M: Von Verrätern bedrängt

„Das ist alles, was ich im Stadtarchiv zu den Tunneln finden konnte“, erklärte sie Mom Mona bei der Übergabe, „Den Rest hält die Stadtverwaltung unter Verschluss.“

„Hm, das ist mehr als erwartet. Du bist ein Schatz, Cherry“, murmelte die Frau, als sie die Papiere durchging, „Ich lasse Georgie die Zugänge am Hafen morgen nochmal prüfen. Gemma will, dass die Übergabe am Mittag so reibungslos wie möglich abläuft.“

„Übervorsichtig wie eh und je“, Lisa zuckte mit den Schultern. Sie war fertig mit ihrem Teil. Damit sollte sie bis Mittwoch Ruhe haben. Wenn nichts dazwischen kam, weil wieder neue Lacks vermutet werden würden.

Das war immerhin der Grund, weswegen sie seit Wochen am Recherchieren war. Ständig musste sie Informationen prüfen. Immer sichergehen, dass sie noch aktuell waren. Dass niemand sie kompromittiert hatte. Denn das könnte nicht nur das Leben von Gemmas Laufleuten gefährden.

Es könnte ihr ihren Mann nehmen. Es könnte ihre Söhne auf die Zielscheibe schieben.

„Cherry. Warte“, stoppte Mona sie, als sie gerade ihre Tasche aufsetzte.

Lisas Brille verrutschte. Sie schob sie wieder zurecht. Wartete darauf, dass die Frau ihr sagte, was sie wollte. Was sie brauchte. Was Lisa nun wieder prüfen sollte.

Doch wies diese nur auf die Tür hinter sich.

„Jetzt? Lucas und Matt warten bestimmt schon und-“

„Jen ist vorne und hat ein Auge auf die Kleinen. Keine Sorge. Du solltest aber wirklich zu ihm. Er hat darum gebeten“, erklärte die Ältere.

Lisa starrte auf ihre Füße. Sie wusste, was das bedeutete. Wenn sie das Gebäude nun verließ, ohne Gemma seinen Respekt zu zollen, würde er seinen Frust an Mortes auslassen. An ihrem Mann, der ohnehin schon pausenlos arbeitet. Dieser müsste dann noch mehr Extraschichten schieben. Er müsste gefährlichere Missionen übernehmen. Vielleicht sogar Auftragsmorde. Nur weil sie nicht seinem Boss unter die Augen treten wollte. Nur weil sie lieber bei ihren Söhnen bleiben wollte.

Mit beklemmendem Gefühl im Bauch trat sie an Mona vorbei. Sie übergab dabei ihre Tasche an die Frau. Das war Vorschrift seit Radius fort war. Egal, wie vertrauenswürdig man auch erschien.

Ohne die üblichen Verräter hätte Lisa immerhin sehr viel weniger zu tun.

Gemmas Büro war hell ausgeleuchtet. Heller, als in allen Krankenhäusern, Verlagen oder Ämtern, in denen Lisa je zugegen gewesen war. Sie wusste nicht, warum er auf so viel Licht bestand. Selbst wenn in Merichaven der Strom ausfiel, blieb es hier strahlend hell. Und reinlich. Lisa konnte sich nicht erinnern, je einen Fleck oder gar ein Staubkorn auf dem braunen Teppich gesehen zu haben. Selbst der Tisch glänzte wie frisch poliert, als der Mann ein kleines Gerät darauf zusammenbaute.

Das machte er öfter. Er nannte seine Basteleien kleine Geschenke. Ob es jedoch Bomben oder Wanzen waren, konnte Lisa nicht sagen. Dafür kannte sie sich zu wenig damit aus.

„Guten Abend“, grüßte sie, sobald sie vor Gemma stand.

Stumm deutete er auf einen Stuhl. Dann beugte er sich tiefer über sein neustes Projekt. Er bog einen kleinen Ring durch ein Loch. Griff nach einem Schraubendreher. Befestigte das schiefe Konstrukt an einer Platte, um die losen Kabel darunter zu schieben. Sah dann erst auf.

„Ich habe mich schon gefragt, wie lange du mir noch aus dem Weg gehen möchtest, Cherry“, bemerkte er.

„Dabei bin ich doch direkt gekommen, nachdem Mona mich dazu angewiesen hat“, erklärte sie.

„Hm. Dann hat Mortes nichts gesagt?“

Angst sickerte durch sie hindurch. Hatte ihr Mann deswegen derzeit so viel zu tun? Weil er nicht wollte, dass sie Gemma gegenübertreten musste? Hatte er lieber den Frust seines Bosses auf sich geladen, statt ihr ein einziges Gespräch zuzumuten? Sie konnte ja fast sauer auf den Kerl sein, wenn sie ihn nicht so abgöttisch lieben würde.

„Das muss uns leider entfallen sein. Er ist in letzter Zeit viel unterwegs“, behauptete sie geschmeidig.

Gemma lachte. Nur war es kein herzliches Lachen. Lisa bezweifelte, dass er so etwas je vollbringen könnte. Er war zu kalt dafür. Zu tot.

Ob sein Herz überhaupt noch schlug? Oder ob es nur eine Zierde war?

„Wie du meinst“, er schob sein Erbautes beiseite, „Sag, wann wird Radius wieder zur Vernunft kommen?“

„Wie bitte?“, Lisa traute ihren Ohren nicht – hatte er sie wirklich deswegen hierher bestellt? Er wusste wie stur Radius sein konnte!

Und wie sehr sie ihn zu ihrem Abschied verflucht hatte …

„Meine Tochter. Radius. Die Verräter nehmen mit jedem Monat zu. Wir haben fünf allein im letzten Quartal hinrichten müssen. Weißt du, wie viel Arbeit das ist? Ihre Körper verschwinden zu lassen? Die Suchen nach ihnen einstellen zu lassen? Wie viel Arbeit solche Menschen generell machen, ehe wir sie in unsere Finger bekommen? Ehrenvolle Mitarbeiter sind so schwer zu finden … Da haben die Vertrauenswürdigen immer mehr zu tun. Viel zu viel zu tun. Du verstehst?“, er grinste sie schief an.

Dieses Grinsen hasste Lisa am meisten an ihm. Er nutzte es stets, um mit den Gefühlen seiner Leute zu spielen. Mit ihren. Mit denen von Mortes. Mit Radius als sie noch bei ihnen war …

Ob er es auch mit ihren Söhnen vorhatte? Damit sie später für ihn mit arbeiteten? Damit sie nach seiner Pfeife tanzten?

Eilig schob sie ihre Befürchtungen beiseite. Sie durfte sich nicht ablenken lassen. Das wäre der erste Fehler. Das hatte Radius ihr doch beigebracht!

Und auf ihre beste Freundin würde sie hören.

„Radius ist zu verhindert. Ich glaube nicht, dass sie je wieder zurückkommen wird“, nahm sie die andere in Schutz.

„Oh, aber das muss sie. Merichaven ist ihre Heimat. Was will sie sonst machen? In Centy hat sie es ja auch kaum ausgehalten. Und nun diese Kleinstadt? Raptioville? Ich bitte dich, Cherry. Das ist ihr doch nächste Woche schon zu langweilig“, bemerkte er.

„Sie hat sich verändert. Sie will nicht zurück“, versuchte Lisa es ihm noch einmal bestimmter mitzuteilen.

„Hm. Nein. Sie denkt, sie hat sich geändert. Aber sie kann ihr Leben nicht fortwerfen. Nicht so“, er trommelte mit den Fingern über seine Tischplatte, „Mir antwortet sie nicht. Und leider kann ich Merichaven nicht verlassen, ohne den Verrätern eine Öffnung zu lassen. Also wirst du sie wohl kontaktieren müssen. Nimm deine Kinder mit. Lass sie sich wieder wie eine Patenmutter fühlen. Immerhin hat sie Lucas schon lange nicht mehr gesehen, oder? Erinnert er sich überhaupt noch an sie?“

„Ich glaube nicht, dass sie so einfach-“

„Das war keine Bitte“, betonte Gemma schroff, „Geh Radius mit deinen Kindern besuchen. Ich habe gehört, dass sie Zwillinge bekommen hat. Ich will sehen, wie sie sich machen. Ich will, dass sie, falls sie Potential zeigen, später die Aufgaben ihrer Mutter übernehmen können. Ansonsten brauchen sie keine weitere Atemluft verschwenden. Und was ihre dumme Liebschaft angeht: Sie muss hinrichtet werden, damit Radius sich endlich wieder ihrem richtigen Leben zuwenden kann. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?!“

Lisa atmete tief durch. Sie murmelte eine Zustimmung, um dem Büro zu entkommen. Um sich zu verabschieden und an Mona vorbei zu fliehen. Zu ihren Söhnen, die immer noch auf sie warteten. Die sie unschlüssig musterten, als Mona ihr ihre Tasche hinterher bringen musste.

„Wir gehen Papa besuchen“, murmelte Lisa, sobald sie wieder draußen an der frischen Luft waren.

„Müssen wir wieder umziehen?“, fragte Lucas.

Umziehen. Ja. Das mussten sie in letzter Zeit häufiger. Immer wenn sie Gefahr liefen, dass die Verräter ihnen zu nahe kamen. Immerhin wusste Gemma, dass Radius ihm nie verzeihen würde, wenn Lisas Kindern etwas geschah. Dass sie dann lieber ganz Merichaven niederbrennen würde, als ihm nochmal zu helfen.

Denn sie war diejenige gewesen, die Lucas damals aus Lisa herausgeholt hatte. Sie hatte den Jungen beschützt, bis endlich Gemmas Arzt eintraf. Sie hatte mit Lisa geredet, damit diese nicht aufgab. Damit sie nicht einschlief. Damit sie kämpfte.

Deswegen hatte Lisa sie auch gefragt, ob sie Lucas Patenmutter sein wolle. Und Radius hatte direkt zugestimmt. Sie hatte bestimmt, dass der Junge ein normales, sicheres Leben haben solle. Nur dadurch hatte Lisa die ersten zwei Jahre keine großen Aufträge von Gemma bekommen. Nur so war überhaupt Matt entstanden …

Und nun wäre Gemma bereit, sein eigenes Fleisch und Blut zu ermorden, nur damit seine Tochter ihren Platz in der Unterwelt von Merichaven wieder einnähme. Was würde ihn gar davor stoppen, Lucas und Matt in seine Machenschaften zu ziehen? Würde er eines Tages Mortes mit den Leben seiner Kinder bedrohen? Würde er es bei Lisa tun?

„Mama?“, riss Matt sie aus ihren Gedanken.

„Ja?“, fragte sie still.

„Du hast nicht geantwortet. Ziehen wir wieder um?“, erkundigte er sich zögerlich.

„Ich weiß es nicht. Ich … Wir reden erstmal mit Papa. Ja?“

Und Lisa hoffte, dass sie einen Ausweg fanden. Dass sie die Verräter in die Enge treiben konnten, ohne ihre Freundin hierher zurück zu zwingen. Ohne ihr neues Leben zu zerstören.

Wenn jemand den Frieden verdient hatte, so musste es doch gewiss Radius sein, oder?

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