
Michael wollte schreien! Er hatte seinen Weg zurückverfolgt. Jeden einzelnen Schritt. War wieder über die Mauer gestiegen. War dahinter kurz zusammengebrochen. Hatte sich dennoch zusammengerissen. Hatte die Schmerzen verdrängt, die die Tabletten noch nicht bändigen konnten. War sogar fast wieder in das Haus eingebrochen, in dem er den verrückten Polizisten zurückgelassen hatte, um dort nochmal nach seiner Kette zu suchen!
Doch vereitelte ein Nachbar seine Pläne. Er hatte den Verrückten gehört. Hatte die restliche Polizei verständigt. Jene Personen, vor denen Michael sich verstecken musste …
Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum ein paar Grundstücke weiter.
Wann hatte er seine Kette zuletzt in den Händen gehalten? Hatte er sie verloren, als der Verrückte sich auf ihn gestürzt hatte? Wenn ja, dann würde sie im Nu auf irgendein Revier wandern! Wenn nicht … Wo dann? Hatte er sie noch gehabt, als er das Haus beobachtet hatte? Wieso waren seine Gedanken so verworren? So-
Seine Hand griff ins Leere und erneut wurde ihm bewusst, dass ihm die Kette fehlte. Dass sie ihm nicht mehr helfen konnte, seine Gedanken zu ordnen.
„Verdammt, verdammt, verdammt!“, zischend kämpfte er sich auf die Füße. Er musste in Bewegung bleiben. Die Wunde neu versorgen! Doch die Ärztin seiner Kontaktperson war noch keine Option. Er wusste nicht, wie gut sie war. Oder ob Monas Leute ihn danach wieder gehen lassen würden. Ob sie ihn nicht lieber linken würden. Ob sie ihn auslieferten …
Nachdenklich betrachtete er die idyllischen Häuser. Alle sahen friedlich aus. Klein. Einfach. Belebt. Er wusste noch, wie schwer es gewesen war, ein leeres Haus zu finden, um die Polizisten zu befragen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in diesen sorgsam aufgeräumten Mauerwerken zugegen war und die Polizei rief, sobald man ihn auch nur sah, war zu groß. Dafür schwankte er zu sehr. Er passte hier nicht rein. War ein Fremder!
Dabei brauchte er doch nur einen Verbandskasten.
„Alles oder nichts“, spornte er sich an und machte sich auf dem Weg in Richtung Hauptstraße. Das hier war immerhin eine Kleinstadt. Da musste es doch auch irgendeinen kleinen Laden ohne Kameras geben, in dem er sich einen Verband oder so besorgen konnte. Es musste!
Michael hatte keine Ahnung, wie lange er sich durch die Straßen und Hinterhöfe geschleppt hatte, ehe er die Hauptstraße fand. Den Blumenladen erblickte er dabei als erstes. Er war mit einem riesigen Schild geschmückt. Aushilfe gesucht, prangte darauf.
„Konzentration. Komm schon“, murmelte er sich wieder zu, während er sich noch ein paar Tabletten einwarf. Dort war ein großer Supermarkt. Da eine Reinigungsfirma. Eine Werkstatt. Ein Eckladen, ein- Der Eckladen!
Den Blick auf sein Ziel gerichtet, schob er sich angestrengt voran. Er achtete kaum noch auf seine Umgebung. Diese würde ihn nur demotivieren, da sie viel zu langsam an ihm vorbeizog. Da er-
Das Läuten der Türglocke erschrak ihn. Es klang hell auf, als er den Laden betrat. Weckte den Blick der Verkäuferin, die ihn verwirrt ansah.
„Ja?“
Michael wank lächelnd ab. Er traute sich nicht, etwas zu sagen. Dafür fühlte er sich zu zittrig. Lieber ging er tiefer in den Laden. Stützte sich an einer Kühltruhe ab. Sah Verbände. Nahm sich eine Rolle. Lief jedoch direkt weiter, ohne sich umzudrehen. Weiter zum Toilettenpapier. Um-
Das Glöckchen meldete sich nochmal. Wieder hörte er die alte Verkäuferin grüßen. Direkt hinter ihm. Also hatte er sich nicht getäuscht. Die Alte war ihm gefolgt. Doch die Mädchenstimmen hielten sie nun zurück. Sie sprachen miteinander. Waren zu laut, um ihn zu hören, oder?
Damit riss er die Bandage auf und tauschte sie mit seinem klebrigen Shirt aus. Sterne tanzten vor seinen Augen. Es fühlte sich an, als würde er das Bewusstsein verlieren. Dabei durfte er doch nicht! Er musste wach bleiben! Immer die Augen offen halten!
Zittrig riss Michael eine Toilettenrolle aus der Packung und presste sie in seinen Verband mit hinein. Der Druck half. Doch konnte er das Teil nicht die ganze Zeit festhalten. Und den Verband könnte er so auch nicht fester ziehen. Er könnte nicht-
Hatte er sich den Schatten nur eingebildet?
Angestrengt zog er seinen Mantel mit der rechten Hand zu. Die linke hingegen versuchte, die Pistole zu entsichern. Sich in den vertrauten Griff zu winden. Jenen, der für die anderen Finger bestimmt war.
Er war hoffnungslos verloren.
Damit lenkte er seinen Blick durch eine Lücke im Regal. Er erkannte eine Gestalt. Jedoch war es nicht die der alten Verkäuferin. Auch konnte er keine Uniform ausmachen. Die Person war schmal. Mit ausgewaschener Kleidung. Sie erinnerte ihn an das Mädchen, das er an der Mauer getroffen hatte.
Ihr Blick lag auf dem Boden, als sie um die Ecke trat und eilig ließ er von seiner Waffe ab. Stattdessen gab er sich gelassen. Ruhig.
So ruhig, wie es ihm die Wunde zumindest gestattete.
„Sag bloß, man kann dir weiterhelfen?“, ein kränkliches Lachen entkam Michael. Eines, das seine Brust schmerzte. Dennoch konnte er es nicht unterdrücken. Erst recht nicht, als sie leicht zurücksprang.
Zu seiner Überraschung überkam sie ihren Schrecken sofort wieder. Ihre Augen lagen auf dem Boden. Dann auf seinen Händen. Zuletzt blieben sie an seinem Gesicht hängen.
„Du bist verletzt“, im Nu stand sie vor ihm – hatte sogar schon seinen Mantel beiseite geschoben, ehe er gar ihre Hand einfangen konnte.
„Das geht dich nichts an“, herrschte er sie kraftlos an, doch sein Blick schwankte bereits wieder.
Warum musste ihm jetzt wieder schwindelig werden? Er hatte keine Zeit dafür! Er war zu angeschlagen. Zu-
„Doch. Ich hätte dir schon vorhin helfen sollen. Das Klopapier und die Fetzen da werden nicht ewig halten. Also zeig her“, widersprach sie so heftig, dass es nun an ihm lag, zurückzuweichen.
Michael beobachtete, wie das Mädchen mit ihrer freien Hand seinen Mantel beiseiteschob. Dann machte sie sich daran, das Toilettenpapier und den schiefen Verband zu lösen.
Er verkrampfte sich, als sie gegen die Wunde kam. Drückte ihr Handgelenk. Begegnete ihren strengen Augen. Fühlte sich schuldig, sie vielleicht verletzt zu haben. Der Person, die ihm nun aus seiner eigenen Dummheit hinaus half.
Viel zu langsam ließ Michael ihre andere Hand los und begutachtete sie dabei. Zumindest schien er das Mädchen nicht verletzt zu haben. Dann blieben ihm wenigstens ein paar Schuldgefühle erspart …
„Was hast du denn da gemacht?“, holten ihre Worte ihn wieder zurück.
„Etwas, womit ich leider nicht ins Krankenhaus kann“, entgegnete er still.
Langsam legten sich ihre Augen wieder auf ihn. Sie schien sein Gesicht abzusuchen. Schien sich an etwas zu erinnern. Sich zu entscheiden.
„Sie sollte gereinigt werden“, ehe Michael sich versah, drehte sie sich um und verschwand. Doch irgendwie hatte er keine Angst, dass sie ihn verraten würde. Sie hatte zu entschlossen gewirkt. Zu … ehrlich?
Kurz darauf stand sie wieder vor ihm. Sie wies ihn an, sich kleiner zu machen. Starrte nur auf seine Wunde. Schüttete irgendeine Flüssigkeit darüber. Schob seinen Mantel beiseite. Tupfte alles mit einem frischen Verband ab. Verband es konzentriert. So konzentriert, dass sich Michael kaum traute, sie zu unterbrechen. Zu sprechen. Gar zu atmen!
Erst als sie fertig war, entließ er das eine Wort, das ihn den Kopf vernebelte:
„Warum?“
