Märchenstunde: Das Spiel der Flöte II

Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.

Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.

„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.

Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.

Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?

„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.

Weiterlesen

Timothy – Der Plan …

Schwarzer Tod. So hatte Timmy die Krankheit genannt. Sie wäre letztes Jahr auch durchs Dorf gewütet. Damals hatte sie Julie verschont. Nicht jedoch die Kinder, die die Straße runter gewohnt hatten.

Nur eines von den knapp zwanzig hatte überlebt.

„George hatte Medizin von einem Reisenden probiert. Papa hatte sie Balds Augensalbe oder so genannt. Keine Ahnung“, der Timmy wurde immer leiser.

Seine Stimme klang so angespannt …

„Vielleicht hat dieser George nicht alles davon aufgebraucht?“, fragte ich vorsichtig.

„Sicher doch! Und was dann? Hm?!“, er lachte höhnisch, während er seine Schwester an sich presste, „Wenn ich nach der Medizin frage, würde George wissen wollen, warum. Seine Eltern würden den Preis dafür in den Himmel feilschen. Nur, um zu bemerken, dass wir nicht zahlen können, weil wir hier allein leben. Wir würden ins Heim kommen – wenn Julie es überhaupt bis dahin schaffen wird!“

Er weinte. Dieser sonst so sture, schroffe Junge weinte. Er war am Ende seiner Kräfte. Wegen der Schwester, die er über alles liebte. Wegen-

Ein Gesicht schlich sich in meine Gedanken. Ein Mädchen. Nicht Jane. Es war zu mir gerannt, als das Anwesen gebrannt hatte. Sie hatte mich gerufen. Oder irrte ich mich? Wer-

„Es ist zu Ende“, Timmys Flüstern holte mich zurück und erschrocken wies ich die Erinnerung fort.

Weiterlesen

Timothy – Anschleichendes Unheil …

Mehrere Tage begleitete ich Timmy auf den Markt und warnte ihn vor unerwünschten Blicken. Dabei schwebte ich stets über ihm. Ich blieb aufmerksam. Ich flüsterte ihm Warnungen zu. Und wenn es zu gefährlich erschien, huschte ich durch die misstrauischen Erwachsenen, um sie erschaudern zu lassen.

Danach waren sie eh mit sich selbst beschäftigt.

Nur schien Timmy mir mit jedem Marktbesuch weniger zu vertrauen. Er hatte nichts an mir auszusetzen. Zumindest nichts, was er mir ins Gesicht sagte. Aber er wurde schroffer. Schroffer und aggressiver.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte ich, als wir auf dem Rückweg waren. Ich hatte schon vorher mit dem Gedanken gespielt, etwas zu sagen, aber da waren immer so viele Leute oder Julie zugegen gewesen. Und das erschien mir nicht richtig …

„Jetzt nicht“, murrte Timmy zurück.

Weiterlesen

M: Nebeneffekt

So war das nicht geplant gewesen.

Überrascht beobachtete Dr. Devison II das Heben und Senken des Brustkorbs vor ihm. Er schwebte zwischen Begeisterung und Schrecken. Eine zittrige Vermischung von Gefühlen. Alle ausgelöst von dem eigenartigen medizinischen Zustand seiner Patientin.

Sie hing regelrecht am Leben.

Erst letzte Woche war ihm die junge Dame als unfreiwillige Freiwillige für seine Forschungen überlassen worden. Er sollte eine Droge an ihr testen. Ein letzter klinischer Versuch, ehe er das Mittel für Niklas freigeben konnte. Also hatte er ihr absichtlich eine dreifache Überdosis verabreicht. Dadurch hätte ihr Kreislauf eigentlich kollabieren sollen. Vor allem bei dem Flüssigkeitsverlust! Sie hatte so viel geschwitzt, dass sich eine riesige Pfütze unter ihr gebildet hatte. Darin konnte der Arzt die Spiegelung des Stahltisches und der Ketten erkennen, die sie hielten. Er müsste sich später Judith zum Putzen holen …

Seine Augen wanderten wieder zu seiner Patientin zurück. Wild flatterten ihre Augenlider hin und her. Ihre Finger zuckten. Gelegentlich spannten sich ihre Beine an. Und ihr Herz …

Weiterlesen