Timothy – Heiratsbedingungen

Die Verlobung wurde zwei Wochen später bekannt gegeben. Und wie Elisabeth vorhergesagt hatte, wandte sich Alexander damit auch an Julie und betonte ihre immerwährende Unterstützung für Julie. Er äußerte, dass er so jemanden für seinen jüngeren Bruder bräuchte. Für diesen aufmüpfigen Chaoten, der ein Herz aus Gold hätte. Dass er und Maria sich daher freuen würden, wenn Julie ein Teil ihrer Familie werden würde.

Genauer gesagt: Bernhards Frau.

Alexander ließ es dabei wie ein herzliches Angebot klingen. Nicht wie eine Bedingung, die Marias Vater an die Eheschließung mit Maria geknüpft hatte. Die nur existierte, damit Elisabeth sich Marias Gesundheit und Freude sicher sein konnte …

„Ich würde mich geehrt fühlen“, erwiderte Julie höflich, sobald sie das Angebot vernahm und verneigte sich leicht.

„Nicht doch! Als meine Schwägerin brauchst du vor mir nicht dein Haupt zu senken! Dafür werdet ihr beide – du und Bernard – ihr werdet ein perfektes Paar abgeben! Fast schon so traumhaft, wie Maria und ich.“

Angewidert schüttelte ich mich. Die Lügen dieses Mistkerls stanken bis in den Himmel! Immerhin hatte ich seine letzten Briefe gelesen. Und in jedem davon hatte sein jüngerer Bruder geflucht und gezetert, weil er lieber auf die Jagd gehen wollte, als ein Ehebett zu besteigen!

„Ihr ehrt mich ungemein, doch ist noch keiner von uns vor die Kapelle getreten“, bemerkte Julie höflich.

„Julia!“, warnte Maria still, ehe sie sich ihrem Verlobten zuwandte, „Sie meint es nicht so. Es kam ihr wahrscheinlich alles nur zu schnell“, eilig schaute sie erneut zu ihrer Freundin, „Ich weiß, es klingt zu schön, um wahr zu sein, aber Alexander meint es wirklich ernst. Er hat Bernhard von dir berichtet und nun möchte sein Bruder dich aus seinem Leben nicht mehr missen. Dich!

Ich musste mich zusammenreißen, nicht loszulachen. Julies Stand war weit unter dem von Maria. Dass Alexander nun also half, Julie mit diesem Bernhard zu verloben – konnte oder wollte dieses eigensinnige Ding die Wahrheit nicht sehen?!

„Ich wollte nicht unhöflich klingen, Maria“, sanft ergriff Julie die Hände der anderen, „Ich möchte nur nicht meine Befugnisse überschreiten. Ich habe eine andere soziale Abstammung. Und das ist in Ordnung.“

Ich beobachtete, wie Alexanders Blick sich kurz verzehrte, ehe er eilig abwank. Ich merkte mir dabei, wie er schneller zu reden schien. Wie er weder Maria noch Julie direkt ansah.

Ich musste seine Lügen riechen können.

„Ihr meint, weil Ihr aus einem fremden Land kamt? Aus dem gemeinen Volk?“

„Und weil ich nicht erwarten kann, dass Euer Bruder dies hinnimmt, solange ich ihn nicht selbst getroffen habe“, führte sie weiter aus.

Ich verkniff mir mein Lachen. Julie kannte Bernhards letzten Brief. Sie hatte ihn in meinen Erinnerungen gesehen. Sie hatte gelesen, wie sehr er sie für ihr Blut verachtete. Und sie wusste, dass Alexander Maria nur heiraten durfte, wenn sie und Bernhard zumindest verlobt wären.

Und genau deswegen ließ sie ihre Zweifel so offenkundig verlauten.

Ich belauschte das Gespräch nur halbherzig, da ich wusste, was Julie verlangen würde. Was ihr von Alexander nicht verwehrt werden konnte. Was somit auch von Marias Vater angenommen werden musste:

Bernhard sollte kommen und sich vorstellen. Er müsste sie kennenlernen. Und er müsste seinen Antrag selber vortragen. Denn zum einen musste ja Marias Vater diesem zustimmen, weil der Mann offiziell Julies Vormund war. Zum anderen wäre alles andere respektlos gegenüber Alexander und Marias Vater, wenn Bernhard sich nicht direkt an beide Männer wenden würde um die Eheerlaubnis einzuholen, oder?

Dass Bernhard sie somit jedoch auch wie eine Adelige behandeln würde, ließ Julie absichtlich weg. Immerhin sollte der Mann ja wütend werden. Wir bräuchten ihn zornig, damit wir unsere Rache umsetzen konnten. Damit Marias Vater endlich für Timmys Tod bezahlen würde!

Als Alexander endlich zustimmte, hätte ich Julie am liebsten geküsst. Stattdessen besann ich mich darauf, meine Gefühle zu unterdrücken. Keine Eile. Kein Zorn. Ich brauchte Ruhe. Gelassenheit.

Vertrauen.

Vertrauen in einer Welt, in der jeder jeden belog …

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