Fujis Erde

Die Sonne glaubte ihm.

Fuji konnte es nicht fassen. Nach all ihrem Hochmut, nach all ihrer Bitterkeit, nach all ihrer unschuldigen Freude – glaubte sie ihm. Er konnte kaum die Augen von ihr lassen und eilte ihr zügig hinterher. Er musterte ihre Mimik. Beobachtete ihre fehlenden Falten. Betrachtete ihre Züge, während sie auf die Erde starrte.

Dass er bereits hechelte, weil es ihm so schwerfiel mit ihr Schritt zu halten, war zweitrangig. Eilig flog die kleine Wolke hinter ihr her. Er bemühte sich, ruhig zu atmen. Ausdauernd zu bleiben. Sich nicht zu übernehmen.

Und irgendwie ging die Sonne nicht weiter unter.

Aber sie wirkte auch träger. Langsamer. Sie vermochte sich kaum zu merken, was er ihr erzählte. Es war anstrengend geworden, sich mit ihr zu unterhalten. Immerhin brauchte sie so endlos lange, um einen vernünftigen Satz rauszubringen!

Irritiert drosselte Fuji sein Tempo.

„Die … Welt …“

„Ja, die Welt“, bemerkte er ungeduldig, als sie endlich wieder Worte über die Lippen bekam. Jede Silbe kroch so unendlich langsam hervor. Da zogen die Berge und Flüsse unter ihnen hastiger vorbei!

„Sie … nicht … die… selbe …“

Fuji schüttelte sich.

„Doch. Es ist dieselbe. Sie sieht nur anders aus, weil wir über sie hinwegfliegen“, erklärte er ihr, während seine Augen den Horizont suchten.

Hätte die Sonne nicht schon längst untergehen müssen? Sie tänzelte viel zu langsam an der dünnen Linie entlang. Und das, obwohl Fuji doch nur wissen wollte, was sie dahinter immer so trieb. Aber der Tag kam der kleinen Wolke auch viel zu lang vor. Wie konnte das sein? Wieso zog sich alles so in die Länge?

„Ja … Aber … anders … So nicht … Nicht anfangs …“

Fuji hatte genug von den Ratespielen. Genervt blieb er stehen und blickte ihr hinterher. Das Atmen fiel ihm so schwer. Dieses Wettrennen, das er veranstaltet hatte, um mit ihr auf einer Höhe zu bleiben, zerrte an seinen Kräften.

„Die Berge … waren gerade … noch nicht hier“, Falten bildeten sich auf ihrer Stirn und Fuji musterte jede einzelne von ihnen, während der Himmelskörper sich herabsenkte.

„Ja, wir sind zu ihnen geflogen“, neugierig beobachtete er sie weiter.

Ihre Strahlen tanzten über den Horizont. Ihr Lächeln hatte sich in eine überlegende Miene verwandelt. Sie wandte sich ihm zu. Runzelte die Stirn. Lehnte sich zur Seite.

„Aber ich bewege mich doch nicht.“

Und damit verschwand sie hinter den Bergen.

Ihre letzten Worte brachten Fuji ins Grübeln. Er spürte kaum, wie die Kälte über ihn kroch. Die Nacht machte ihn nicht mehr zu schaffen. Die meckernden Sterne besorgten ihn nicht mehr. Viel eher gaben sie ihm ein Gefühl der Ruhe. Ihre Stimmen wurden ein stetiges Summen. Ein Dröhnen, das die kleine Wolke beruhigte.

Was sollte das bedeuten? Die Sonne bewegte sich nicht? Aber … Er war ihr doch hinterher geflogen! Sie musste sich bewegen! Ansonsten hätte er ja nicht so hasten müssen …

Oder … bekam sie es gar nicht mit? Nein. Gewiss nicht. All das musste einen anderen Grund haben. Einen, den Fuji nicht erkennen konnte, da er viel zu nah an der Erde verweilte.

Nicht aber seine Freunde.

„Wenn ihr hinabblickt“, richtete er das Wort in die Höhe, „Was seht ihr dann eigentlich?“

Die Lichter am Himmel starrten irritiert auf ihn herab. Sie tauschten Blicke. Schienen etwas abzuwägen. Und da war noch etwas anderes – da war ein wissender Ausdruck in ihren Augen. Als konnten sie seine Frage nur zu gut nachvollziehen!

„Na, wir sehen auf jeden Fall dich“, antwortete ihm eines der Himmelslichter funkelnd.

„Ja. Aber was noch? Wie sieht zum Beispiel die Erde aus? Wie sieht der Rest aus? Und was ist da noch? Also außer der Erde? Seid ihr mal der Sonne begegnet? Und was ist mit-“

„Fuji“, sprach sein Namensgeber gelassen, „Ganz ruhig. Nicht so viel auf einmal.“

„Aber ihr wünscht euch doch, dass es besser wird. Wie soll ich helfen, wie soll ich es verstehen, wenn ich nichts weiß?“

Nun tauschten die Sterne einen langen Blick. Die kleine Wolke glaubte beinahe, dass sie die Bedeutung der Geste ergreifen könnte, wenn sie nur zupackte. Wenn er sich nur streckte und-

Dann war der Moment verflogen.

Entschuldigende Blicke starrten herab. Sie schienen seine Fragen beiseitegeschoben zu haben.  Ihn ignorieren zu wollen.

„Er hat schon Recht“, mischte sich plötzlich ein anderer Stern ein, „Je näher sie der Erde sind – je heller sie strahlen, desto eher vergessen sie das wirklich Wichtige.“

„Das ist irrelevant!“

„Genau! Wir wollten es doch für uns behalten, weil-“

„Welchen Grund gäbe es denn noch? Die da unten wissen doch auch schon Bescheid. Sie sind über die Wolken geflogen!“

„Wohl wahr. Also liegt es nicht mehr an uns, darüber zu schweigen.“

„Aber ebenso liegt es auch nicht an uns, darüber zu sprechen.“

„Und wenn jemand fragt?“

Die Sterne riefen wild durcheinander. Sie funkelten sich an. Unterstützten sich. Stritten sich. Immer mehr meldeten sich zu Wort. Schrien. Sprachen. Argumentierten. Bis einer alle anderen übertönte und sie zur Ruhe aufforderte.

Es war Fujis Namensgeber.

„Schön!“, spuckte er endlich aus und schien sich zu schütteln, „Es stimmt ja … Es stimmt ja …“, er seufzte und seine alten Augen richteten sich auf die kleine Wolke, „Fuji … Wir können fast alles auf deiner Erde beobachten, weil wir auch tagsüber da sind. Wir wissen, dass du der Sonne heute hinterhergerannt bist. Aber sie wird dir keine Hilfe sein. Ihr Dasein ist an das der Erde gebunden. Ihr Charakter verändert sich mit ihrer Position am Himmel. Aber dennoch läuft ihre Zeit stetig gleich ab. Das ist ihr Segen und ihr Fluch, weil die Erde rund ist. Weil die Sonne ihr Leben schenkt. Und weil die Erde sich dreht.“

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