B: Abgeschnitten

Drei Tage musste Liane bei den Brumes bleiben, obwohl nur eine Nacht angedacht war. Es waren drei ungeplante Tage, in denen sie Olivers Eltern besser kennenlernte. Drei warme Tage, die sie dem Unwetter zu verdanken hatte.

Der erste Regen war zum Abendessen vor der ersten Nacht gefallen. Es waren dicke Tropfen gewesen, die fordernd gegen die Fenster klopften. An sich war es nichts Ungewöhnliches. Centy erlebte immer wieder kräftige Regenschauer, die vor dem angrenzenden Gebirge niederprasselten. Gegen Mitternacht setzten jedoch auch heftige Winde und kurz darauf sogar noch Hagel ein.

In den frühen Morgenstunden hatte die Regierung eine Ausgehsperre verhängt.

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B: Ehrliche Worte

Liane brauchte zwei Anläufe, ehe sie klingeln konnte. Es fühlte sich zu falsch an. Als würde sie ihren Vater verraten! Noch konnte sie umdrehen und zurück nach Hause eilen. Er würde später sicherlich schimpfen. Aber er würde es verstehen. Sie könnten sich aussprechen. Wenn er wieder da war. Wenn es sich beruhigt hatte?

Inmitten ihrer Überlegungen fiel ihr auf, dass sie genau das doch tat! Sie ging zu Oliver, damit er sich beruhigen konnte und sie sich anschließend entspannter unterhalten würden. Ob nun für ein paar Stunden oder eine ganze Nacht sollte eigentlich irrelevant sein. Sie war ja kein kleines Kind mehr!

Erst als Liane zu dieser Erkenntnis kam, verflogen ihre Sorgen. Kurz darauf öffnete Olivers Mutter die Tür. Sie lächelte herzlich. Herzlich aber angespannt.

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K: Jessicas Familie

„Und dieser Nichtsnutz lässt sich wiedermal nicht blicken?“

„Er muss arbeiten“, entgegnete Jessicas Mama ruhig.

„Arbeiten! Aber sicher doch. An einem Wochenende!“

„Es gibt sehr viele Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen.“

„Pff! Und in welchem davon treibt er sich rum? Als Drogendealer? Ich glaube eher, dass er euch sitzen gelassen hat!“

Jessica zuckte unter den harschen Worten ihres Großvaters zusammen. Sie zwang sich zur Ruhe. Genauso, wie Papa es ihr beigebracht hatte. Sie musste ruhig bleiben. Sie und Nicole mussten die Worte an sich abprallen lassen. Sie durften nicht-

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B: Das Gewissen ansprechen

Chem Wak schimpfte fast eine halbe Stunde ins Telefon. Er hatte angerufen, nachdem sie im Büro angekommen waren. Nachdem ihm unterwegs schon die Vision heimgesucht hatte. Er hatte gespürt, wie sie sich aufgebaut – wie sie gewachsen und seine letzte beiseite gedrängelt hatte. Ihm war beinahe schwindelig geworden, so sehr verschoben die fernen Erlebnisse die Welt um ihn herum.

Das Haus der Rivers war leer gewesen. Lilith fort. Ihre Entschuldigung von einem Vater weg. Flyer waren durch die Straßen geflogen. Darauf die Gesichter der beiden. Nach mehreren Tagen hatte man herausgefunden, dass der Helikoptervater eine Campingausrüstung beim Verlassen der Stadt gekauft hatte. Dass er seine Tochter bei sich gehabt hatte.

Kurz darauf setzten massive Regenschauer ein. Erdrutschwarnungen folgten. Tote wurden unter den Steinlawinen geborgen. Tote, die den Vermissten ähnelten.

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B: Zerrende Angst

„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.

Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!

„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“

Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!

„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“

Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-

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