Timothy – Geplante Ehe

„Alexander ist wunderbar!“, schwärmte Maria uns vor, „Er ist aufmerksam, höflich und schau mal! Heute früh hat er mir extra diese Blumen gepflückt!“

Ich lauschte Julies Zustimmung, während ich selbst nur auflachen wollte. Die besagten Blumen waren immerhin von einem der Bediensteten gekommen. Dieser Alexander hatte den erstbesten Bediensteten ausgesandt, um sie zu besorgen.

Dennoch nahm ich es hin. Alexander war Julies Ticket aus diesem verfluchten Anwesen. Und sobald Julie abreisen würde, würde Marias Vater für Timmys Tod bezahlen!

„Bist du denn glücklich mit ihm?“, fragte Julie, während ich die anliegenden Dienstbotengänge durchschwebte.

„Glücklich?! Wie könnte ich das nicht sein!“, Maria quietschte ganz leise, bedeckte dann eilig ihren Mund mit dem Taschentuch und räusperte sich, „Verzeihung. Es ist nur- Ich dachte, dass ich ihm nicht genügen würde, weißt du? Weil ich nicht Elisabeth bin. Doch … Er liebt mich!“

Ich schüttelte mich. Liebe? Nein. Dieser Mann sah Maria nur als Goldbottich. Ich hatte ihn die letzten Tage über immer wieder auf Julies Wunsch hin ausspioniert. In seinen Briefen an seinen Vater und Bruder beschwerte sich dieser Alexander täglich über seine einfältige Zukünftige. Er verabscheute ihre Herzlichkeit. Sehnte sich stattdessen nach einer anderen Frau.

Nach einer Celine.

Einer Celine, die sein Vater ihm bereits als Konkubine zugesichert hatte.

„Meinst du, er wird dir bald einen Antrag machen?“, flüsterte Julie.

Ich schwebte zu den Frauen zurück. Dabei musterte ich die überglückliche Maria.

Ob ihr je bewusst werden würde, in welcher Traumwelt sie lebte?

„Ich glaube!“, die Unwissende beugte sich vor, „Er hat darum gebeten, morgen früh mit Vater zu reden. Allein! Gewiss wird er um meine Hand anhalten! Aber keine Sorge – dich und Sir Stark werden wir dann auf alle Fälle mitnehmen. Darauf habe ich bestanden, Julia!“

Der falsche Name löste ein unangenehmes Kribbeln in mir aus. Dennoch riss ich mich zusammen. Ich musste. Erst, wenn wir wieder auf Julies Zimmer waren, könnten wir frei miteinander reden. Dort würde niemand sie mehr bei ihrem falschen Namen nennen. Dort wären wir frei-

-frei wir selbst zu sein!

Erneut schwebte ich durch die Gemäuer, um die Gänge der Dienstboten abzugrasen. Dabei schaute ich diesmal auch nach Sir Stark, der Marias Gemächer stur bewachte. Ich wollte schon wieder umkehren, als mir ein kleiner Kerzenschein auffiel.

Elisabeth.

Still hatte sie sich in den Dienstbotengang geschlichen. Sie lehnte sich an die Wand. Lauschte nach ihrer Schwester. Schien zu zittern …

Wie sehr würde ich sie da nur verrecken lassen!

Stattdessen schwebte ich zu Julie zurück. Ich sammelte mich. Wartete einen Moment, bis Maria ausgelassen von ihrem letzten Ausflug mit Alexander schwärmte. Erst dann glitt ich in meine alte Freundin hinein.

Atmen, erinnerte ich mich stumm. Einmal ein. Einmal aus.

Dann schlüpfte ich eilig wieder hinaus.

Julie schaffte es irgendwie jedes Mal, die richtigen Erinnerungen in meinem Kopf von ganz allein zu finden. Ich musste nur zusehen, dass ich nicht vergaß, ihren Körper funktionieren zu lassen und danach wieder hinausschlüpfte. Für kurze Momente musste ich mich nur aufs Luftholen besinnen. Für längere auch aufs Blinzeln. Sonst schmerzte der Blick.

Nein. Nicht der Blick. Die Augen!

„Du wirst bestimmt glücklich mit Alexander werden!“, beteuerte Julie etwas aufgeweckter und näherte sich der Wand, hinter der Elisabeth sich versteckte, um auf das dortige Bild zu deuten, „So würde ich mir euer Leben in ein paar Jahren vorstellen. Glücklich. Mit drei oder gar vier Kindern. Oder was denkst du?“

Ich musterte das Gemälde. Es stellte eine lächelnde Familie dar. Wie jedes, das in Marias Raum aufgehangen war. Der Vater stand in der Mitte. Der Sohn schräg vor ihm. Dabei wies der Ältere auf etwas in der Ferne, was der Jüngere mit großen Augen musterte. Schräg hinter ihnen rannte ein kleines Mädchen um die beiden herum. Sie eilte auf die Mutter zu, welche ein weiteres Baby in ihren Armen hielt.

Laut der Bildunterschrift war der Junge Marias Vater. Huh. Dass so ein Miststück auch mal ein Kind gewesen war …

Ich musterte den Jungen noch einmal genauer.

Bildete ich es mir nur ein oder hatte er schon damals etwas Wirres in seinem Blick getragen?

„Ja. So wird mein Leben mit Alexander aussehen“, träumte Maria vor sich hin.

Keiner korrigierte sie.

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