M: Die Kluft der Chengs

Kim wartete, bis der Arzt ihr das Okay gab. Es war der übliche Humbug. Erst wenn sie sich angemeldet und Niklas ihren Besuch bestätigt hatte, ließen die Leute sie auch durch.

„Sie haben maximal zwei Stunden“, erklärte der Arzt nach seinem kurzen Telefonat, „Und bitte beschädigen Sie nicht wieder das Mobiliar.“

Stumm wandte sich die rothaarige Asiatin ab. Die meisten anderen durften nicht so mit ihr sprechen. Aber die meisten anderen kümmerten sich auch nicht um ihre verstümmelte Mutter.

Zielsicher lief sie die Krankenhausgänge entlang. Sie musste ans andere Ende des Gebäudes. Dort waren die stationären Fälle. Jene, die Niklas nicht gehen lassen würde. Nicht, solange er Kim oder ihren Bruder noch brauchen würde.

Es war ein besseres Gefängnis.

Sie klopfte nur einmal an, ehe sie eintrat. Eine Pflegekraft war nicht mit im Raum. Dabei ging es schon auf die Mittagszeit zu. Sicherlich würden sie bald kommen, um ihre Mutter zu füttern.

Denn ohne Hände war diese stets auf Hilfe angewiesen.

„Hey, Ma“, grüßte sie ohne Umschweife und nickte zum flackernden Bildschirm, „Was Gutes im TV?“

„Kimberly“, ihre Stimme klang kälter als sonst – fast schon belehrend.

Es ließ sie stocken.

Eilig überspielte Kim ihre Überraschung mit dem Heranziehen des Stuhls.

„Sorry, dass ich nicht früher vorbeikommen konnte“, bemerkte sie seufzend, „War viel los. Und Luz nervt mit seinen Tagträumereien, weißt du?“

Normalerweise lachte ihre Ma auf, wenn sie ihren Partner erwähnte. Normalerweise fragte sie nach Einzelheiten oder strich mit ihren Armstümmeln über Kims Seite.

Heute nicht.

„Du meinst deine Aufträge?“

Sachte nickte die Rothaarige. Etwas in ihrer Stimmlage blieb angespannt. Als wäre ihre Ma wütend? Weil Kim arbeitete, statt bei irgendeinem Kerl Hausfrau zu spielen? Nein. Darüber hatten sie schon viel zu oft diskutiert. Es musste etwas Anderes sein …

„Nichts Großes, wirklich!“, log sie lächelnd, „Ich passe doch auf mich auf. Hab‘ ich dir ja versprochen, erinnerst du dich?“

„Ja, das hast du“, ihre Ma sah streng herüber, „Und du hast mir versprochen, nicht gegen deine Natur zu handeln. Nun sag mir, hast du dich daran gehalten?“

Stille legte sich über sie. Kim spannte sich an. Sie wusste nicht, worauf sich ihre Mutter bezog. Dafür hatte sie dieses Versprechen viel zu oft gebrochen. Ein falsches Wort konnte der Funke am Dynamit sein.

Genauso wie damals, als Ma ihre Hände verlor.

„Keine Entschuldigung? Keine Rechtfertigung?“, die Verstümmelte drückte den Rücken durch und machte mit dem Ellenbogen den Fernseher aus, „Nichts?!“

„Worte können Taten nie ungeschehen machen“, entgegnete Kim ruhig, „Sonst würdest du hier nicht sitzen, oder?“

„Ich würde nie ein Kind weinen lassen!“, schrie ihre Ma da, „Ein Kind, Kimberly! Wie konntest du den Jungen nur so leiden lassen!“

Der Auftrag also! Mit diesem Bengel von der Siskin. Er war das Druckmittel gewesen, damit ihr Tod besiegelt werden konnte. Er war die Pein gewesen, die Kims Ohren heimgesucht hatte, während sie auf ihn aufpassen sollte.

Die reinste Schreiplage.

„Hat John dir davon erzählt?“, fragte Kim sofort nach ihrem Bruder, um das Thema zu wechseln.

Er musste es gewesen sein! Niemand sonst hätte ihre Ma informieren können.

„John macht sich nur Sorgen um dich.“

Sorgen! Das sie nicht lachte …

„Natürlich!“, sie schlug sich gegen die Stirn, „Wie konnte ich das nur vergessen!“

„Kimberly…“, ihre Ma wurde leiser.

„Was denn? Darf ich mir denn keine Sorgen um ihn machen? Wie viele Leute er diese Woche wohl schon erschossen hat? Hm? Was meinst du? Zwei? Zehn? Zwanzig? Gibt es überhaupt noch genug in Merichaven?“, Kim bemühte sich, nicht nach ihren Wurfmessern zu greifen.

Sie musste von den Vorwürfen ablenken, nicht ihrer Ma neue Munition liefern. Sobald sich das Gespräch um ihren Bruder drehen würde, würde die Frau sie auch wieder mit den Albernheiten in Ruhe lassen.

Oder zumindest könnte Kim ihr eine Rechtfertigung liefern.

„Es ist sein Job.“

„Und meiner war es, den Jungen ein paar Stunden festzuhalten.“

„Aber doch nicht schreiend.“

„Stimmt. Mist. Als Entführerin muss ich ihm unbedingt einen Lolli anbieten, was? Aber ich versteh schon: Ich habe mich so viel schlechter als dein Engel von einem Sohn verhalten!“

Ihre Ma sah beschämt auf ihren Schoß.

Die Frau konnte sagen, was sie wollte – Kim wusste, dass sie nur die zweite Wahl war. Klar, ihre Mutter würde sie trösten. Sie aufmuntern. Oder sogar mit ihr spielen, wenn es nötig war. Aber sobald John sie brauchte, war sie weg.

Jungen waren mehr wert.

Kims Pa war da anders. Er vergötterte seine Tochter. Er erwartete Selbstständigkeit von John. Er verlangte Gehorsam von seiner Frau.

Gehorsam, der beide Elternteile verstümmelt hatte.

„Es ist nicht richtig“, flüsterte ihre Ma, „Kimberly, bitte. Wenn du so weitermachst, wird sich das Leben von dir abwenden. Du bist eine Frau. Du-“

„Ich bin, wer ich bin“, unterbrach die Rothaarige schroff und stand auf, „Und auf dieses Gespräch lasse ich mich nicht ein. Deine Doppelmoral kannst du dir sonst wo hin klemmen. Ich bin hergekommen, weil ich meine Ma brauchte. Nicht, um mich belehren zu lassen. Wo sind denn die warmen, tröstenden Worte, die du von mir verlangst, die du aber selbst nicht geben kannst, hm?“

„Kimberly-“

„Nein! Kim. Du musst uns deinen dummen Namen nicht aufzwängen!“, unterbrach sie und eilte nach draußen.

Das Zuknallen der Tür echote in ihren Ohren wider. Stumm schloss sie die Augen. Atmete durch. Verdrängte das Zittern aus ihrer Faust.

„Miss Cheng?“, die Pflegekraft stand vor ihr – ein Tablett mit Essen in der Hand, „Möchten Sie ihre Mutter selber-“

„Und sie entlassen lassen?“, murrte Kim leise, ehe sie sich abwandte. Zornig lief sie zurück, um sich beim Arzt abzumelden. Dieser nickte nur wortlos, ehe er sie ausstempelte und ihr einen Zettel zum Unterschreiben zuschob.

„Wir müssten bald die Dosis von Li Chengs Schmerzmitteln erhöhen“, erklärte er, „Ihr Bruder hat schon eingewilligt, aber leider ist die Einwilligung von Ihren beiden Vorschrift.“

Kim starrte auf den Namen ihres Bruders. John Lee Cheng. Auch mit diesem dämlichen Li-laut. Genau wie ihr richtiger Name. Aber bei jedem von ihnen hatte ihre Mutter ihn mit einem anderen Zeichen geschrieben. Weil alle etwas anderes bedeuteten …

„Sie haben vergessen, mich darauf anzusprechen“, entschied sie, ohne das Papier weiter zu beachten.

„Miss Cheng, wenn wir die Dosis nicht-“

„Sie haben es-“, sie starrte ihn in Grund und Boden, ehe sie weitersprach, „-vergessen.“

Langsam nickte er: „Wie Sie wünschen.“

Damit machte sich Kim auf den Rückweg. Sie wollte niemanden mehr sehen. Nicht ihren Bruder, nicht ihren Pa. Aber vor allem wollte sie ihre Mutter nicht mehr ertragen.

Dabei war sie eigentlich nur für eine Umarmung gekommen …

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