Von zwei Seiten

Ausgehend von links,
Ausgehend von rechts,
Treffen sich beiderlei Schritte
Auf des Übergangs Mitte.

Die Brücke verbindet unsere Seiten,
Sie lässt uns hinüberschreiten.
Denn nirgends sonst ist ein Weg,
Und nirgends sonst ist ein Steg,
Über das endlose Gewässer
Mit Steinen wie Messer.

Fordernd recken sie sich empor,
Schauen aus Wellen hervor.
Sie besiegeln das Ende,
Wenn ich mich abwende,
Wenn das Geländer nicht wär‘,
Wenn ich die Lücken verehr‘ …

Schluckend blicke ich fort,
Sehe in der Ferne dein Ressort.
Es steht am Ende der Brücke,
Hinter der einst so weiten Lücke,
Die ich nun überbrücke!

Aber der Übergang ist federig.
Der Übergang ist wackelig.
Der Übergang ist moderig-

Auf meiner Seite.

Bei dir sieht es anders aus.
Bei dir fehlt der düst’re Graus.
Dort glänzt Marmor wie Mondenschein,
Während mein Holz hier vor Pein

Schreit,
Weint,
Stirbt …

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten die sie stützt,
So wird der Übergang beschützt.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten – von jedem eine,
Zwei Seiten – auch von mir eine.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Der drüben ist perfekt,
Während meiner schon verreckt …

K: Zum Shanai II

Es war das erste Mal, dass Maggie sie so plötzlich überwältigte. Und wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal sein.

Valerie konnte kaum mit ansehen, wie sich ihr Körper verkrampfte. Das Wasser zog sie nach unten. Die Strömung schob sie in die Finsternis. Der Shanai, dieser Heilwasserfluss – er zerrte sie in den Abgrund!

Panisch schlug ihr anderes Ich um sich. Sie war außer sich. Erschrocken. Ängstlich. Zu keinem klaren Gedanken fähig. Am liebsten wollte Valerie die Seele in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Doch wurde sie immer müder. Die Winde fehlten ihr. Die Luft-

HI- HILFE!, war das einzig Vernünftige, das Maggie durch ihre Gedanken schreien konnte.

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K: Zum Shanai I

Valerie Maggie lief ruhig und bedacht durch die dunklen Flure zu ihrer Spielgefährtin. Nichts anderes würde man von ihr erwarten. Das hatte ihre Lehrerin oft genug betont. Sie müsse sich stets ehrenhaft präsentieren. Auch wenn sie keine Lust darauf hätte.

Wenigstens diesmal blieb ihr jedoch der Druck dabei erspart. Da sie noch im Kindesalter war, besaß sie keine eigenen Auxilius, die auf sie aufpassten. Und von den beiden Leibwächtern ihrer Mutter war einer unterwegs. Der andere musste bei ihren Eltern bleiben, während sich diese stritten. Und ihr Bruder? Der saß gerade in seinem eigenen Unterricht und könnte sie nicht verpetzen!

Es war ihre erste Chance seitdem sie hier wohnten!

Vielleicht sollten wir es dennoch sein lassen? Mama sah so unglücklich aus, bemerkte Maggie zögerlich.

Das kann nicht dein Ernst sein! Du wolltest dir doch den Fluss ansehen! Wir sind vor Monaten hergezogen und durften nicht ein einziges Mal hoch. Das ist viel zu bescheuert!

Hm, damit verstummte ihre andere Seele wieder.

Maggie war so ein Mamakind!

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K: Affinitätenwandel II

Als die Dunkelheit endlich von ihr abfiel, befand sich Cindy Lucy in ihrem Zimmer. Hier hatte sie den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Der Raum war ihr so vertraut wie ihre eigenen Hände. Sie hatte hier ein riesiges Bett, gewaltige Schränke, hohe Decken, viel Platz um sich zu bewegen, zu tanzen, zu trainieren …

Und dennoch erschien ihr nun alles kleiner. Beengter. Erstickender.

Wie ein Käfig.

Zitternd streckte sie die Hand nach der Zimmerdecke aus. Diese Decke, die mit einem strahlenden Himmel bemalt war. Ein Himmel, der dem echten keine Konkurrenz machte. Der viel zu platt wirkte. Viel zu hohl. Er war nicht richtig. Nicht echt.

Nichts fühlte sich mehr echt an!

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K: Affinitätenwandel I

Cindy Lucy war fünf, als ihre Großmutter sie das erste Mal an die Oberfläche führte. Zuvor war die Welt über ihr nur ein Mythos gewesen. Eine weitere Etage in einem Anwesen, das sich fast gänzlich unter der Erde versteckte. Dass der Himmel nicht nur ein Bild an einer Zimmerdecke war, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Bis sie hoch gebracht wurde, um das erste Mal reine Luft zu berühren. Ein Macian brauchte diese Berührung, wurde ihr gesagt. Damit sie den Wind spürten. Damit sie ihn bändigen konnten. Damit sie seine Wildheit verstanden.

Begeistert drehte Cindy sich im Kreis.

„Die Sonne ist so warm“, verlor sie ihre Worte in die Welt – denn heute echoten sie nicht zurück.

Es wirkte so weit. So … offen.

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