Märchenstunde: Der Zirkel der Miracula II

„Hallo, mein Name ist Aura. Das ist die Kurzform von Aurora, weißt du?“, stellte sich der Vogel vor.

Das ängstliche Mädchen schüttelte den Kopf und schob sich gegen Miras Beine.

„Alles gut. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Darf ich mir deine Stirn einmal ansehen? Nur kurz?“

Unschlüssig schaute das Kind zwischen Mira und dem großen Vogel hin und her. Sie wirkte angespannt. So, als wollte sie ablehnen. Als fürchtete sie sich jedoch, dann verstoßen zu werden. Deswegen schien sie auf Hilfe zu hoffen. Auf eine Eingebung.

Aber diese konnte Mira ihr nicht geben. Das Kind musste selbst entscheiden.

Jedem gehörte nur das eigene Leben!

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Märchenstunde: Der Zirkel der Miracula I

„Wenn du ein neues Leben beginnen möchtest, so folge mir. Weder ich noch meine Familie werden sich von dir abwenden“, erklärte Mira dem winzigen Kind vor sich.

Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt. Ihre Lumpen erinnerten sie an ihre eigenen. An damals. Als sie in den Wald gejagt wurde. Fort, von den scheußlichen Menschen. Zu der einzigen Mutter, die sie bedingungslos annahm.

„Du bist eine … Hexe?“, flüsterte die Kleine.

„Miracula“, korrigierte sie sanft, „Möchtest du auch eine werden?“

Das Kind stolperte einen Schritt zurück. Sie schaute über ihre Schulter. Schien inne zu halten.

Nickte.

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Märchenstunde: Miras zweites Leben II

Mira erwachte zu einem leisen Knacken. Müde rieb sie sich die Augen und starrte auf die Eier neben ihr. Es waren zwölf Stück. Alle mit kleinen braunen und schwarzen Flecken überhäuft. Alle so groß wie ihr Kopf und-

Dazwischen lagen riesige schwarze Federn.

Auf einen Schlag war sie wach und schaute sich nach dem großen Vogel um. Dieser hatte sie mit so einem komischen Flausch zugedeckt. Er war weich. Und warm. Deswegen hatte sie sich so geborgen gefühlt.

Geborgener als je zuvor.

„Wieder von Sinnen?“, fragte das große Wesen, das neben dem Nest auf dem Vorsprung kauerte.

Zögerlich nickte Mira. Sie versuchte, sich aus der Wärme zu befreien. Sie hatte nichts in diesem Nest zu suchen. Sie war kein Vögelchen …

Sie war nur ein verstoßener Mensch.

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Märchenstunde: Miras zweites Leben I

Man hatte Mira in den Wald gejagt. An dem Tag, an dem ihr kleiner Bruder seinen ersten Namenstag feierte, hatte ihr Vater sie ausgestoßen. Sie wäre nun nichts mehr wert. Ihr Bruder hätte das erste Jahr ja gemeistert. Er konnte bereits laufen. Die ersten Worte sprechen. Er war vielversprechend!

Vielversprechender als sie. Sie war ja nur ein Mund zu viel, den ihre Eltern stopfen mussten.

Mira hatte nichts mitnehmen dürfen. Einzig der Lumpen namens Kleidung war ihr geblieben. Aber der war eh mehr Deko als Kälteschutz. Die richtige Kleidung, das Essen, ihre Eltern gehörten ihrem Bruder.

Dem besseren Kind.

Schluchzend stolperte sie über eine Wurzel und taumelte ins Unterholz. Die Gräser hier waren noch feucht vom Tau. Feucht und kalt. Doch Mira spürte die Kälte nicht. Sie war das Zittern gewohnt. Sie war die Einsamkeit in ihrem Herzen gewohnt. Dieses Gefühl, nicht erwünscht zu sein …

„Wäre ich nur ein Junge“, flüsterte sie und wandte sich vom Pfad ab.

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Timothy – Die Ernte …

Unruhe erfasste mich, als die große Tür hinter Jane zufiel. Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen, aber ich musste mich auch sammeln. Ich musste meinen Zorn richtig lenken. Ich brauchte ihn!

Der Exorzist stapfte durch den Schnee an mir vorbei. Ich beobachtete, wie er sich kurz abklopfte, ehe er die Kirche betrat. Er wirkte so gefasst. So gelassen.

Ich musste ihn mir zu Nutze machen!

Entschlossen schwebte ich durch die Mauern und setzte mich auf das Podest. Genau hinter den Pfarrer. Wie geduldig der Mann doch auf die Dorfbewohner wartete. Als wollte er sein Publikum vollständig wissen.

Dennoch huschte sein Blick immer wieder zu Jane, die sich in der ersten Reihe niedergelassen hatte. Ich konnte Unsicherheit in seinem Blick erkennen. Warum? War er noch von meiner morgendlichen Anwesenheit verängstigt?

Erst als der Exorzist sich neben ihr niederließ, schien sich der Pfarrer zu beruhigen.

Vorerst.

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