Timothy – Zwischen Lüge und Wahrheit

Es verlief alles so, wie Elisabeth prophezeit hatte: Ihr Tod wurde beim Frühstück verkündet. Ein Reitunfall in den frühen Morgenstunden. Tatenlos musste ich mit ansehen, wie Maria zusammenbrach. Wie Julia sie in ihre Arme schloss und tröstend auf sie einsprach. Wie Sir Stark um Vergebung bat, weil er die Madam nicht begleitet hatte …

„Nein. Das- Sie darf nicht-!“, schluchzte Maria gepeinigt.

„Der Tod kommt stets schneller, als man sich wünscht“, flüsterte Julia, nachdem der Hausarzt von einem schnellen Tod berichtet hatte, „Er ist ein Teil vom Leben. Und zumindest musste sie so nicht leiden …“

Dennoch schien das Mädchen ihr nicht glauben zu wollen. Sie schüttelte den Kopf. Sprach davon, dass sie sich am Vortag mit ihrer Schwester gestritten hatte. Dass sie es bereute. Dass sie es nie getan hätte, wenn sie nur gewusst hätte, dass sie diese heute verlieren würde! Sie machte sich Vorwürfe. Kauerte sich auf dem Boden zusammen. Schluchzte unkontrolliert-

Es schmerzte, sie so zu sehen …

„Du bist erbärmlich“, unterbrach ihr Vater plötzlich.

Seine Augen trugen einen abwesenden Blick in sich. Ein Fremder hätte es vielleicht als Trauer bezeichnet. Ich konnte darin jedoch einzig jenen Mann sehen, der eine andere Wahrheit verdrängte.

Der seine Tochter in den Scheintod getrieben hatte!

„Aber- Elisabeth-“

„Elisa ist, wo Gott sie haben will“, behauptete der Mann schroff, „Etwas, was ich von dir noch nie behaupten konnte … Ich ertrage deinen Anblick nicht mehr. Auf dein Zimmer mit dir! Und Sir Stark? Vielleicht könnt Ihr ja Euren Wert bei meiner anderen Tochter unter Beweis stellen. Mal schauen, wie lang Ihr diese beschützen könnt.“

Angespannt nickte der Ritter. Dann sprachen er und Julia auf Maria ein. Sie geleiteten diese aus dem Speisesaal. Ich schwebte hinterher. Ich beobachtete, wie sie das Mädchen trösteten. Wie sie ihr ein Taschentuch reichten. Wie sie ihr halfen, sich in ihrem Zimmer aufs Bett zu setzen.

„Ich hätte sie nicht alleine ausreiten lassen dürfen. Verzeiht mir“, hauchte Sir Stark aus.

Julia hielt inne. Ich erkannte, wie sie den Ritter musterte. Wie sich Schuldgefühle in ihre Augen schlichen. Stumm glitt ich durch sie hindurch, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht allein war. Dass sie nicht als einzige die Wahrheit wusste. Dass ich bei ihr bliebe …

Sie nickte kaum merklich.

„Nein! Ihr … Wieso habt Ihr sie allein gelassen? Wieso?!“

„Die Madam war … aufgewühlt“, offenbarte der Ritter, „Sie wollte den Kopf frei bekommen. Ich sollte bei den Ställen auf sie warten. Sie wollte nur einmal über das Anwesen reiten. Als sie zu lange brauchte …“

„Seid Ihr hinterher?“, forderte Maria zu wissen.

„Nicht sofort …“, er wandte den Blick ab, „Madam … Wenn es ihr nicht gut ging, brauchte sie stets etwas Ruhe. Ich habe daher noch etwas gewartet. Als dann jedoch ihr Pferd ohne sie zurückkehrte …“

„Ihr habt gewartet, bis ihr Pferd zurückkam?!“

„Maria“, Julia zog das Mädchen wieder aufs Bett hinab, als sie aufsprang, „Bitte. Sir Stark hat nur seine Befehle ausgeführt.“

„Er hätte sie retten können!“

„Der Arzt meinte, dass sie direkt nach dem Sturz starb. Es hätte nichts geändert. Bitte. Ich weiß, dass du dir einen Schuldigen herbei wünschst. Aber für Unfälle gibt es keinen.“

 Langsam nickte das Mädchen. Sie wirkte so zerbrechlich, dass ich sie zum ersten Mal nicht als verwöhnte Adlige wahrnahm. Stattdessen beobachtete ich, wie Julia sie beruhigte. Wie sie ihr half, zu schlafen. Wie sie Sir Stark anwies, vor dem Zimmer Wache zu halten. Gewiss würde sich der Vater demnächst noch bei seiner verbleibenden Tochter melden wollen, oder?

Als er endlich draußen war, schien eine Last ihre Schultern herab zu drücken. Sie seufzte. Atmete durch.

Hauchte meinen Namen aus.

Als Antwort glitt ich durch ihre Hand. Sofort runzelte Julia die Stirn. Sie entzündete eine Kerze. Murmelte, dass sie nicht verrückt wäre. Stellte dann das Feuer mitten auf dem Tisch ab.

„Flackern für ja, Ruhe für nein“, sie atmete tief durch, „Bist du das, Timothy?“

Ich brauchte einen Moment, um mich zu überwinden, ehe ich die Flamme tanzen lassen konnte. Zu sehr hatte ich mich die letzten Jahre verborgen. Nur wirkte es derzeit so, als brauchte sie mich. Sie war verzweifelt. Ängstlich. Ein Mädchen, dem seine Welt viel zu oft entrissen wurde.

Meine Julie!

Angespannt beobachtete ich, wie sie zitterte.

„Du kennst die … Wahrheit?“

Als ich diesmal das Feuer auflodern ließ, füllte sich ihr Blick mit Dankbarkeit.

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