Das erste Steinchen prallte gegen den Fensterrahmen. Das zweite traf allerdings die Glasscheibe. Ehe sie das dritte werfen konnte, tauchte Olivers verschlafene Gestalt dahinter auf.
Erleichtert wank Liane ihrem Freund zu. Sie deutete zur Haustür. Dann eilte sie auch schon um das Haus herum und wartete ungeduldig darauf, dass er ihr öffnete.
„Es ist noch nicht mal um fünf“, murmelte Oliver, als er ihr öffnete.
„Ich weiß. Es ist wichtig. Und- Entschuldige für die Steinchen. Ich bin vorhin ohne Handy los. Ist ziemlich verrückt und- Ich brauche deine Hilfe“, sie fühlte sich atemlos an.
„Das ist alles, was ich im Stadtarchiv zu den Tunneln finden konnte“, erklärte sie Mom Mona bei der Übergabe, „Den Rest hält die Stadtverwaltung unter Verschluss.“
„Hm, das ist mehr als erwartet. Du bist ein Schatz, Cherry“, murmelte die Frau, als sie die Papiere durchging, „Ich lasse Georgie die Zugänge am Hafen morgen nochmal prüfen. Gemma will, dass die Übergabe am Mittag so reibungslos wie möglich abläuft.“
„Übervorsichtig wie eh und je“, Lisa zuckte mit den Schultern. Sie war fertig mit ihrem Teil. Damit sollte sie bis Mittwoch Ruhe haben. Wenn nichts dazwischen kam, weil wieder neue Lacks vermutet werden würden.
Es war wie ein vergangenes Echo. Eine weit entfernte Erinnerung. Genauso wie die Bilder, die sie von den seltsamen Kreaturen angefertigt hatte. Von diesem Teufel. Diesem Kind. Diesen … Freunden?
Lilith, ich brauche di-
Abrupt setzte Liane sich auf. Sie schwitzte. Schemen verschoben sich vor ihrem inneren Auge. Geschöpfe, die so fremdartig und dennoch so vertraut wirkten. Sie fühlte sich wie in einem Science Fiction Film. Nur …
Marie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geld aus der Börse ihrer Mutter stahl. Es kam einfach so über sie. Sie hatte Eis mit Diana essen gehen wollen und nicht mehr genug Taschengeld gehabt. Also hatte sie sich einfach ein paar Scheine von ihrer Mutter genommen. Das restliche Geld hatte sie für neuen Nagellack ausgegeben. Weil er ihrer Freundin so gefiel. Sie hatten die Flaschen untereinander aufgeteilt. Und am nächsten Tag wollten sie ihre Kunstwerke miteinander vergleichen.
Es war ein wunderbarer Ausflug gewesen! Marie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Erst als Sophie von ihrer Mom des Diebstahls bezichtigt wurde, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter ja gar nicht gefragt hatte. Dass sie sich einfach bedient hatte. Dass nun ihre Schwester den Ärger abbekam …
TJ zog den Mantel enger um sich. Es war eigentlich nicht so kalt, dass er ihn bräuchte. Nicht zum Aufwärmen. Doch konnte er sich nur mit diesem ungesehen durch Kumohoshi schleichen. Denn der eingewebte Bannkreis gab ihm das Erscheinungsbild eines älteren Mannes. Das ersparte ihm die neugierigen Blicke, die er die letzten zwei Tagen bereits ertragen musste. Das ersparte ihm die Wachen, die ihm sonst seither folgten. Und es ersparte ihm die Fragen der anderen Hushen:
Wie war der Otou-san gestorben? Hatte sein Onkel schon entschieden, ob er die nächsten Jahre das Amt übernehmen würde? Die Rolle selbst durfte der Mann nur ausfüllen, wenn TJ sie verschmähte. Wenn TJ ein einfacheres Leben oder den Tod vorzog. Wäre das sein Plan? Wie würde er sich in die Machtverschiebungen eingliedern? Es wären immerhin viele hochrangige Hushen an einem Tag verstorben.
TJ wusste es nicht. Zu viel war geschehen. Er wusste noch, wie er sich von seinem Vater und besten Freund vor dem Angriff verabschiedet hatte. Wie sein Vater meinte, dass das Rechte nicht immer das Richtige war. Die beiden waren in den Stützpunkt eingedrungen, während TJ selbst die Umgebung mit überwachen sollte. So hatte er auch diese verwirrte Macian gefunden …