
Lilith, schallte es durch ihren Traum, Lilith!
Es war wie ein vergangenes Echo. Eine weit entfernte Erinnerung. Genauso wie die Bilder, die sie von den seltsamen Kreaturen angefertigt hatte. Von diesem Teufel. Diesem Kind. Diesen … Freunden?
Lilith, ich brauche di-
Abrupt setzte Liane sich auf. Sie schwitzte. Schemen verschoben sich vor ihrem inneren Auge. Geschöpfe, die so fremdartig und dennoch so vertraut wirkten. Sie fühlte sich wie in einem Science Fiction Film. Nur …
Das waren keine Aliens. Das waren keine Ungeheuer. Diese … Geschöpfe waren einfach nur anders.
Und anders war nicht schlecht.
Allmählich beruhigte sie sich wieder. Sie schüttelte sich. Band wie in Trance ihre Zöpfe. Eine Strähne hoch, eine runter, eine dazwischen durch. Die Bewegungen hatten etwas Beruhigendes. Etwas Festigendes. Erst nachdem sie die Haare neu gebunden hatte, konnte sie durchatmen.
Es war stockfinster draußen.
„Das kann doch nicht wahr sein“, murmelte sie vor sich hin, als sie die leuchtenden Zahlen des Weckers erblickte.
Halb zwei. Shiloh war erst vor drei Stunden nach Hause gegangen. Bis dahin hatten sie noch über diesen Mr. Belial recherchiert. Sie hatten herausgefunden, dass er in einem runtergekommenen Waisenhaus in Centy aufgewachsen war. Auch hatte er einen Eintrag im Jugendkriminalregister, welcher nicht öffentlich abrufbar war. Die Bemerkungen aus seiner Schulzeit glänzten eher mit Tadel als Lob. Es schien, als hätte sich sein ganzes Ansehen nur wegen seiner finanziellen Glückssträhne gewandelt.
Liane stand auf und streckte sich. Sie begutachtete ein letztes Mal die Uhrzeit, ehe sie sich durch die Dunkelheit in die Küche schlich. Erst dort machte sie sich das erste Licht an. Damit sie ihren Vater nicht sorgte. Also, falls er sich noch um sie sorgte? Er schien sich ja in letzter Zeit immer mehr zurückzuziehen …
Seufzend nahm Liane sich ein Glas Wasser und leerte es in wenigen Zügen. Sie schüttelte sich. Massierte ihre Schläfen. Schloss die Augen. Dachte daran, dass es Oliver und Shiloh auffallen würde, wenn sie sich nicht genug ausruhte. Dass sie zu Kräften kommen musste. Ansonsten würden die Zwei sie wieder so unschlüssig mustern. Dabei wollte sie ihnen doch keinen Kummer bereiten!
„Was machst du nur, Lilith?“
Liane stockte. Die Worte waren ihr ungefragt entflohen. Sie hatte sich selbst den anderen Namen gegeben. Einen Namen, der nicht ihrer war. Der-
Der doch so vertraut klang. Den auch dieser Mr. Belial verwendet hatte. Der auch in ihrem Talisman stand. Mit dem Chemy sie angeschrieben hatte.
Der Name fühlte sich als einziges richtig in dieser verschobenen Welt an!
„Lilith“, sie testete das Wort auf ihrer Zunge, „Lilith? Lilith.“
Sie ging mehrere Betonungen durch. Flüsternde. Lautere. Wütende. Traurige. Erschöpfte. Glückliche.
Und mit jedem Mal fühlte sie sich mehr mit diesen zwei Silben verbunden.
„Das ist doch verrückt“, murrte sie und befüllte sich das nächste Glas, „Ich bin Liane Rivers. Nicht Lilith Bach od-“
Wo kam das Bach her?
Angst durchflutete sie. Sie verschüttete das Wasser, als sie das Glas hastig abstellte. Sofort tastete sie nach ihrer Hosentasche. Nach dem Talisman, der nicht dort war. Der noch mit ihrem Handy oben in ihrem Zimmer lag. Der noch in ihrer Jeans steckte!
Ein Zittern suchte sie heim.
„Lilith Bach“, wiederholten ihre Lippen ungefragt.
Liane strich über ihre Zöpfe. Sie dachte an einen albernen Zufall. Spürte, wie das Zittern heftiger wurde. Erblickte dann plötzlich den Laptop auf dem Tisch im angrenzenden Esszimmer liegen.
Der Laptop ihres Vaters.
Sobald sich der Entschluss in ihr festigte, ließ auch das Zittern ein wenig nach. Sie atmete tief durch. Rieb sich die Handgelenke. Eilte nach nebenan, um das Gerät zu starten. Dennoch brauchte sie zwei Versuche, um den richtigen PIN einzugeben. Sie öffnete den Browser. Schloss ihn wieder.
„Anders“, murmelte sie sich selbst zu, als sie einen Tab im Inkognitomodus auswählte. Das wäre sicherer. Falls ihr Vater doch wieder überfürsorglicher werden sollte. Erst danach tippte sie den Namen atemlos ein. Als müsse sie sich beeilen. Als würde sie sonst der Mut verlassen, das Zittern sie übermannen und sich alles nur als seltsamer Traum verzerren!
Lilith Bach Centy
Die ersten Ergebnisse waren kaum der Rede wert. Doch der dritte Eintrag ließ sie innehalten. Ein altes Foto war neben dem Artikel hochgeladen worden. Darauf waren vier Personen abgebildet: Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Die Eltern sahen sehr fein aus. Beinahe edel! Sie hielten den Jungen zwischen sich. Als wäre er ihr ein und alles. Das Mädchen drängten sie jedoch an den Rand, sodass sie fast gar nicht mehr mit auf das Bild passte.
Und dieses Mädchen sah Liane wie aus dem Gesicht geschnitten aus.
David und Abigail Bach mit ihren Kindern Lucas und Lilith, hieß es daneben. Hinter ihren Namen waren je zwei Jahreszahlen angegeben. Eine für den Geburtstag. Eine für den Todestag. Nur bei Lucas war noch kein Sterbedatum vermerkt. Es wunderte Liane nicht. Er war ja noch so klein. Er war erst sechs Jahre nach ihr auf die Welt gekommen und-
Unschlüssig schüttelte Liane den Kopf. Das war doch Wahnsinn! Wohin waren ihre Gedanken nur unterwegs? Vielleicht waren die Leute einfach nur entfernte Verwandte? Oder Vorfahren? Ja! Genau! Sie musste den Namen Lilith Bach bestimmt schon einmal von ihrem Vater gehört haben und deswegen-
Ihrem Vater …
Lianes Augen landeten wieder auf der vergilbten Form von diesem David Bach.
Wieso konnte sie bei dem Wort Vater nur an sein Gesicht denken?!
„Das ist doch-“, ehe sie weiter meckern konnte, fiel ihr ihre Hand wieder auf.
Das Zittern hatte aufgehört.
Sie drehte die Finger sachte um. Beobachtete die Konturen von allen Seiten. Dachte daran, dass sie sich noch nie so gelassen gefühlt hatte. Noch nie so …
Vollständig?
Nachdenklich las sie den Artikel über die Bachs durch. Das Foto war vor knapp achtzig Jahren entstanden. Damals hatte die Familie zu den zehn reichsten von Centy gezählt. Jedoch waren sie auch sehr altmodisch in ihren Ansichten. So kam es, dass sie ihre Tochter Lilith nannten, da in den Augen von David und Abigail Bach eine Familie nie ein Mädchen als Erstgeborene haben sollte. Als das Kind ein knappes Jahr nach der Geburt ihres Bruders verschwand, hatte die Presse es daher als Mord an Fleisch und Blut aufgefasst. Es wurde behauptet, dass die Eltern ihren Schandfleck entfernen wollten. Erst nachdem sich die Suche nach der kleinen Lilith zwei Monate hinzog, wurde die Haushälterin der Bachs verhaftet. Sie hätte gestanden, das Kind getötet und die Überreste verbrannt zu haben. Deswegen war ihre Hinrichtung verhängt worden.
Und David und Abigail Bach konnten ihre Hände in Unschuld waschen.
„Martha hat mich nicht-“
Wieder hielt Liane inne.
Martha. Auch dieser Name war einfach aus ihr herausgeplatzt. Dabei hatte sie ihn doch nirgends im Artikel gelesen. Oder doch?
Unschlüssig ging sie auf Seite durchsuchen und gab den Namen Martha ein. Dann nochmal in anderen Schreibweisen.
Kein einziger Treffer.
„Ich verlier noch den Verstand!“, sie atmete nochmal tief durch. Schaute auf die Uhr am Laptop. Auf die leuchtende vier am Anfang. Strich über ihre Zöpfe. Scrollte wieder auf den Anfang der Seite zurück. Zu dem einzigen Namen, hinter dem kein Todestag vermerkt war.
Nein. Sie würde nur den Verstand verlieren, wenn sie keine Antworten bekam.
