Angespannt umkreiste ich Julie. Ich konnte nicht anders. Ich musste bei ihr bleiben. Ich musste sie beschützen. Für sie da sein!
Dabei konnte sie mich nicht einmal sehen …
„Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, flüsterte ich in die Nacht hinein.
Denn ich hielt mich für schuldig. Schuldig, nicht bei Timmy geblieben zu sein. Schuldig, ihn nicht beschützt zu haben. Schuldig, ihn sterben gelassen zu haben.
Marie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geld aus der Börse ihrer Mutter stahl. Es kam einfach so über sie. Sie hatte Eis mit Diana essen gehen wollen und nicht mehr genug Taschengeld gehabt. Also hatte sie sich einfach ein paar Scheine von ihrer Mutter genommen. Das restliche Geld hatte sie für neuen Nagellack ausgegeben. Weil er ihrer Freundin so gefiel. Sie hatten die Flaschen untereinander aufgeteilt. Und am nächsten Tag wollten sie ihre Kunstwerke miteinander vergleichen.
Es war ein wunderbarer Ausflug gewesen! Marie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Erst als Sophie von ihrer Mom des Diebstahls bezichtigt wurde, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter ja gar nicht gefragt hatte. Dass sie sich einfach bedient hatte. Dass nun ihre Schwester den Ärger abbekam …
Scute tastete das ausgetrocknete Flussbett mit einem langen Stock ab. Er musste seinen ganzen Weg über hineinstochern. Nur um herauszufinden, wo die Erde noch matschig war. Wo sich die Schlammpfützen versteckten. Und wo er seine Füße sicher absetzen konnte. Erst als er auf der anderen Seite des Flusses ankam, konnte er damit aufhören.
Nachdenklich schaute er zurück. In zwei Tagen würde hier wieder der reißende Fluss hindurch peitschen. Davor musste er das Heilmittel für seine Großmutter finden. Das hatte die Wahrsagerin prophezeit.
TJ zog den Mantel enger um sich. Es war eigentlich nicht so kalt, dass er ihn bräuchte. Nicht zum Aufwärmen. Doch konnte er sich nur mit diesem ungesehen durch Kumohoshi schleichen. Denn der eingewebte Bannkreis gab ihm das Erscheinungsbild eines älteren Mannes. Das ersparte ihm die neugierigen Blicke, die er die letzten zwei Tagen bereits ertragen musste. Das ersparte ihm die Wachen, die ihm sonst seither folgten. Und es ersparte ihm die Fragen der anderen Hushen:
Wie war der Otou-san gestorben? Hatte sein Onkel schon entschieden, ob er die nächsten Jahre das Amt übernehmen würde? Die Rolle selbst durfte der Mann nur ausfüllen, wenn TJ sie verschmähte. Wenn TJ ein einfacheres Leben oder den Tod vorzog. Wäre das sein Plan? Wie würde er sich in die Machtverschiebungen eingliedern? Es wären immerhin viele hochrangige Hushen an einem Tag verstorben.
TJ wusste es nicht. Zu viel war geschehen. Er wusste noch, wie er sich von seinem Vater und besten Freund vor dem Angriff verabschiedet hatte. Wie sein Vater meinte, dass das Rechte nicht immer das Richtige war. Die beiden waren in den Stützpunkt eingedrungen, während TJ selbst die Umgebung mit überwachen sollte. So hatte er auch diese verwirrte Macian gefunden …
Zum Frühstück gibt es Brötchen. Mittags etwas Warmes. Um vier Kaffee und Kuchen. Abends etwas Kaltes.
Das war schon immer so!
Gearbeitet wird behände. Von Montag bis Freitag. Bloß nicht am Wochenende. Bloß nicht am Feiertag.
Das war schon immer so!
Den Vater lobt man auf jedem Schritt. Die Mutter bekommt dafür den Tritt. Die Großeltern machen alles gut. Die Kids sind die unwissende Brut.
Das war schon immer so!
Kinder dürfen keine Entscheidungen fällen. Jugendlichen wird jede Wahl abgesprochen. Erwachsene würden alles richtig erhellen. Die senilen Alten sind eh zerbrochen.
Das war schon immer so!
Jedes Muster gehört aufgebrochen. Jedes Vorurteil fortgeworfen. Nichts davon ist versprochen. Ein jedes wurde falsch entworfen.
Können wir es anders machen?
Manches mag uns klein erscheinen. Als unwichtig mag man es beschreiben. Dabei lässt jeder Stereotyp Personen leiden. Niemand ist hierbei zu beneiden.
Können wir es anders machen?
Warum sollte Kaffee nicht um drei gehen? Warum sollte die Arbeit samstags stehen? Warum sollten wir Eltern getrennt betrachten? Warum sollten wir des Kindes Worte missachten?
Können wir es anders machen?
Nicht jeder Apfel ist rund und rollt. Nicht jeder Dank ist auch erfolgt. Nicht jedes Lächeln ist gewollt. Nicht jedes Wort ist Gold …