Von zwei Seiten

Ausgehend von links,
Ausgehend von rechts,
Treffen sich beiderlei Schritte
Auf des Übergangs Mitte.

Die Brücke verbindet unsere Seiten,
Sie lässt uns hinüberschreiten.
Denn nirgends sonst ist ein Weg,
Und nirgends sonst ist ein Steg,
Über das endlose Gewässer
Mit Steinen wie Messer.

Fordernd recken sie sich empor,
Schauen aus Wellen hervor.
Sie besiegeln das Ende,
Wenn ich mich abwende,
Wenn das Geländer nicht wär‘,
Wenn ich die Lücken verehr‘ …

Schluckend blicke ich fort,
Sehe in der Ferne dein Ressort.
Es steht am Ende der Brücke,
Hinter der einst so weiten Lücke,
Die ich nun überbrücke!

Aber der Übergang ist federig.
Der Übergang ist wackelig.
Der Übergang ist moderig-

Auf meiner Seite.

Bei dir sieht es anders aus.
Bei dir fehlt der düst’re Graus.
Dort glänzt Marmor wie Mondenschein,
Während mein Holz hier vor Pein

Schreit,
Weint,
Stirbt …

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten die sie stützt,
So wird der Übergang beschützt.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten – von jedem eine,
Zwei Seiten – auch von mir eine.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Der drüben ist perfekt,
Während meiner schon verreckt …

B: Suche: Bezugsperson. Biete: Familie?

Chem Wak wartete, bis Mr. Brume ihn mehrere Straßen weiter gefahren hatte, ehe er das Wort an ihn richtete. Er gab sich dabei desinteressiert. Abwesend. Vollkommen auf die Papiere in seinen Händen fokussiert.

Dennoch hing er seinem Fahrer an den Lippen.

„Irgendetwas Neues?“

Stille legte sich über das Fahrzeug. Draußen raste ein Taxi an vorbei. Dann lenkte sein Chauffeur den Wagen in eine Seitenstraße und parkte. Sie hatten noch genügend Zeit, ehe der nächste Termin anstand.  

„Sie sah kleiner aus“, murmelte Mr. Brume, „Erschöpft. Als hätte sie mit sich zu kämpfen … Ich glaube-“, er schluckte, „Mr. Belial, Ihre Schwester braucht mehr Unterstützung. Das Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Ich weiß nicht, was in der Schule vorgefallen ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihr zu viel wird. Dass ihr alles zu viel wird. Sie ist ein Teenager. Mit einem überfürsorglichen Vater, den Ihr durch die vielen Extraaufgaben auslaugt. Sie hat keine gesunde Bezugsperson, also, ich meine kein richtiges Elternteil oder … Sie …“

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Timothy – Zum Meer

Wir brachen im Schutz der Dunkelheit auf. So gedachten wir, keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Timmy trug die wenigen Vorräte und ein Messer bei sich, Julie zwei Decken sowie ihr Familienfoto. Mehr konnten die beiden Kinder nicht tragen. Nicht, solange sie zügig voran kommen wollten. Und nicht, solange ich keinen Körper besaß.

Still schwebte ich um die Geschwister herum, um Ausschau zu halten. Ich musste zusehen, dass ich sie ungesehen aus dem Dorf bekam. Sobald ich jemanden bemerkte, gab ich Timmy Bescheid, der seine Schwester dann eilig versteckte. So schlichen wir uns stumm zur nächsten Handelsstraße.

Nun mussten wir besonders vorsichtig sein.

„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, flüsterte Julie, als der morgendliche Nebel die Welt verschluckte.

Timmy sah sich nach mir um. Ich konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Immer wieder schwebte ich voraus, um alles auszukundschaften. Ich wusste, wie die Straße aussah, wo sich die Schlaglöcher befanden und wo die vergessenen Pferdeäpfel lagen.

Doch Janes Enkelkinder waren in diesem Nebel fast blind.

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M: Die Dinos

Philip wusste nicht mehr, wann die Tradition in ihrer Familie Fuß gefasst hatte. Sie war irgendwie schon immer Teil seines Lebens gewesen. Seit er gar denken konnte! Nur dafür verabschiedete er sich jeden Abend von seinen Plastikdinos und wünschte ihnen eine erfolgreiche Nacht. Anschließend holte er sich seine Gute-Nacht-Küsse ab und eilte ins Bett, damit die Dinos ihre eigenen Abenteuer erleben konnten.

Mittlerweile wusste Philip, dass die Spielzeuge nachts nicht lebendig wurden. Er wusste, dass sein Dad die Spielzeuge jeden Abend neu platzierte. Er wusste, dass sein Papa manchmal ganze Kulissen aufbaute. Er wusste, dass all die Reisen seiner kleinen Dinos nur Märchen waren. Fantasievolle Geschichten, die nichts mit der Realität gemein hatten. Er wusste es, seitdem er in die Schule ging. Seitdem er dort von den Wichtelmännern und Osterhasen gehört hatte. Das hatte ihm die Augen geöffnet.

Dennoch hatte er sich weiterhin jeden Morgen auf ihre Tradition gefreut.

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K: Zum Shanai II

Es war das erste Mal, dass Maggie sie so plötzlich überwältigte. Und wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal sein.

Valerie konnte kaum mit ansehen, wie sich ihr Körper verkrampfte. Das Wasser zog sie nach unten. Die Strömung schob sie in die Finsternis. Der Shanai, dieser Heilwasserfluss – er zerrte sie in den Abgrund!

Panisch schlug ihr anderes Ich um sich. Sie war außer sich. Erschrocken. Ängstlich. Zu keinem klaren Gedanken fähig. Am liebsten wollte Valerie die Seele in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Doch wurde sie immer müder. Die Winde fehlten ihr. Die Luft-

HI- HILFE!, war das einzig Vernünftige, das Maggie durch ihre Gedanken schreien konnte.

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