M: Abschied nehmen I

Der Weg nach oben fühlte sich unendlich länger an. Kräftezerrender. Immer wieder spannte sich Angeline an. Sie erwartete beinahe, dass sie aufgeflogen wäre. Wenn Niklas ahnte, was sie vorhatte, warum sie wirklich die Worte ihrer Mutter anders interpretiert hatte … Würde er seine Abmachungen mit ihr vergessen? Oder anders auslegen? Es wäre möglich, oder? Niklas hatte ja auch den ursprünglichen Deal immer seinen Wünschen entsprechend angepasst …

Und sie war nicht ihre Mom.

Sie war keine Radius. Sie war Angeline. Das einzige, was er von ihr im Endeffekt bekam, war der Mädchenname ihrer Mutter. Reichte ihm das wirklich?

Die Zweifel schlichen sich in einem stetigen Rhythmus an. Am liebsten wollte sie direkt zu Michael. Einfach, um mit ihm reden. Sollte sie ihm doch lieber von ihrer Abmachung mit Niklas erzählen? Von ihrem Plan?

Von ihren Umständen?

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Märchenstunde: Die Nachfolgesuche I

Domini war einer von insgesamt vierundzwanzig Geschwistern, die sein Vater mit neun verschiedenen Frauen gezeugt hatte. Das war in ihrer Familie so üblich. Ihre Mütter hatten es stets beteuert. Nur so wären genug Kandidaten vorhanden, um den besten Erben für den Berg zu finden. Es durfte immerhin kein Kranker an die Macht kommen. Kein Dummer. Kein Unfähiger.

Am Ende durfte nur einer von ihnen überleben.

Aus diesem Grund pflegten Domini und seine Geschwister keinen Kontakt miteinander. Von den meisten kannte er nicht einmal die Namen. Nur die Gesichter. Man sah sich tagtäglich: Beim Reden mit dem Berg, im Unterricht, während der Mahlzeiten … Ihr Vater selbst hielt sich eher bedeckt. Der fette Mann hatte nur Augen für die Schatzkammer und seine Begierden. Meist fand man ihn bei einer seiner Frauen oder inmitten seines Reichtums. Es war ein einziges Wunder, dass Domini nicht noch mehr Geschwister hatte – so oft, wie sich der arrogante Kerl seinen Gelüsten hingab …

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K: Am Shanai I

Tristen Steffen gab sich zwar aufmerksam und interessiert – dennoch nervten ihn die Erklärungen seiner Lehrerin. Klar. Er wusste, dass er alles über die Generäle wissen musste. Es war seine Pflicht. Wie sonst sollte er sie hinterfragen können, wenn seine Mutter oder Schwester verhindert waren?

Aber genau das war der Punkt: Wenn die weiblichen Floras verhindert waren. Die Generäle würden ihn ignorieren können, sobald auch nur seine Schwester zugegen war. Ihr Wort war wichtiger als das seinige. Sie war diejenige, der er den Rücken freihalten musste. Er würde neben ihr stets verblassen.

Wieso sollte er also jedes Detail der Generäle im Schlaf aufzählen können?

Wenigstens scheint Vali mit dem Unterricht für heute durch zu sein, murmelte Steffen gähnend.

Schleichst du dich schon wieder in ihre Gedanken? Das mag sie doch nicht!, belehrte er seine andere Seele.

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Von zwei Seiten

Ausgehend von links,
Ausgehend von rechts,
Treffen sich beiderlei Schritte
Auf des Übergangs Mitte.

Die Brücke verbindet unsere Seiten,
Sie lässt uns hinüberschreiten.
Denn nirgends sonst ist ein Weg,
Und nirgends sonst ist ein Steg,
Über das endlose Gewässer
Mit Steinen wie Messer.

Fordernd recken sie sich empor,
Schauen aus Wellen hervor.
Sie besiegeln das Ende,
Wenn ich mich abwende,
Wenn das Geländer nicht wär‘,
Wenn ich die Lücken verehr‘ …

Schluckend blicke ich fort,
Sehe in der Ferne dein Ressort.
Es steht am Ende der Brücke,
Hinter der einst so weiten Lücke,
Die ich nun überbrücke!

Aber der Übergang ist federig.
Der Übergang ist wackelig.
Der Übergang ist moderig-

Auf meiner Seite.

Bei dir sieht es anders aus.
Bei dir fehlt der düst’re Graus.
Dort glänzt Marmor wie Mondenschein,
Während mein Holz hier vor Pein

Schreit,
Weint,
Stirbt …

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten die sie stützt,
So wird der Übergang beschützt.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Zwei Seiten – von jedem eine,
Zwei Seiten – auch von mir eine.

Die Brücke hat zwei Pfeiler,
Der drüben ist perfekt,
Während meiner schon verreckt …

B: Suche: Bezugsperson. Biete: Familie?

Chem Wak wartete, bis Mr. Brume ihn mehrere Straßen weiter gefahren hatte, ehe er das Wort an ihn richtete. Er gab sich dabei desinteressiert. Abwesend. Vollkommen auf die Papiere in seinen Händen fokussiert.

Dennoch hing er seinem Fahrer an den Lippen.

„Irgendetwas Neues?“

Stille legte sich über das Fahrzeug. Draußen raste ein Taxi an vorbei. Dann lenkte sein Chauffeur den Wagen in eine Seitenstraße und parkte. Sie hatten noch genügend Zeit, ehe der nächste Termin anstand.  

„Sie sah kleiner aus“, murmelte Mr. Brume, „Erschöpft. Als hätte sie mit sich zu kämpfen … Ich glaube-“, er schluckte, „Mr. Belial, Ihre Schwester braucht mehr Unterstützung. Das Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Ich weiß nicht, was in der Schule vorgefallen ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihr zu viel wird. Dass ihr alles zu viel wird. Sie ist ein Teenager. Mit einem überfürsorglichen Vater, den Ihr durch die vielen Extraaufgaben auslaugt. Sie hat keine gesunde Bezugsperson, also, ich meine kein richtiges Elternteil oder … Sie …“

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