Timothy – Flammengespräche

Die Werbungen von Cousin Alexander begannen nur zwei Wochen später. Immerzu fragte dieser, ob er nicht Maria treffen könne. Dass er gerne um sie werben würde. Dass sie natürlich Julia als Begleitung mitbringen dürfe.

Seine Briefe waren widerlich. Viel zu liebreizend. Schief. Verkehrt! Wäre es nach mir gegangen, hätte ich all seine Papiere auf einmal verbrannt. Aber da er Julias Weg aus dem Anwesen war …

„Wie fühlst du dich?“, vernahm ich ihre Frage an Maria.

„Leer“, offenbarte das Mädchen, „Hat Vater wenigstens heute …?“

„Er will dich nicht sehen“, gestand Julia, „Er meint, es wäre zu schmerzhaft. Er würde so nur an seine andere, an seine tote Tochter denken müssen.“

Ich beobachtete, wie Maria den Kopf hängen ließ. Wie sie wohl reagiert hätte, wenn sie die wahren Worte erfahren hätte? Immerhin behauptete der Mann derzeit, dass er nur eine Tochter besessen hatte. Und dass diese nun tot sei …

„Aber dein werter Vater hat zugestimmt, dass du gerne deinen Verehrer treffen kannst“, Julia half dem Mädchen, sich im Bett aufzusetzen und reichte ihr eine Teetasse, „Er meinte, er würde sich freuen, wenn du dein Glück woanders finden könntest. Hier ist es zu verflucht.“

„Alexander?“, verwirrt schaute sie von dem Getränk zu den Briefen, „Er hatte zuvor um Elisabeth geworben. Er-“

„Er hat seine Meinung geändert.“

„Er kennt mich nicht einmal.“

„Dafür beschreibt er dich ziemlich gut“, Julia zeigte ihr die neusten Briefe, „Und vielleicht will er dich gerade deswegen treffen. Um dir zu zeigen, wie sehr er dich insgeheim doch kennt.“

Für den restlichen Tag antwortete Maria nicht mehr. Und so blieb es Julia überlassen, sich um das schweigsame Mädchen zu kümmern sowie eine halbwegs vernünftige Antwort für diesen Alexander zu verfassen. Sie las Maria die Zeilen vor, ehe sie das Papier auf den Nachttisch legte. Damit sie es unterschreiben könne, sobald sie es abschicken wolle.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe diese ihren Namen darauf kritzelte und es Julia zurückgab. Nur damit diese es über Sir Stark verschicken lassen konnte.

„Du wolltest immer hier weg, Maria“, hauchte sie ihr zum Abend zu, „Vielleicht wird dein Traum bald wahr werden?“

Ich folgte Julia in ihr eigenes Zimmer. Nachdenklich beäugte sie zweimal den Flur, ehe sie die Tür schloss und die Kerze auf dem Tisch abstellte, die ihr unterwegs den Weg geleuchtet hatte.

„Selbe Regeln“, flüsterte sie.

Sofort ließ ich das Feuer auflodern.

„Weißt du, wo Elisabeth ist?“

Gelassen schwebte ich um den Tisch herum, ehe ich mich am Fenster niederließ. Dabei blieb das Feuer ruhig. Immerhin hatte ich die Madam nach ihrem vermeidlichen Tod nie gesucht.

„Weißt du, wie ich Maria helfen kann?“

Ich beobachtete, wie sie sich erschöpft auf ihr Bett setzte und die immer noch stille Flamme beobachtete.

„Du bist aber schon noch da, oder?“

Belustigt ließ ich die Flamme tanzen.

„Gut. Glaube ich … Du meintest ja, dass du nie weg warst …“

Sanft ließ ich die Flamme in die Höhe steigen. So weit waren wir über die letzte Wochen schon gekommen. Julia wusste, dass ich sie nie allein gelassen hatte. Dass ich jede Unterrichtsstunde ertragen habe. Dass ich zugehört habe, als Elisabeth ihr von dem Plan erzählte. Und dass ich sie notfalls immer beschützen würde …

Am liebsten wollte ich ihr alles freier erzählen. Wenn sie mich doch nur wieder sehen und hören könnte! Wir könnten uns gemeinsam einen Plan überlegen. Genau wie damals. In dieser Ruine von einem Haus. Mit Timmy …

Ehe meine Gedanken weiter abschweifen konnten, schüttelte ich mich. Ein Wind peitschte auf. Er knallte von draußen gegen die Fensterläden. Er fühlte sich vertraut an. Als wäre er ein Teil von mir!

„Du bist erschöpft, oder?“, flüsterte Julia sachte, „Entschuldige bitte. Ich muss dir nur Kummer bereiten …“

Ich schwebte auf sie zu. Aber ehe ich sie berühren konnte, stoppte ich mich. Ich würde sie nur erschaudern lassen. Das war nicht die Wärme, die ich ihr am liebsten schenken wollte!

Angespannt wandte ich mich an die Kerze. Ich sandte meinen Zorn hinein. Doch war es ein kontrollierter Zorn. Einer, bei dem die Flamme weder größer noch heller wurde.

Nur wärmer.

Als Antwort lachte Julia auf. Sie dankte mir leise. Machte sich bettfertig. Murmelte, ob ich nachts nicht auch nach Maria schauen könne.

Nur würde ich mich niemals dazu überwinden können, meine Julie allein zu lassen.

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