Die Fahrt im Auto verlief angespannt. Angespannt aber erleichtert. Chemy hatte sich zu Olivers Vater nach vorne gesetzt, während Tina, Shiloh und Oliver sich mit Lilith hinten ins Fahrzeug gequetscht hatten. Wahrscheinlich waren ihm die anderen Jugendlichen zu suspekt gewesen. Vielleicht waren sie und Oliver ihm zu nass. Oder er musste noch seine Gedanken ordnen. Vielleicht hatte er deswegen das Zwischenfenster der Limo nach oben gefahren?
„Du wärst fast gestorben …“, hauchte Tina nach einer Weile aus.
Unschlüssig sah Lilith zu ihr herüber. Dann nickte sie.
Liliths Bauch fühlte sich wie ein Bleikessel an. Ihre Finger wie die Werkzeuge eines anderen. Sie hatte sich auf einen Test des Glaubens eingelassen. Es war der einzige Weg gewesen, um Zeit zu schinden. Um dafür zu sorgen, dass Oliver Tina wegbringen konnte. Dennoch war er kurz darauf wieder in der Menge erschienen. Er beobachtete, wie sie und Tinas Vater sich abwechselnd Gewichte um die Beine banden. Wie sie dies direkt am Steg taten …
Es war ein altes Ritual. Eines, mit dem der alte Prediger sonst abtrat und der neue seinen Platz einnahm. Denn sobald sie beide ihre acht Gewichte trugen, mussten sie zeigen, dass diese wirklich fest an ihren Beinen verschnürt waren. Sie mussten in den See springen. Der Herausfordernde, in diesem Fall also sie, zuerst. Sie müsste darauf vertrauen, dass Tinas Vater ihr folgte. Dabei mussten sie ein kleines Tuch festhalten. Früher waren es Stofftaschentücher gewesen. Mit eingestickten Namen. Nun lagen nur kleine Baumwollfetzen am Rand des Steges. Denn erst wenn einer von ihnen seines losließ und es an die Wasseroberfläche trieb, durften die Zuschauenden den anderen retten.
Chem Wak wartete ungeduldig auf der Polizeistation. Er war allein gekommen. Ohne seinen Fahrer. Deswegen hatte er auch ein normales Taxi nutzen müssen. Eines, das gestunken hatte. Eines, das die ganze Fahrt über geklappert und gezischt hatte. Eines, in dem der Fahrer kein Wechselgeld gehabt haben wollte!
Er verabscheute es.
Aber noch mehr verabscheute er es, wenn er sich irrte. Seit Freitagabend hatte er nun schon diese schwankenden Visionen über die Zukunft. Er hatte geglaubt, dass sie erst zum nächsten Wochenende von Relevanz wären. Weil die Zeitung in seiner Vision vom darauffolgenden Sonntag war. Weil sie von einer ruhigen Gegend handelten. Weil es Lilith ja gut gehen sollte.
Chem Waks Träume waren schon immer anders gewesen. Sein Kopf suchte ferne Welten auf, wenn er in die Trance fiel. Welten, die einem Menschen zu sonderbar, zu seltsam erscheinen würden. Doch für ihn? Für ein Wesen, das verdammt wurde, da es nicht die Zukunft seiner eigenen Welt sehen konnte?
Dafür jedoch die Zukunft von Liliths Heimat?
Nachdenklich musterte er die Wesen, die durch seinen Traum wanderten. Wesen, die mit Gesten und Gerüchen kommunizierten. Die Lichter ausstrahlten, um sich Gehör zu verschaffen. Die schrien. Die ihre Gedanken übertrugen ….
Chem Wak starrte auf die Nachricht von Mr. Brume. Es kam ihm verkehrt vor, dass er Liliths Nachforschungen nicht erahnt hatte. Oder beeinflussten sie die Zukunft nicht? Wäre es egal, ob sie diesen Teil der Wahrheit erfuhr? Es war immerhin nur ein winziges Fragment. Kaum der Rede wert.
Oder vielleicht doch?
Erneut las er die zwei Zeilen auf seinem Handy. Zwei Zeilen aus dem einzigen Chatgespräch, das er je geführt hatte. Alles andere ließ er lieber über seinen Fahrer abwickeln. Oder per Telefonat. Das war direkter. Und er musste sich nicht um mögliche Rechtschreibfehler sorgen.
Ich bin mit Liane auf dem Weg zu Lucas Bach. Sie glaubt, den Mann zu kennen. Ich passe auf sie auf.
Dass er auf sie aufpasste, bezweifelte Chem Wak nicht. Dass sie diesen Lucas Bach erkennen würde, war auch nicht ausgeschlossen. Doch darüber hinaus?