B: Die Kirche der alten Schule III

Noch immer starrte Lilith auf Tinas Vater. Jeden Moment, den sie vor dem Mann verbrachte, suchten sie mehr Erinnerungen heim. Sie erinnerte sich an düstere Lehren. Vergessene Regeln, die sie als Kind lernen musste. Die sie stets vor ihrer Mutter aufsagen musste. Die sie verinnerlichen musste. Die sie immerzu wiederholen musste.

Nach denen sie einst leben sollte …

„Damus der Gerechte hat nie aufgehört, über den See der Tränen zu wachen. Auch wenn die Sekte sein Antlitz unter das Wasser gezerrt hat“, entgegnete der Prediger vorsichtig.

„Nun, dürfte ich ihn dann besuchen? Oder wurde das diesjährige Präsent schon entschieden? Gerne würde ich ihn noch einmal lächeln sehen“, bemerkte Lilith.

Jemand keuchte. Leute schüttelten sich. Andere machten ihr Platz, sodass sie vor den Prediger treten konnte. Eine stumme Aufforderung, der sie auch nachkam. Und etwas, was dieser belohnte, indem er ihren Arm kurz darauf nach vorne riss, um sie auf die Knie zu zerren.

Liliths Körper reagierte von ganz allein: Sie beugte sich erst vor, ließ sich mit dem Ruck nach vorne fallen und als der Griff sich lockerte, stand sie in derselben Bewegung wieder auf. Es war wie ein altbekannter Tanz. Als hätte ihr Körper auf die Bewegungsabläufe gewartet. Immerhin war sie mit demselben Trick viel zu oft in die Knie gezwungen worden. Damals hatte ihre Mutter ihr dann Steine auf die Beine gelegt. Damit sie ordentlich säße. Damit sie verankert bliebe. Damit sie demütiger beten würde …

Denn vor Damus dem Gerechten sollte man immer demütig verharren.

„Wer. Bist. Du?“, zischte der Mann sie an.

Er sah genauso aus, wie der Priester, den ihre Mutter einst besucht hatte. Damals hatte Lilith ihn Vater Roland nennen sollen. Er hatte einen Schüler namens Theodore Tinte gehabt. Denn seine Kinder waren ausschließlich Töchter. Sie wusste noch, dass er all seine Mädchen gehasst hatte. Weil sie keine Buben waren. Die Schuld hatte er stets bei seinen Frauen gesucht. Sieben hatte er gehabt, soweit Lilith sich erinnern konnte.

Und jede einzelne hatte Vater Roland an Damus den Gerechten geopfert, sobald sie ihm ein Mädchen gebar.

„Lilith Bach. Tochter von Abigail Bach. Belehrte von Vater Roland. Und Zeugin Eures Untergangs“, behauptete sie so leise, dass nur er und Tina es hören konnten, „Ich habe Damus den Gerechten noch neben seinem Podest lächeln sehen. Und ich war dabei, als Vater Roland seine Frauen darbot, weil unsereins ihm nicht gut genug war. Und nun frage ich mich:

Hat Theodores Sohn nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?“

„Was erlaubst du dir?!“, er holte aus und verpasste ihr eine solche Backpfeife, dass Liliths Ohren klingelten.

Dennoch blieb sie vor ihm stehen. Sie hatte den Schlag erwartet. Denn kein Mann würde die Demütigung eines Mädchens annehmen. Doch da sie auch Angst und Sorge in seinen Augen erkannte, fasste sie Mut. Sie blickte ihn trotzig an. Drückte den Rücken durch. Lief an ihm vorbei, als wäre er Luft. Legte eine Hand auf das Gebäude hinter ihm.

„Ich erlaube mir, zu sagen, dass mir das Buntglas fehlt“, Lilith strich mit einer Hand über den zersprungenen Fensterrahmen.

Von Nahem sah es aus, als würde es jeden Moment einstürzen. Dennoch hatte man hinter den kaputten Scheiben einen Korb abgestellt. Einen, in dem sie Schnüre und Gewichte erkennen konnte. Damit waren einst die Knie der Opfergaben zusammengebunden worden. Sodass sie nicht aufstehen konnten. Sodass sie an der Stelle ertrinken mussten, an der der Prediger den Dank für Damus den Gerechten über Board warf.

Der Korb war erneut vorbereitet worden. Ja. Deswegen hatte sie so ein ungutes Gefühl. Heute war das Dankfest! Hätte sie sich besser nicht anbieten sollen? Oder hatte sie damit Tinas Leben bereits gerettet? Normalerweise war die Opfergabe immer ein Jahr im Voraus entschieden worden. Nur was, wenn sich die Riten geändert hatten?!

Sie mussten hier weg!

„Sie ist von den Toten auferstanden“, behauptete ein Frau, „Sie ist-“

„Ruhe!“, der Mann neben ihr fuhr sie so harsch an, dass sie sofort ihre Lippen zusammenpresste und demütig den Kopf senkte.

Lilith konnte Oliver hinter ihnen ausmachen. Doch nirgends war Shiloh zu erkennen. Hatte sich ihre Freundin zu gut versteckt? Oder war sie geflohen? Lilith hoffte nur, dass niemand die beiden bemerken würde!

„Nun, wir mögen keinen unangekündigten Besuch. Dann ist es doch nur passend, wenn du als Präsent dienst, oder?“, lachte der Prediger aus

Nur wirkte er nicht angsteinflößend auf Lilith. Nicht so wie Vater Roland einst. Tinas Vater war zu unruhig. Zu … Er fürchtete sich vor Lilith!

„Vater. Ich glaube nicht, dass-“, mischte Tina sich still ein, nur kam sie nicht weit, ehe ihr Vater sie anschrie.

„WER HAT DIR ERLAUBT ZU SPRECHEN, VIEH?!“

Er schlug Tina so heftig mit der Faust in den Bauch, dass sich alles in Lilith verkrampfte. Ein Teil von ihr wusste, warum niemand eingriff. Warum niemand dem Mädchen half. Sie war immerhin seine Tochter. Sein Eigentum.

Kein Sohn.

Lilith hasste diese Einstellung. Diese Gleichgültigkeit! Das einzige Vieh das sie sah, war der Prediger. Dieser Vater, der sein Kind nicht umarmen konnte. Es war ihr gleichgültig, dass Tina sie wahrscheinlich verpetzen wollte. Es war ihr gleichgültig, dass die anderen Menschen sein Verhalten für normal hielten.

Sie wollte, dass er sich selbst opfern musste.

„Oh, ich weiß nicht. Wie kann mich ein Prediger opfern, der seine eigene Religion nicht kennt?“, fragte sie den Mann.

„Willst du mich beleidigen, du-“

„Ich will anmerken, dass ich Euren Schein nicht sehe. Nicht so wie bei Vater Roland oder gar Theodore. Also sagt mir – wie kann ich prüfen, dass Ihr Eures Titels auch würdig seid?“, fragte sie.

„Ich … Ich bin der Prediger!“, verdattert schüttelte er den Kopf.

Lilith fasste Mut. Sie wusste, dass man den Prediger selten hinterfragte. Nun seinen Wert von einem Mädchen nicht anerkannt zu bekommen, musste ihn verwirren. Besonders nachdem sie sich geweigert hatte, vor ihn niederzuknien oder auf seine Backpfeife einzugehen.

„Nun, so predigt! Was sagte Damus der Gerechte warum zu seiner Familie, als er an diesen See trat?“

„Du meinst das ernst?“, er lachte, „Dies sei der Ort, an dem wir verweilen. Hier mögen wir in Frieden heilen.

„Genau“, stimmte sie ihm zu, „Und was geschah, als sein Sohn vor ihn gezerrt wurde, weil er jemanden ermordet hatte?“

„Er sprach: Fleisch und Blut mögen uns verbinden, doch wirst du nun auf ewig verschwinden“, der Mann lächelte sie gehässig an, „Glücklich?“

„Nein“, Lilith schob sich um ihn herum und wies zum See, „Denn mir fehlen noch ein paar winzige Details: Wovon wollten Damus der Gerechte und seine Familie heilen? Und wer errichtete wie die Statue, die Euereins im See verloren hat?“, sie senkte die Stimme, „Wieso begründete die Tochter von Damus dem Gerechten die Opferungen am Dankfest?“

Schaudernd trat er einen Schritt zurück: „Damus hatte keine-“

„Damus der Gerechte und seine Familie wollten heilen, nachdem ihm seine Frau von einem anderen Mann geraubt worden war“, unterbrach sie ihn mit fester Stimme, „Sein Sohn errichtete die Statue seines Vaters, um Wiedergutmachung zu ersuchen, nachdem er seinen Halbbruder ermordet hatte – da er jedoch nicht vor seinen Vater treten durfte, brachte er sein Geschenk zum See der Tränen. Jener, der nach dem Tod von Damus dem Gerechten seinen Namen erhielt. Weil seine Tochter genau hier all ihre Tränen vergoss und sich als allererste opferte, damit sie jene Frau wäre, die ihren Vater nie verließe.“

Lilith atmete tief durch. Sie sah, wie Oliver sich in der Menge nach vorn geschoben hatte. Wie er nun versuchte zu Tina zu gelangen, die  noch immer zusammengerollt auf dem Boden lag.

Also lief Lilith in die andere Richtung. Näher an den See. Um Tinas Vater dazu zu bekommen, von Tina wegzutreten. Der Mann sollte ihr folgen. Er sollte auf ihre Herausforderung eingehen. Nicht bei seiner Tochter bleiben!

„Ist es nicht ein wenig pompös, sich Prediger zu schimpfen, wenn man die Hintergrundgeschichten kaum noch kennt?“, fragte sie ihn.

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