Märchenstunde: Die letzte herzlose Tat II

Domini musste sich drei Tage gedulden, ehe er die Chance ergreifen konnte. Drei Tage, in denen er sich seinem Vater unterordnete und vor diesem auf dem Boden kroch. Drei Tage, in denen er sich über die kranken Taktiken des Mannes belehren ließ, mit denen er die Dörfer erpresste. Mit denen er sich stets all jenes nahm, was ihm nicht zustand.

Nach der Lektion am dritten Tag gab Domini vor, Kopfschmerzen zu haben und sich zurückzuziehen. Er behauptete, dass der Berg ihm Alpträume bescherte, weil er sich stets an die Taten aus der Nachfolgesuche erinnern müsse. Und dass er wohl nun eine Pause bräuchte.

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Märchenstunde: Das Erbe des Berges I

Nachdenklich lehnte sich Domini an eine kahle Wand des Berges, von der er aus Novas Unterschlupf sehen konnte. Hier wartete er auf das Mädchen, mit dem er sich jeden Halbmond traf. Deita. Die Ziehschwester seiner eigenen. Und eine der wenigen, die wusste, wer Nova wirklich war.

„Du hast lange gebraucht“, grüßte er, als sie die Klippe bezwang.

Es war zu gefährlich, ihr aufzuhelfen. Wenn sein Vater oder seine Geschwister bemerkten, dass der Berg sich hier verschob, würden sie ihn leichter finden können. Es könnte ihnen auffallen, dass er regelmäßig herkam. Vielleicht würden sie sogar erkennen, dass Nova noch lebte. Dass der verbrannte Körper, den er letztes Jahr seinem Vater gebracht hatte, nur eine Fremde gewesen war.

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K: Am Shanai I

Tristen Steffen gab sich zwar aufmerksam und interessiert – dennoch nervten ihn die Erklärungen seiner Lehrerin. Klar. Er wusste, dass er alles über die Generäle wissen musste. Es war seine Pflicht. Wie sonst sollte er sie hinterfragen können, wenn seine Mutter oder Schwester verhindert waren?

Aber genau das war der Punkt: Wenn die weiblichen Floras verhindert waren. Die Generäle würden ihn ignorieren können, sobald auch nur seine Schwester zugegen war. Ihr Wort war wichtiger als das seinige. Sie war diejenige, der er den Rücken freihalten musste. Er würde neben ihr stets verblassen.

Wieso sollte er also jedes Detail der Generäle im Schlaf aufzählen können?

Wenigstens scheint Vali mit dem Unterricht für heute durch zu sein, murmelte Steffen gähnend.

Schleichst du dich schon wieder in ihre Gedanken? Das mag sie doch nicht!, belehrte er seine andere Seele.

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K: Zum Shanai I

Valerie Maggie lief ruhig und bedacht durch die dunklen Flure zu ihrer Spielgefährtin. Nichts anderes würde man von ihr erwarten. Das hatte ihre Lehrerin oft genug betont. Sie müsse sich stets ehrenhaft präsentieren. Auch wenn sie keine Lust darauf hätte.

Wenigstens diesmal blieb ihr jedoch der Druck dabei erspart. Da sie noch im Kindesalter war, besaß sie keine eigenen Auxilius, die auf sie aufpassten. Und von den beiden Leibwächtern ihrer Mutter war einer unterwegs. Der andere musste bei ihren Eltern bleiben, während sich diese stritten. Und ihr Bruder? Der saß gerade in seinem eigenen Unterricht und könnte sie nicht verpetzen!

Es war ihre erste Chance seitdem sie hier wohnten!

Vielleicht sollten wir es dennoch sein lassen? Mama sah so unglücklich aus, bemerkte Maggie zögerlich.

Das kann nicht dein Ernst sein! Du wolltest dir doch den Fluss ansehen! Wir sind vor Monaten hergezogen und durften nicht ein einziges Mal hoch. Das ist viel zu bescheuert!

Hm, damit verstummte ihre andere Seele wieder.

Maggie war so ein Mamakind!

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Fujis Seelenverwandte

Fuji fühlte sich verlorener denn je. Früher hatte er wenigstens auf die Sterne vertrauen können. Aber seitdem er sich mit ihnen zerstritten hatte, um der Sonne zu helfen …

Und nun wollte Sabine seine Hilfe nicht einmal …

Die Wolke sackte in sich zusammen.

Hatte er dem Himmelskörper wirklich nur helfen wollen, um sich selber gut zu fühlen? Nein! Oder doch? Machten andere das so? Halfen sie einzig, um im Anschluss den Dank einzuhamstern?

Eine dunkle Erinnerung kämpfte sich in ihm hoch.

„Wir leben um zu sterben“, murmelte er vor sich hin.

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