B: Suche: Bezugsperson. Biete: Familie?

Chem Wak wartete, bis Mr. Brume ihn mehrere Straßen weiter gefahren hatte, ehe er das Wort an ihn richtete. Er gab sich dabei desinteressiert. Abwesend. Vollkommen auf die Papiere in seinen Händen fokussiert.

Dennoch hing er seinem Fahrer an den Lippen.

„Irgendetwas Neues?“

Stille legte sich über das Fahrzeug. Draußen raste ein Taxi an vorbei. Dann lenkte sein Chauffeur den Wagen in eine Seitenstraße und parkte. Sie hatten noch genügend Zeit, ehe der nächste Termin anstand.  

„Sie sah kleiner aus“, murmelte Mr. Brume, „Erschöpft. Als hätte sie mit sich zu kämpfen … Ich glaube-“, er schluckte, „Mr. Belial, Ihre Schwester braucht mehr Unterstützung. Das Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Ich weiß nicht, was in der Schule vorgefallen ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihr zu viel wird. Dass ihr alles zu viel wird. Sie ist ein Teenager. Mit einem überfürsorglichen Vater, den Ihr durch die vielen Extraaufgaben auslaugt. Sie hat keine gesunde Bezugsperson, also, ich meine kein richtiges Elternteil oder … Sie …“

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

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B: Nur eine Story

Chem Wak beobachtete das Gebäude vor ihm. Es war groß. Modern. Edel. Kurzum: ein Sinnbild von Reichtum und Ästhetik. Er hatte so etwas bereits abfällig erwartet. Dieser Luxusbunker erklärte stumm so viele Ungerechtigkeiten, die-

Ruckartig schüttelte er seine Gedanken ab. Stattdessen bedeutete er seinem Fahrer, hier auf ihn zu warten, ehe er durch den Schnee zum extravaganten Haus hinüber watschelte.

Ein Dienstmädchen öffnete ihm.

„Mr. Belial? Die werte Dame erwartet Sie bereits. Darf ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen?“, ihre Worte waren von einer kühlen Höflichkeit geprägt.

Nicht von Wärme.

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B: Glück im Unglück im Glück?

Er knotete sich seine Krawatte um. Kein Kleidungsstück, das er mit Freuden trug. Es würgte ihn zu sehr. Es erstickte jedes Freiheitsgefühl im Keim. Und es zwang ihm eine weitere Verkleidung auf … Jedoch musste Chem Wak sich damit abfinden. Immerhin erleichterte es sein Leben ungemein.

Seufzend zerrte er seinen Anzug zurecht. Es war ein aussichtsloser Kampf. Zumindest für die Gestalt im Spiegel. Ein Fremder schaute aus der kühlen Scheibe zurück. Er begegnete seinem Blick. Er sah verloren-

Chem Wak wandte sich ab.

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