Gestern, Jetzt und Morgen

Ich bestaune die Abdrücke.
Jeden einzelnen Schritt.
Ich bestaune die Abdrücke,
Trete nicht draus zurück.

Einst erschienen sie mir riesig.
Gewaltig sogar!
Einst erschienen sie mir riesig,
Doch war das auch wahr?

Meine Umrisse sind nun ebenso groß.
Meine Umrisse erscheinen mir dubios.
Meine Umrisse sind kein Schatten mehr.
Sie befüllen die Abdrücke fair.

Vor mir steht das Gestern.
Mit seinen alten Semestern.
Mit seinem hängenden Armen-
Ich kann’s kaum ertragen!

Denn ich bin das Jetzt.
Das Jetzt, das die Spuren ersetzt.
Das Jetzt, das das Heute fetzt.
Das Jetzt, das aufs Ganze setzt!

Ja. Ich fülle die Spuren aus!
Ich mache das beste daraus.
Ich bin nun endlich am Zug-
Gewartet habe ich genug!

Doch schmerzt es am Fuße,
Beide bitten um Buße.
Sie verzweifeln am Wege,
Bitten um dringende Pflege.

Und hinter mir scharrt es.

Morgen wartet auf seinen Tag.
Morgen steht schon am Start.
Morgen füllt fast meine Spuren aus.
Morgen wartet auf seinen Applaus …

Und ich renne im Stress
Auf das ich Morgen vergess‘.

M: Das erste Lächeln

„Guten Morgen“, grüßte er Ling Chen Ma, als er, wie jeden Tag, unten an der Kreuzung mit ihm zusammenstieß.

„Ah. Guten Morgen“, erwiderte der Asiate lächelnd, „Heute wieder früher?“

Niklas zuckte mit den Schultern. Er gab sich gelassen. Nicht so, als hätte er wieder darauf gewartet, dass der andere endlich sein Apartment verließ. Nur, um den Kontakt zu wahren. Nur, um an Informationen zu kommen. Nur, um dabei unauffällig in dem neuen Viertel einzublenden.

„Konnte nicht schlafen. Du?“

Der Mann lachte gutmütig. Dennoch schien er sich umzusehen. Wie jeden Donnerstag. Also musste er auch letzte Nacht etwas gehört haben, über das er nicht frei sprechen konnte …

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Wahre Hilfe

Ich sehe Dich:

Deine Fehler.
Deine Schmerzen.
Deine Falten.
Deine Stärken.

Ich höre Dich:

Deine Ängste.
Deine Schimpfe.
Deine Trauer.
Deine Wünsche.

Wenn Du mich brauchst,
Bin ich für Dich da.

Wenn Du mich brauchst,
Komme ich allemal.

Wenn Du mich brauchst,
Musst Du nur rufen.

Wenn Du mich brauchst,
Musst Du mich nie suchen.

Denn ich bin da.
Und bleibe geduldig.

Denn ich bin da.
Und Du bist mir nichts schuldig.

Keine Erklärung.
Keine Umarmung.
Keine Ehrung.
Kein – Nichts.

Denn ich bin für Dich da
Und ich warte –
Auf Dich.

Ob Du einen guten Ratschlag brauchst?
Ob Du jemanden zum Zuhören brauchst?
Ob Du meine Nähe brauchst?

Ich weiß es nicht,
Aber ich warte.

Denn Du siehst mich.
Und kennst die Karte.
Du kennst mein Menü
Und wie ich mich bemüh.

Du wählst die Hilfe,
Die Du brauchst.

Du wähltest die Hilfe,
Und ich lausch.

Der Abschied

>Wieso bin ich hier?<

Inmitten von Ruinen,
beschattet von Toxinen,
Von des Meeres Gier,
Festgekettet wie ein Tier.

>Wieso kann ich nicht weg?<

Er gibt kein Elixier.
Nur dieses scharfe Rapier.
Es ist neu im Gepäck
Und erfüllt einen quälenden Zweck.

>Wieso kommen keine Tränen?<

Im Schrecken steck‘
Ich fest an diesem Fleck.
Ich möchte mich grämen,
Will es nicht annehmen!

>Wieso?!<

Wie Hyänen mit blitzenden Zähnen
Scheint das Meer sich auszudehnen.
Es wirkt beinah‘ froh!
Aufdringlich sowieso …

>…<

Es hatte den Nebel bemerkt.
Es hatte ihn nicht abgewehrt.
Hatte das Meer ihn verehrt?
Hatte es ihn gar begehrt?
Ihn hergezerrt?
Ihn ernährt?!

>Ich vermisse dich …<

Des Leuchtturms Licht
Erhellt keine Sicht.
Es sticht mir schlicht
– nimmermehr –
Ins verweinte Gesicht.

In Liebe und ewiger Trauer für meinen Großvater
~17.10.1934 – 09.08.2022
Medra

Die Realität

Rufen tat mich keiner
Und dennoch bin ich da.
Ich schmerze meinen Nächsten –
Egal ob klein, ob Schar.
~Die Pein

Rufen tat mich keiner
Und dennoch steh‘ ich hier.
Ich bringe dunkle Stunden
Jedem – sogar dir.
~Die Verzweiflung

Rufen tat mich einer
Ohne zu verstehen:
Mein Nehmen ohne Geben
Verdient kein Wiederseh’n.
~Der Krieg

Mich rufen ach so viele,
In Kummer, Glück und Tod
Wünschen sie sich Wärme,
Mein Licht in jeder Not.
~Die Liebe

Mich rufen ach so viele
Am Ende ihrer Kraft,
Sie hängen an dem Schimmer,
Träumen von einer höheren Macht.
~Die Hoffnung

Rufen tun mich alle
Und nehm’n sich Hand an Hand.
Doch stolpert auch nur einer,
Zerreißt das edle Band.
~Der Frieden

Drum stehe ich daneben
Male alles schwarz und weiß,
Werd‘ nicht angerufen,
Denn ich offenbare jeden Preis.
~Die Realität