M: Take a Shot

Erschöpft ließ sich Shooter auf den Barhocker fallen. Eigentlich hieß er nicht Shooter. Eigentlich war sein Name Augustus. Aber wer würde einen Influencer-Photographen namens Augustus überhaupt ernst nehmen? Es war ja schon nervig genug, dass seine Eltern ihn mit sieben unsäglichen Vornamen gestraft hatten – einer schlimmer als der nächste!

Da war Augustus noch sein geringstes Übel.

Shooter ließ den Rucksack mit seinem Equipment unter den Sitz wandern. Er wollte seine Kamera fürs Erste nicht mehr sehen. Er brauchte eine Pause. Und nach fünf Stunden des Ausharrens hatte er sich diese auch redlich verdient! Es war kalt auf dem Dach gegenüber gewesen. Kalt und windig und der Gestank der Großstadt war ihm bestialischer denn je vorgekommen. Jedoch hatte er all das in Kauf genommen, um den perfekten Sonnenaufgang zu fotografieren. Er hatte gewartet und gezittert und gefroren, bis die Strahlen endlich das Meer geküsst hatten. Ein paar Möwen waren auf seine Fotos gehuscht. Die Vögel hatten den Bildern Leben eingehaucht. Sie und diese verzaubernden Reflexionen auf dem Wasser.

»Was darf’s sein?«

»A Shot für the Shooter!«, antwortete er mit dem Catchphrase, der ihm seine meisten Followers eingespielt hatte, »Oder two, wenn du so good bist!«

Kommentarlos wandte sich der Barkeeper ab, um sich um die Bestellung zu kümmern.

Ein Lachen erklang drei Hocker weiter.

»Hätt‘ nich‘ jedacht, hier ‘nen Kollejen zu treff‘n«, begrüßte der fremde Mann ihn lallend.

»What? Du too?«, Shooter schenkte seiner Konkurrenz ein strahlendes Lächeln.

Es wurde nicht gern gesehen, wenn man sich in ihrer Branche an die Kehle sprang. Selbst wenn es gerechtfertigt wäre. Jeder erwartete von ihrer Berufsgruppe, dass sie immerzu freundlich, nett, charmant und positiv blieben. Alles andere war ein absolutes No-Go!

Diese Einstellung hatte Shooter anfangs noch große Probleme bereitet. Er hatte sie für bare Münze genommen. Wie dumm er doch gewesen war! So hatte ihm ein anderer Influencer vor etwa drei Jahren die Hälfte seiner Follower ausgespannt! Augustus war einfach zu offenherzig mit dem Konkurrenten umgegangen … Am Ende hatte dieser Mistkerl es ausgenutzt und jedes von Shooters Worten gegen ihn verwendet.

Das würde ihm kein zweites Mal unterkommen!

»Yeah«, der Fremde gluckste, »Hatte jestern Abend wieda zu tun, um de perfekt‘n Shot hinzubekomm‘n. ‘ne Arbeit, die kom noch wer zu würd‘jen weeß.«

»It’s so tricky…«, Shooter nahm einen seiner Shots entgegen und kippte ihn zügig herunter. Er würde jedem Wort aufmerksam lauschen und vielleicht könnte er dann ja den Spieß dieses Mal umdrehen. Wer sollte ihn schon durch den Dreck ziehen? So betrunken, wie sein Kollege war, schien er nichts anderes verdient zu haben! »It kommt immer auf sooo vieles an: Angle, Distance, Sun … Und who says schon noch: Thank you, Shooter!«

»Jenau!«, der Mann nahm einen gewaltigen Schluck von seinem Getränk und nickte auf Shooters Rucksack, »Kommste grad von de Arbeet?«

Shooter folgte dem Blick seines Kollegen. Sollte er mit seiner Kamera angeben? Lieber nicht. Er musste höflich bleiben. Und wer sagte ihm schon, dass dem anderen nicht sein Getränk ausrutschte?

Nein. Das Risiko war zu groß. Er durfte sich nicht in Sicherheit wiegen. Er musste wachsam bleiben. Immer wachsam bleiben!

»Yeah, but… War nicht so awesome, wie hoped«, wank er daher nur ab, »Und you?«

Der Mann seufzte: »War leida nich‘ so jut. Meen Schuss jing daneben. Hab de Wind nich bedacht. Deswejen hab‘ ick verseh‘ntlich de Frau statt ihr‘n Gatt‘n erschoss‘n.«

Shooter trank seinen zweiten Shot eilig aus, um den Blick abwenden zu können.

Bitte was?

»Yeah … Und … Gab‘s problems?«, war das einzige, was ihm einfiel.

»Hast ja keene Ahnung! Ries‘je Schießeree unt’n an de 63sten. Meen Boss is bestimmt am Tob‘n. Wenn Niklas mich nich kriejt und kastriert, werd ick bis Ende de Woche von de Irr’n abjeknallt werd‘n.«

Shooter blinzelte sein Glas ungläubig an. Er hatte doch noch gar nicht so viel getrunken, oder? Nein. Nein … Sicherlich … Er war bestimmt oben auf dem Dach eingeschlafen und träumte nun. Genau! Das musste es sein! Denn … Auch wenn er hier in Merichaven war …

Wer gab schon zu, einen Menschen ermordet zu haben?!

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