Verschluckt

Der Wind rennt durch Äste, durch Blätter.
Er singt vom stürmischen Wetter.
Er tanzt zu seinem eigenen Lied,
Ein Lied, das nur er liebt.

Denn der Rhythmus ist fordernd,
Denn die Töne sind lodernd,
Denn die Melodie ist in Moll.
Denn so zahlst du den Zoll.

Den Zoll des Verschluckens.
Den Zoll des Geheules.
Den Zoll des Verbergens.
Den Zoll des Diebstahles!

Der Wind ist ein Dieb!
Ein Dieb, den niemand sieht.
Ein Dieb der Worte.
Ein Dieb mit forte!

Sprichst du leis,
Hört man dich nicht.
Brüllst du laut,
Lacht er dir ins Gesicht!
Er achtet keinen Schweiß,
Verschenkt lieber stets Laub –

Blätter mitten in den Mund,
Eh er sich lacht rund!

Der Freund der Einsamkeit

Mit Menschen spreche ich nicht,
Ich mag ihre Worte nicht,
Ihre Geschichten sind gefüllt mit Streit,
Ihr Fokus liegt auf dem ewigen Leid.

Schon früh hab‘ ich mich abgewandt,
Ich malte lieber Zahlen in den Sand.
Ich baute Papierschiffe – ganz allein.
Ich hielt Abstand zu ihrer Pein …

So hagelte es Beschwerden – viele!
Warum ich nur stets allein spiele?!

Ich beugte mich widerwillig,
Verkaufte mich viel zu billig.
Ich erzwang ein Lächeln, einen Blick,
Machte mich nur für die anderen schick.

Dabei schmerzte das Anschauen so sehr,
Die Worte, das Schimpfen und mehr!
Ich flüchtete mich ins Lesen, ins Lernen,
Um Zahlen und Fakten zu vermehren.

So hagelte es Beschwerden – viele!
Warum ich nur stets alleine spiele?

Ich fügte mich wieder,
Trug ihr Gefieder,
Sang ihre Lieder,
Legte mein Buch nieder …

Doch rief es nach mir.

Ob Fakten, ob Zahlen,
Ob Buchstaben – sie erstrahlen!
Sie malten mir Pfade
In eigener Gnade.

Sie zerren an mir.

Leuchtende Gassen
Führen weg vom Hassen,
Führen zu neuen Wegen,
Die andere kaum verstehen.

Sie helfen mir. Gewappnet mit der Vernunft
Finde ich überall Unterkunft.
Ich habe nun ein Heim.
Fort von der vorschreibenden Pein.

Wahrheit oder Lüge

Rücken an Rücken
Beglücken uns die Tücken.

Hand an Hand
Spannt das stählerne Band.

Dicht an dicht
Dringt kein Licht
Dazwischen.

Denn eng verbunden
Dringen unsere Worte
Auch an entlegene Orte.

Dort werden sie empfunden:

Ein paar als Lüge
Ohne Bezüge,

Die Schar als wahr
Sind ja ganz klar!

Aber ist die Wahrheit nicht komplex?
Während gelogen wird im Reflex?
Ist Klarheit nicht ein Problem?
Sollten wir nicht besser hinsehen?

Rücken an Rücken,
Hand an Hand,
Dicht an dicht –
Verrat‘ es nicht!

Ein Wort macht den Unterschied.
Ein Wort singt den Abschied.
Ein Wort ändert das Lied …

Wahrheit und Lüge
Stehen Rücken an Rücken.

Wahrheit und Lüge
Gehen Hand an Hand.

Wahrheit und Lüge
Sind dicht an dicht.

Sie verdecken uns erpicht
Die Sicht.
Sie sind das Gericht
Ohne Gesicht.
Es entspricht ihrer Pflicht
Uns schlicht

Zu verwirren.
Denn wir sollen uns unser eigenes Urteil
Bilden.

Zwischen den Seiten

Zwischen den Seiten
Finden sich:
Mehrere Verse, Zeilen,
Desselben Gedichts.

Das Papier duftet nach Altem,
Weiß sich kaum zusammenzuhalten.
Weiß sich kaum zu offenbaren.
Versteckt sich in vergessenen Tagen.

Doch die Tinte,
Und die Worte
Über ferne Orte,
Über ferne Welten,
Über fremde Wesen,
Die alles anders sehen,
Die anders fühlen,
Die im Licht verglühen,
Deren Hoffnungen und Träume,
Und deren sozialen Zäune,
Uns mit sich reißen.

Wie mögen sie heißen?

Es raschelt,
Aufgestachelt
Flattert das Papier
Fort von mir.

Die nächste Seite wartet gewiss.
Und darauf ein wunderbarer Bliss.

Minki und das größere Wesen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten,)

Das kleine Wesen blieb nicht lange klein.

Minki wollte es verfluchen! Der Kater hatte dem Geschöpf von Anfang an nicht über den Weg getraut. Es hatte ihn seit jeher besorgt. Er war von dem Winzling so sehr schikaniert worden! Seine Ohren wurden gepeinigt. Seine Nase wurde ausgeräuchert. Sein Schwanz wurde massakriert!

Und endlich wusste er auch warum. Bei diesem Wesen handelte es sich um einen weiteren Zweibeiner. Einem ziemlich dummen Zweibeiner.

Der Kater sprang auf einen niedrigen eckigen Baum. Hier konnte ihn der Winzling nicht erreichen. Hier war er noch sicher vor diesen mickrigen Händen, die ständig nach ihm langten. Sicherlich würde die Frau seines Retters mit ihm schimpfen. Immerhin wusste er, dass er auf den eckigen Bäumen eigentlich nichts zu suchen hatte. Aber wenn Minki die Wahl zwischen ein paar bösen Worten und diesem winzigen Monster von einem Zweibeiner hatte, dann brauchte er nicht lange nachdenken.  

Forschend glitten seine Augen über den Kasten, in dem das Wesen hing. Die zwei Beine des Geschöpfs strampelten wild umher, während das Gerüst des Kastens den Körper aufrecht hielt. Die Arme des Felllosen kamen kaum über die Gefängniszelle, in der es festhing. Dennoch streckte es sie fordernd nach dem Kater aus und gab dabei immer dieselben unklaren Laute von sich.

Minki fauchte.

Das Wesen lachte.

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