B: Verschwommen klare Sicht

Liliths Bauch fühlte sich wie ein Bleikessel an. Ihre Finger wie die Werkzeuge eines anderen. Sie hatte sich auf einen Test des Glaubens eingelassen. Es war der einzige Weg gewesen, um Zeit zu schinden. Um dafür zu sorgen, dass Oliver Tina wegbringen konnte. Dennoch war er kurz darauf wieder in der Menge erschienen. Er beobachtete, wie sie und Tinas Vater sich abwechselnd Gewichte um die Beine banden. Wie sie dies direkt am Steg taten …

Es war ein altes Ritual. Eines, mit dem der alte Prediger sonst abtrat und der neue seinen Platz einnahm. Denn sobald sie beide ihre acht Gewichte trugen, mussten sie zeigen, dass diese wirklich fest an ihren Beinen verschnürt waren. Sie mussten in den See springen. Der Herausfordernde, in diesem Fall also sie, zuerst. Sie müsste darauf vertrauen, dass Tinas Vater ihr folgte. Dabei mussten sie ein kleines Tuch festhalten. Früher waren es Stofftaschentücher gewesen. Mit eingestickten Namen. Nun lagen nur kleine Baumwollfetzen am Rand des Steges. Denn erst wenn einer von ihnen seines losließ und es an die Wasseroberfläche trieb, durften die Zuschauenden den anderen retten.

Weiterlesen

Märchenstunde: Das Königreich der Hexen III

Mira und Nyx waren beide gekommen, um den Prinzen anzuhören. Sie trafen sich mit ihm am Waldrand, während Nia und ihre anderen Geschwister zwischen den Bäumen ausharren sollten. Falls das Treffen sich in einen Hinterhalt verwandeln würde, könnten sie so alle zügig reagieren. Sie könnten einander beschützen. Sie könnten den Prinzen und das nächste Dorf dem Erdboden gleich machen, ehe diese gar wussten, wie ihnen geschah!

Aber zuvor wollten sie den Nacktaffen sprechen lassen.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe Nyx Aurora zu sich rief und mit einer Aufgabe aussandte. Am liebsten wollte Nia näher herankommen, um die Worte auszumachen. Nur war ihre Aufgabe eindeutig gewesen.

Weiterlesen

Märchenstunde: Das Königreich der Hexen II

Es dauerte zwei Tage, bis der Prinz und die alte Frau wieder auf dem Pfad auftauchten. Nia saß wieder oben in den Bäumen. Sie beobachtete, wie die Nacktaffen am Waldrand herumlungerten. Fast so, als würden sie auf etwas warten. Oder auf jemanden? Vielleicht auf den Soldaten vom letzten Mal? Oder einen anderen? Er war ja diesmal nicht bei ihnen. Dabei war sich Nia sicher, dass sie ihn nicht zu stark verwundet hatte!

Kurz nach Sonnenhoch machten die Nacktaffen kehrt und liefen zum nächsten Dorf zurück.

„Was sie wohl wollten?“, fragte Aurora, die sich zu ihr gesellt hatte.

Weiterlesen

Märchenstunde: Das Königreich der Hexen I

Nia Birch beobachtete den verschlungenen Pfad am Waldrunter unter ihr. Er war ausgetreten. Beengend für die Nacktaffen des nächsten Dorfes. Zu breit für die Miracula, wie sie eine war. Und er befand sich fast fünf Körperlängen unter ihr. Hier hielt sie Wache. Sie hielt Ausschau nach den Biestern der Nacktaffen. Nach diesen Soldaten, die der König in die Wälder schickte. Diese Rüstungsträger, die Nia und ihre Familie stets ins Verderben stoßen wollten. Die immer nur kamen, um ihrer eins auszulöschen. Die immerzu ihren Tod wollten …

Und die immerzu dem Tod vorgestellt wurden.

Weiterlesen

K: Zum Shanai II

Es war das erste Mal, dass Maggie sie so plötzlich überwältigte. Und wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal sein.

Valerie konnte kaum mit ansehen, wie sich ihr Körper verkrampfte. Das Wasser zog sie nach unten. Die Strömung schob sie in die Finsternis. Der Shanai, dieser Heilwasserfluss – er zerrte sie in den Abgrund!

Panisch schlug ihr anderes Ich um sich. Sie war außer sich. Erschrocken. Ängstlich. Zu keinem klaren Gedanken fähig. Am liebsten wollte Valerie die Seele in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Doch wurde sie immer müder. Die Winde fehlten ihr. Die Luft-

HI- HILFE!, war das einzig Vernünftige, das Maggie durch ihre Gedanken schreien konnte.

Weiterlesen