sie wolle diese Aussicht, dieses Paradies mit allen teilen!
Traurig beobachtete ich, wie Timmy mit den Worten rang. Er versank in der Arbeit. Wenn er nicht an ihrer Unterkunft baute, so stahl er Fisch vom Markt oder ließ sich die Knotenkünste der Matrosen zeigen. Er hatte auch einige Male versucht, bei den Fischern auszuhelfen. Um das Handwerk zu lernen. Um ihr eigenes Leben aufzubauen.
Nur schien ihn keiner für voll zu nehmen.
„Wieso. Hält. Das. Nicht!“, schimpfend warf er die gesammelten Äste zur Seite. Eigentlich hatte er ein besseres Dach bauen wollen. Das letzte war nur eine zerflederte Decke gewesen. Allerdings stürzte es ihm ständig zusammen. Und nun schien er den Frust nicht mehr ertragen zu können.
„Vielleicht wäre es besser, wenn ihr weiter in die Stadt zieht? Ich könnte auch nach leeren Häusern schauen“, bot ich ihm still an.
Julie unterbrach mich in meinen letzten Worten unwissend: „Kann ich irgendwie helfen? Es vielleicht hochhalten oder so?“
„Ja. Nein. Es will ja schon die ganze Zeit nicht!“, obwohl er seiner Schwester antwortete huschte Timmys Blick zu mir – er seufzte, „Hier wird es nicht unbedingt besser, oder? Wir haben nur einen Höllenort gegen den nächsten eingetauscht …“
„Das stimmt nicht!“, widersprach Julie sofort, „Hier ist es viel besser. Sieh dich nur um: Das Meer, die Stadt, all die Boote! Es ist ein Traum!“
„Hm“, ihr Bruder klang alles andere als überzeugt.
„Du hast dir eine feste Arbeit erhofft?“, fragte ich ihn stattdessen, „Eine Lehre, mit der du genug verdienst?“
Er wartete, bis seine Schwester nicht mehr zu ihm blickte. Bis sie die Stöcker inspizierte und anders anordnete.
Erst dann nickte er sachte.
„So sollte es besser gehen, ja? Versuchen wir es diesmal zusammen?“
„Meinetwegen“, nur klang Timmy kaum überzeugt.
Ich beobachtete, wie Julie mit anpackte. Irgendwie machte sie das Unmögliche möglich. Immer wieder verschob sie nur ein paar Äste und schon funktionierte Timmys Idee.
Ob es daran lag, dass sie sich früher um das alte Haus gekümmert hatte, während Timmy stehlen musste?
„Siehst du! Alles halb so wild!“, freudig strich Julie über das neue Dach, als es endlich fertig war, „Wir schaffen das schon. Wir können alles schaffen, wenn wir nur daran glauben, ja?“
Müde stimmte ihr Bruder zu.
Doch konnte ein jeder heraushören, dass er es nicht ernst meinte.
Während die beiden Kinder schliefen, achtete ich auf das kleine Feuer zwischen ihnen. Eine mickrige Flamme, die Timmy entfacht hatte, damit sie nicht auskühlten. Gewiss hätte jedes andere Kind die heiße Glut gelöscht, ehe es ins Bett gegangen wäre. Aber solange ich da war und ihn wecken konnte …
Nachdenklich streckte ich mich in die Richtung der tanzenden Funken.
Ich spürte nichts. Keine Wärme. Kein Licht. Das Feuer war einfach nur da. Und dennoch- Sobald ich wütend wurde, sobald der Zorn mich erfüllte …
Ich dachte an die kleine Siedlung zurück. Und wie ich die Geschwister dort fast vergessen hatte. Selbsthass stieg in mir empor. Er loderte auf. Wütete um sich-
-genauso wie die Flammen, die sich nach dem Dach ausstreckten.
Eilig schob ich meine Gefühle fort. Ich begutachtete das neue Dach hastig. Suchte nach Rußspuren. Löchern. Beschädigungen! Doch hätte ich mir keine Sorgen machen müssen. Das Holz war zu feucht, zu frisch, als dass es brennen könnte.
Was für ein Glück!
Aber hier konnten die Geschwister nicht bleiben … Egal, wie gut sie diesen Unterschlupf auch erbauten. Es war nur eine Hütte!
Kein Haus.
Stumm betrachtete ich die schlafenden Gestalten. Sie brauchten ein richtiges Haus. Richtiges Essen. Ein richtiges Leben!
Irgendwie musste ich Timmy zu einer Arbeit verhelfen.
